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Der Wahnsinn der Missis Jö

Kultur / Neues Buch Der Wahnsinn der Missis Jö

Ein Märchen? Eine Parodie, nur ein Traum, eine Horde Wahnsinniger oder alles bloß Theater? Wer in die Welt der „Missis Jö“ eintaucht, verliert schon nach wenigen Seiten den Überblick – und das ändert sich auch bis zum Schluss nicht.

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Quelle: pr.

In Friedhelm Kändlers neuem Buch jagt eine schräge Szene die nächste. 159 absurde, wunderliche Seiten. Worauf der in Hannover geborene Dichter und Bühnenautor in „Die Abenteuer der Missis Jö“ hinauswill, kann man höchstens erahnen, spielt aber für den Lesespaß auch gar keine Rolle, denn Kändler zieht den Leser mit seiner gewohnt dadaistischen Schreibweise in einen zauberhaften Strudel des Absurden, in die verdrehte Welt der Missis Jö, in ein Haus für Sonderfälle zwischen magischen Spiegeln und magischen Kondomen.

 Im Zentrum steht der Selbstfindungstrip von Pierre, ein schwarzer, bärtiger Mann, der sich mit seinem Magen unterhält, sich selbst nicht liebt und sein Diplom neben dem Knäckebrot im Kühlschrank aufbewahrt. Durch einen Aushilfsjob als Briefträger trifft er auf die ominöse Missis Jö. Ihr Haus ist wie der magische Brunnen aus „Frau Holle“. Hinter der Tür erwartet ihn eine ganz andere Welt, eine Wirklichkeit, die sein ganzes Leben und Denken auf den Kopf stellt. Als wäre er der „Auserwählte“ wird er Teil einer Herde auffälliger Sonderbegabter – die Kräuterhexe Missis Jö mit ihren Ahnungen und Drogen-Lollis, Medam Jö, die seit Jahrhunderten im Schrank wohnt und nach Mettwurstbroten verlangt, der asexuelle Werwolf, der Kleidung verabscheut, und der Halbvampir, der Pierres neuen Arbeitsvertrag als „Diplompädagoge für besondere Existenzen“ ausarbeitet. Statt mit knurrendem Magen Briefe auszutragen, versucht er nun in seiner neuen Wirklichkeit „fliegen zu lernen“.

 Einerseits liest sich das Buch wie ein Märchen mit Zauberkräften, Hexen, Glaskugeln, Werwölfen und Altgeistern, typisierten Charakteren und naiv-kindlichen Dialogen. Pierre selbst scheint die Ungereimtheiten und den Spuk nur teilweise zu hinterfragen. Das Zauberhafte wird schließlich durch Kändlers abstruse Wortspiele und seine Mehrdeutigkeiten gebrochen. Das Märchenhafte wird immer wieder ins Lächerliche gezogen. Auf der einen Seite gibt es Pierre, der sich für seinen neuen „Job“ in ein albernes Kostüm zwängen muss, und am Ende zu dem Schluss kommt, er sei eine männliche Fee. Auf der anderen Seite fast tiefsinnige und philosophische Gespräche über Vergangenheit, Zukunftsträume und Sehnsüchte. Beides vermischt sich zu einem wirren Cocktail, der von Seite zu Seite immer betrunkener macht – aber vielleicht ist die komplette Geschichte sowieso nur die Auswirkung des Drogen-Lollies, den Pierre von Missis Jö bekommt. Der hauptamtliche Briefträger hatte ihn schließlich von Anfang an vor dieser Frau gewarnt.kil

 „Die Abenteuer der Missis Jö“, Friedhelm Kändler, ISBN: 978-3-89320-183-9, 14 Euro

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