Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Bevor Loriot auf den Hund kam, kam er auf die „Straße“

Landkreis / Vicco von Bülow Bevor Loriot auf den Hund kam, kam er auf die „Straße“

Müller-Lüdenscheid, Doktor Klöbner, Hallmackenreuther, Hoppenstedt, Schneidereit, Lindemann und viele andere: Vicco von Bülows Sinn für feinste Ironie, für die Dinge, die eigentlich nicht zusammenpassen, drückte sich auch in der Wahl der Namen für seine Figuren aus.

Voriger Artikel
Klaus Urban dominiert die Konkurrenz
Nächster Artikel
Regengüsse können den Zuhörern ihre Freude nicht vermiesen

Landkreis (jpw). Woher der Humor-Perfektionist diese Namen entlehnte, ob sie ganz und gar seiner Phantasie entsprangen, ist sein Geheimnis geblieben. Mindestens in einem Fall besteht aber ein offensichtlicher Zusammenhang, der in seine Anfänge zurückreicht.

Die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft, aus der der junge Karikaturist seine Anregungen nahm, war zu Anfang der fünfziger Jahre noch nicht satt genug, um über sich lachen zu können. Das musste auch Vicco von Bülow alias Loriot erfahren, der „erst im Jahre 1950 auf die absurde Idee kam, es mit Heiterem zu versuchen“.

Der junge Absolvent der Hamburger Kunstakademie, immerhin ausgebildeter Maler, Zeichner und Grafiker, rang sich in wochenlanger Arbeit die ersten zwei Zeichnungen ab. Für den "Stern", wie erhofft, reichten die Zeichnungen nicht, aber zu seiner größten Überraschung kaufte sie das illustrierte Blatt "Die Straße" für je 25 DM. „In Folge dessen stellte die Zeitschrift bald darauf ihr Erscheinen ein“, erinnerte sich er sich später.

Rund fünf Monate hat Loriot für die „Straße“ gearbeitet, eingegangen ist das im Frühjahr 1947 in Hannover erstmals erschienene Blatt sicherlich nicht als Folge seiner Zeichnungen auf der Seite „Die ‚Straße’ lacht“. Das illustrierte Blatt erschien unter der klug versteckt gehaltenen Obhut von Henri Nannen ausdrücklich als Konkurrenz zu dem ebenfalls in Hannover erscheinenden "Spiegel".

In der Folge geraten die beiden Blätter einmal direkt aneinander, beim Mega-Thema des Sommers 1948, der Jagd auf den „Würger vom Lichtenmoor“. Die siebenteilige Sonderserie der "Straße" über den eingewanderten Wolf kommentiert die damals schon mächtige Spiegel-Konkurrenz aus dem 7. Stock des Anzeiger-Hochhauses offenbar leicht neidisch mit der deshalb für geboten gehaltenen Süffisanz - natürlich ohne den Namen zu nennen.

Ansonsten hatte immer Rudolf Augstein mit dem „Spiegel“ die Nase weit vorn, obwohl bei der "Straße" unter anderem Arthur A. Zell – der erste „Macher“ der Hannover-Messe – am Chef-Schreibtisch saßen. Besonders einer seiner Nachfolger muss auf den jungen Vicco von Bülow einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen haben: Victor Schuller, ein Kriegskamerad von Henri Nannen, führte die "Straße" vom 19. April 1948 an, bis zur letzten Ausgabe am 1. März 1951. Dazwischen lag der Umzug der „Straßen-„Redaktion von der Seilwinderstraße in Hannover nach Hamburg.

Der Verleger Gerd Bucerius hatte das Blatt zusammen mit Nannens „Stern“ quasi miterworben. Die "Straße" ging im "Stern" auf, Chefredakteur Schuller wechselte nahtlos und kletterte dort die Karriereleiter zum stellvertretenden Chefredakteur hinauf.

Loriot ging offenbar mit – arbeitete zwischendurch auch für das "Hamburger" - und kam zeichnerisch auf den Hund, was ihm zunächst eine Menge Ärger und fast das Ende beim "Stern" einbrockte, bis der Einfall vom Nashorn Reinhold ihm die Karriere rettete.

Schuller, Buch- und Drehbuchautor, gab später die erste Ausgabe des Journalisten-Standardwerks „Deutsch für Profis“ von Wolf Schneider heraus.

Victor Schuller, ein Journalist als Ziel eines Karikaturisten? Für Loriot offenbar schon. sein umtriebiger knollennasiger Reporter heißt Victor Schmoller. Zu namensgleich, zu wenig zufällig, als dass der feinsinnige Geist seinem Chef bei der „Straße“ und beim „Stern“ nicht doch ein knollennasiges Denkmal gesetzt hat; beim „Jodeldiplom“ spielt Loriot ihn sogar selbst.

Möglicherweise steckt auch später Dank in der Namensgebung, schließlich muss es Schuller gewesen sein, der als Chefredakteur der „Straße“ die ersten beiden Karikaturen genehmigt und abgenickt hat, der Beginn einer großen Karriere. Loriot kaufte sich übrigens vom ersten Honorar der "Straße" einen blauen Schlips.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben