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„Das Böse muss aus dem Guten entstanden sein“

„Das Böse muss aus dem Guten entstanden sein“

Der streitbare Historiker und Journalist Götz Aly ist mit den Thesen zu seinem neuen Buch „Warum die Deutschen? Warum die Juden?“ den Besuchern in der „Alten Polizei“ nahe gerückt.

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Götz Aly stellt sein neues Buch in der „Alten Polizei“ vor.

Quelle: jpw

Stadthagen (jpw). Aly, der auf Einladung des „Fördervereins ehemalige Synagoge“ nach Stadthagen gekommen war, eröffnete den Abend mit der Bemerkung, dass man immer nur von „den Nazis, den NS-Tätern, den SS-Schergen“ höre.
„Wer hatte so jemand in der Familie oder kennt einen?“ Kein Finger ging bei den rund 60 Besuchern im Saal in die Höhe. Ein weiterer, kleiner Beleg für Aly, dass das „Böse aus dem Guten“ entstanden sein müsse.

Der Ursache für den mörderischen Antisemitismus des dritten Reiches sieht Aly eher sozialpädagogisch in Neid und Missgunst, wurzelnd im schnellen Aufbruch der Juden in die industrielle Moderne, mit der christliche Deutsche nicht mithalten konnten. Seiner Ansicht nach habe es eine völkisch-rassisistisch geprägte Judenfeindlichkeit nicht gegeben. Dies bezeichnete er als „Erfindung“.

Für seine neue Arbeit hat Aly sich ausschließlich auf Quellen gestützt, die „das Ende nicht kennen“, die „vor dem entstanden sind, was wir in Deutschland als Holocaust bezeichnen.“

Der Historiker setzt den Ausgangspunkt für die Entwicklungslinie im frühen, 19. Jahrhundert. Der Freiheitskampf gegen Napoleon lasse ein kollektivistisches und nicht gerade liberales Verständnis von Freiheit als Abgrenzung entstehen. In Preußen werde Gleichheit missbraucht als Forderung gegen die Gleichheit der Juden.

Er arbeitet Unterschiede in Bildung, sozialem Aufstiegswillen, sowie auch die unterschiedliche Fähigkeit heraus, flexibel auf neue Situationen zu reagieren und lässt Nicht-Juden mit Etiketten wie Fortschrittsscheu, Bildungsmangel und Freiheitsangst durchweg ins Hintertreffen geraten.

Aus der Schwäche seien zunächst Sehnsucht nach kollektiver Stärke, dann Rassendünkel und am Ende mörderischer Hass entstanden.

Aly bekommt Beifall für seinen Vortrag über das Buch. Kritik, wie sie einige Fachkollegen wie Hans-Ulrich Wehler bereits formuliert haben („Sozialneid taugt als Holocaust-Erklärung nicht“), wird im Saal der „Alten Polizei“ nicht hörbar.

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