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Killer als wahrer Tollpatsch

Obernkirchen Killer als wahrer Tollpatsch

„Nach allem, was man in gewissen Publikationen laufend über den Adel lesen muss, fürchtete ich schon, das alte britische Gefühl von Ehre und Anstand sei nur noch beim Personal zu finden.

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Beim ersten Selbstmordversuch scheitern der Earl und seine Gattin (Oliver Beckers und Regine Müller) an einer Ladehemmung des Revolvers.

Quelle: bus

Obernkirchen. Doch Sie belehren mich nun eines Besseren. Ich bin zutiefst gerührt.“ Dieses von Butler Mortimer verteilte Kompliment wirft ein bezeichnendes Licht auf die Zustände im Hause Eastermoore. Und auf die Zustände in den Köpfen der Bewohner des altehrwürdigen Anwesens: Die Herrschaften sind pleite und streben nach alter Väter Sitte dem gemeinsamen Selbstmord entgegen.

 Gesagt, getan. Nur entpuppt sich der Freitod im Falle des Stückes „Bubblegum und Brillanten“ als vermaledeit schwieriges Unterfangen. Erst klemmt der Abzug am Revolver, dann zeitigen Schlaftabletten keinen Erfolg. „Schade, dass man sich nicht totlachen kann, die Situation wäre danach“, meint der Hausherr. Dabei war alles bestens vorbereitet. Mortimer hatte bereits die Familiengruft gefegt und die Todesanzeige aufgegeben. Als Sir George dann gewahr wird, dass seine Versicherung bei Selbstmord keinen Penny zahlt, bleibt als letzte standesgemäße Variante des Hinscheidens die Hinzuziehung eines Auftragskillers.

 Dass dieser die Sache auch nicht wie gewünscht zu Ende bringen wird, ahnen die Zuschauer im Schulzentrum am Ochsenbruch bereits nach wenigen Augenblicken. Kollege Killer kommt reichlich tollpatschig daher. Und auch dessen Gattin scheint den letzten Schuss nicht gehört zu haben. Und überdies befinden wir uns in einer Vorstellung der Schaumburger Bühne, die mit „Bubblegum und Brillanten“ eine Komödie der besseren Machart zur Aufführung bringt. Bis die vielfältigen Handlungsstränge indes zueinanderfinden, fesseln die von Jürgen Morche geleiteten Akteure ihr Publikum mit einem turbulent inszenierten Geschehen, dem es bis zum finalen Happy End weder an Pfiffigkeit noch an Spannung mangelt.

 „Die Charaktere sind prima umgesetzt, die Details sehr gut herausgearbeitet“, meinte „Bubblegum“-Autor Jürgen Baumgarten, der sich den Besuch der Premierenveranstaltung nicht hatte nehmen lassen. In der Tat eröffnet der Zweiakter den Darstellern jede Menge Entfaltungsmöglichkeiten. Oliver Beckers als Earl of Eastermoore und dessen Gattin (Regine Müller) kommen so herzerfrischend spleenig daher, dass es einem um den etwas weltfremden englischen Adel nicht bange sein muss. Markus Bandow gibt den Butler – „ich bringe das Frühstück von heute und die „Times“ von gestern – genauso wie man sich einen Schlaumeier, in dem wesentlich mehr als ein Diener steckt, vorstellt.

 Evi Dopheide verleiht der vom Autor eigentlich ein wenig gefühlskälter angelegten Tante Martha durchaus menschlich-skurrile Züge, die sie fast zur Sympathieträgerin werden lassen. Bei Marthas Zofe (Juliane Huenecke, dessen Vergnügen beim Verspeisen des Hauskaters einen Sonderbeifall verdient) gerät Morches Finesse, sie französisch sprechen zu lassen, sehr zum Vorteil der Rolle. Das Killerpärchen Harold und Wendy Walters (Peter Reinhold und Nicola Everding) erobert die Herzen des Auditoriums durch köstlich in Szene gesetzte Unzulänglichkeiten ebenso wie durch tolldreisten Tatendrang. Da auch Camilo Greuel (Konkursverwalter Johnathan Jenkins), Claudia Quintern (Versicherungsagentin Pringle), Sylvia Spilker (Inspector Jameson), Andreas Watermann (Constable Marker) sowie das Bridgekränzchen Betina Handelsmann, Birgit Rugbarth und Anna Schönbeck mit ungemeiner Spielfreude zu Werke gingen, nahm der ins Ungestüme tendierende Schlussapplaus nicht wunder.

 Gesamtbilanz von Konkursverwalter Jenkins gegenüber dem Earl of Eastermoore: „Dein vermeintlicher Tod war ein wahrer Glücksgriff. Kaum stand in der Zeitung, dass Du gestorben bist, da haben sich die Leute daran erinnert, was für ein Wert in Deinem Hirn steckt. Die Aktien sind kometenhaft gestiegen, ich musste nur noch abwarten und zum richtigen Zeitpunkt verkaufen. Das heißt, dass das Konkursverfahren jetzt praktisch bedeutungslos ist.“

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