Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Höchstleistung vor halb vollen Rängen

Bückeburg / Osnabrücker Sinfonie-Orchester Höchstleistung vor halb vollen Rängen

Ein hohes Niveau, aber nur halb gefüllte Ränge: Dieses etwas traurige Fazit muss man für das Konzert des Osnabrücker Sinfonie-Orchesters am Sonntag ziehen. Trotz erstklassiger Musiker und eines bestens aufgelegten Dirigenten Andreas Hotz war der Rathaussaal nur mäßig gefüllt.

Voriger Artikel
Skandinavische Weihnachten
Nächster Artikel
Kolossaler Diebstahl und eine Leiche in Obernkirchen

Das Osnabrücker Sinfonie-Orchester unter der Leitung von Andreas Hotz.

Quelle: mig

Bückeburg (mig). Es war schon ein wenig schade, dass an diesem Abend nicht mehr Zuhörer den Weg in den Rathaussaal gefunden haben. Schade auch, weil vor der Veranstaltung erstmals eine Einführung durch die Konzertdramaturgin Dorit Schleissing angeboten wurde. „Der Le-Theule-Saal war brechend voll“, zeigte sich Edith Schönbeck über das große Interesse erfreut. Die hohe Akzeptanz spreche dafür, „dass diese Einführungen fortgeführt werden“.

 Den Anfang des vom Kulturverein Bückeburg veranstalteten Konzerts machte dann die „Sinfonie Nr. 80 d-Moll“ mit den Sätzen „Allegro spirituoso“, „Adagio“, „Menuetto-Trio“ und „Finale: Presto“. Schon beim stürmischen Eingangssatz zeigte sich die Brillanz der Musiker, die von Generalmusikdirektor Hotz zu Höchstleistungen angetrieben wurde. Der Dirigent schien die Musik förmlich in sich einzusaugen. Mit weit offenem Mund und einer ausdrucksstarken Mimik lebte er die unterschiedlichen Stimmungen quasi vor.

 Erster Höhepunkt des Konzerts war dann sicher Franz Schuberts „Sinfonie Nr. 7 h-Moll D759 – Unvollendete“ mit den Sätzen „Allegro moderato“ und „Andante con moto“. Das Werk – mit einem Unisono der Celli und Kontrabässen im pianissimo – hat eine unglaublich komplexe Charakteristik, die vom Orchester bis in die feinsten Nuancen materialisiert wurde. An Schwierigkeit kaum zu überbieten ist die Generalpause, in der ein regelrechtes Loch entsteht und danach die Streicher mit dramatischen Tremoli über Dissonanzen in den Bläsern hereinbrechen. Meisterhaft, wie Andreas Hotz seine Musiker über diese Gefahrenstelle hinwegführte.

 Warum Schubert mit der viersätzigen Gattungskonvention gebrochen hat und nur zwei Sätze in Reinschrift vorlegte, kann nur vermutet werden. Eine gewisse Unfassbarkeit zeichnet auch die Form des Werkes aus. Das prägende Thema lässt sich nur mit Mühe ausfindig machen, überhaupt herrschen teils scharfe Kontraste zwischen den beiden Sätzen (erster Satz: eher düster, zweiter Satz: eher fröhlich). Ob Schubert in zu große Nähe zu dem dritten Satz von Ludwig van Beethovens 2. Sinfonie kam, wie einige Musikwissenschaftler behaupten? Sei es, wie es sei: Den Sinfonikern gelang es jedenfalls jederzeit, die verschiedenen – teils widersprüchlichen – Facetten des Werkes herauszuarbeiten. Das verdient höchsten Respekt.

 Ebenfalls Fragment geblieben ist Franz Schuberts „D 936“. Prinzipiell enthält der sinfonische Entwurf zwar drei Sätze, diese sind jedoch von Lücken, Einfügungen und ausgestrichenen Passagen durchsetzt. Während einige Komponisten versuchten, den Entwurf zu vervollständigen, geht Luciano Berio in seinem „Rendering nach Skizzen von Schuberts D 936“ mit den Sätzen „I. Allegro“, „II. Andante“ und „III. (attacca)“ einen anderen Weg. Er will das von Schubert Komponierte hörbar machen und in eine ausführbare Form bringen. Einen Lösungsansatz sieht er in der modernen Freskenrestaurierung, die, wie er schreibt, „auf eine Auffrischung der alten Farben abzielt, ohne die durch die Jahrhunderte entstandenen Schäden kaschieren zu wollen, wobei sogar leere Flecken im Gesamtbild zurückbleiben können“.

 Diesem Konzept ist es geschuldet, dass sich der „Zement“, den Berio verwendet, um die leeren Stellen zu „verputzen“, klanglich stark von den kraftvollen Schubert-Stellen abhebt. Stets erscheinen die „Flicken“ im Pianissimo und verweisen so auf das Original. Den unglaublich präzisen und ausdrucksstarken Osnabrückern gelingt auch hier Großes. Fazit: ein Konzert auf einem ganz hohen Niveau mit einem inspirierenden Dirigenten und einem Orchester, dass man in Norddeutschland ganz sicher zu den Besten zählen darf.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Möchten Sie uns zu diesem Artikel Ihre Meinung sagen? Dann schicken Sie uns einen Leserbrief.

Leserbrief schreiben