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Auf der Suche nach dem Ganzen

Kultur Auf der Suche nach dem Ganzen

Die beiden Männer durchstreifen mit ihren Ziegen und Schafen wilde Gebirgslandschaften in Sardinien, erklimmen Hochplateaus und passieren Bachläufe. Sie machen dabei Halt an verlassenen Heiligtümern, nächtigen in aufgegebenen Dörfern und verbringen die Tage unter freiem Himmel.

Von Benjamin Schrader

Hauptfiguren dieser Wanderungen über die Insel sind der desertierte römische Legionär Pausanias und der Stammesführer Tribu, der als Letzter sein nuraghisches Heimatdorf Tiscali verlassen hat. Der 71-jährige Hasso Neumann aus Wölpinghausen schickt in seinem neuen Buch „Tiscali“ seine beiden Protagonisten nicht nur auf reizvolle Wege quer durch Sardinien, Pausanias und Tribu begeben sich bei ihrer Reise durch die Weiten der Insel auch auf eine Reise zu den zentralen Fragen des Lebens.

 Beide haben die Brücken zur Vergangenheit hinter sich abgebrochen, sind auf der Suche nach dem Neuen, und so drehen sich die Gespräche und Erinnerungen in Neumanns Buch auch um die großen Themen Freiheit, Religion, Selbstbestimmung und die Furcht vor dem Tod. Doch auch die verschwommenen Grenzen zwischen Traum und Realität, Illusion und Vorahnung webt Neumann in die Dialoge ein, verbindet sie mit Abstechern in die Kulturgeschichte und Mythologie. Immer wieder bedient sich der Autor aus Wölpinghausen bei antiken Vorgängern wie Platon und Cicero. Angereichert sind die Exkurse über die ursprüngliche sardische Kultur sowie das Geistesleben im Rom der frühen Kaiserzeit mit zahlreichen Bildern der Architektur der Insel.

 Bei all diesen Fäden, die Neumann miteinander verwebt, bleibt die Stringenz – im Gegensatz zu den Vorbildern Platon und Cicero – nur allzu oft auf der Strecke. Auch die aufgeworfenen Fragen werden nicht wie bei den antiken Vorlagen im Dialog mit einer klaren Erkenntnis beantwortet, sodass der Leser bisweilen etwas ratlos zurückbleibt.

 Diese Ratlosigkeit besteht gerade zu Beginn von „Tiscali“ in Sachen Zeitebene. Neumann lässt den Leser im Unklaren, ob das Buch im dritten Jahrhundert vor Christus angesiedelt ist, oder Pausanias und Tribu vierhundert Jahre später durch die Inselwelt reisen.

 Deutlich wird dies auch daran, dass Neumann Fragen des 21. Jahrhunderts aufgreift – und mit ihnen auch Begriffe nutzt, die keineswegs in den historischen Kontext passen. So ist die Empörung über Sklaverei aus heutiger Sicht gut nachvollziehbar, die Menschen der Antike stellten dieses Phänomen indes nur sehr vereinzelt infrage. Auch mit den Begriffen Demokratie und Imperium sowie der zeitlichen Verortung der Marienverehrung zeigt sich der Wölpinghäuser keineswegs sicher.

 Was am Ende bleibt, ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt, mit schönen Bildern Sardiniens verzaubert und ein wenig historisches Ambiente atmet – mehr aber auch nicht.

 Hasso Neumann und Friedhelm Hamann stellen das Buch „Tiscali“ am Sonnabend, 8. Dezember, von 16 Uhr an in der Buchhandlung Schmidt in Stadthagen vor.

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