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Makaberer Humor und feinsinnige Hochkomik

Ernst Kahl / „Humor ist Notwehr“ Makaberer Humor und feinsinnige Hochkomik

Die norddeutsche Vielfachbegabung Ernst Kahl ist mit dem Wilhelm-Busch-Preis ausgezeichnet worden. Die Jury beschrieb den 62-Jährigen als „Feingeist der Hochkomik und gleichzeitig Beherrscher der Abgründe“. Kahl gilt als „Meister der komischen Kunst“. Was will er mit seinen Bildern bewirken, und woher kommt wohl der makabere Humor des Künstlers?

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Preisträger Ernst Kahl (links) und Moderator Bernd Gieseking bei der Verleihung des Wilhelm-Busch-Preises.

Quelle: rg

Von Kirsten Elschner

Er ist Maler, Autor, Filmemacher, Zeichner, Objektkünstler, Sänger, Songschreiber, Hörbuchsprecher und Musiker: Ernst Kahl ist in vielen Genres zu Hause und gibt sich nicht mit einer Sache zufrieden. „Vielleicht, weil es irgendwann langweilig wird, immer bei einem Leisten zu bleiben“, sagt Kahl. Der norddeutsche Künstler gilt als Multitalent und als „Meiser der komischen Kunst“.

Kahls Facettenreichtum wurde jetzt mit dem Wilhelm-Busch-Preis gewürdigt. „Er ist ein brillantes Multitalent“, urteilte die Jury bei der Preisverleihung. Kahl habe nicht nur den Begriff der Komik, sondern auch der Kunst neu definiert. Als Entwickler und Avantgardist schaffe er neuen Welten, die Raum und Zeit verschränken und Grenzen aufsprengen.

Die Vielfalt seiner Techniken und Stile ist genauso umfangreich wie die Palette an Themen, die Kahl in seinen Werken aufgreift, wie die Geschichten, die er damit erzählt. „Früher haben mich Themen wie Tod und Sexualität bedrängt – das, was viele Menschen beschäftigt, aber nur wenige zu Papier bringen“, erzählt der Preisträger.

Seine Arbeiten sind gleichsam humoristisch wie satirisch. Während sie die einen zum Lachen bringen, schockieren sie die anderen durch drastische Botschaften. Er sei ein „zurückhaltender und stiller Provokateur“, meinte Wiglaf Droste bei der Preisverleihung. „Ich will gar nicht als Provokateur durchs Leben laufen“, stellt Kahl heraus. „Das schafft zu viele Erwartungen.“

Aber nicht alles, was Kahl macht, provoziert oder schockiert. Das hängt nicht zuletzt vom Medium ab. Als freier Mitarbeiter arbeitet er unter anderem für die Magazine „Titanic“ und „Feinschmecker“. Dabei kann Kahl nicht immer uneingeschränkt produzieren, wonach ihm der Sinn steht, besonders nicht beim „Feinschmecker“. Ein Magazin, in dem auf 20 Seiten über erlesene Weine philosophiert werde – da seien die Grenzen enger, die Tabus größer. Zuerst habe er Zweifel gehabt: Was soll ich ein halbes Jahr nur über Essen und Trinken malen?, habe er sich gefragt. „Angespornt“ habe ihn letztlich eine Wette, die besagte, er würde nicht länger als ein halbes Jahr durchhalten. Fehlanzeige: „Bis heute ist mir noch immer was eingefallen“, sagt Kahl. „Es ist eine Art seelischer Ausgleich zu den anderen Dingen, die ich mache“ – zum Beispiel die Arbeiten für das Satiremagazin „Titanic“. „Da tobe ich mich aus“ – angefangen von Fotomontagen über Retuschen bis hin zu riesigen Pastellen. „Manchmal verstehen sie meine Bilder gar nicht“, so Kahl belustigt – druckten diese aber trotzdem ab.

Ein Satz wie in Stein gemeißelt: „HHumor ist Notwehr“, sagt Ernst Kahl. Er müsse nicht zwanghaft komisch sein, „das kommt von ganz alleine.“ Humor mache das Leben einfach erträglicher.

Warum er komische Kunst macht? „Ich habe einmal gesagt, ich wünsche mir ein Museum, in dem die Menschen lachen.“ Viele Museen seien von Ehrfurcht erfüllt und bedrückten die Besucher. Warum soll Kunst nicht auch zum Lachen anregen? Seiner Meinung nach dient Kunst dazu, den Menschen vorzuführen in seiner ganzen Eigenart – und damit auch in seiner komischen Dimension. „Das ist eine Aufgabe der komischen Kunst.“ Es ärgert ihn, dass die komische Kunst noch immer nicht den verdienten Stellenwert habe. „Alles, was zum Lachen reizt, wird nicht Ernst genommen.“ Es langweile ihn zum Beispiel, in die Münchener Pinakothek zu gehen, wo das Sakrale so im Mittelpunkt steht. Überall Darstellungen von Kreuzigungen – „zwei reichen doch auch“, bemerkt er schmunzelnd. „Religion kann auch lustig sein“, findet er und versucht, mit einigen seiner Bilder „den sakralen Blödsinn zu relativieren“. Bis komische Kunst wirklich Akzeptanz erreicht habe, sei es aber noch „ein langer Weg“.

Der Einfluss Wilhelm Buschs

Kahl wurde nicht nur mit dem Wilhelm-Busch-Preis ausgezeichnet, er verspürt auch eine tiefere Verbundenheit zu dem Maler und Dichter aus Wiedensahl. „Ich bin mit Wilhelm Busch aufgewachsen“, erzählt der Künstler. Er könne sich noch gut daran erinnern, wie sein Vater an Kindergeburtstagen – umringt von vielen Kindern – aus einem Wilhelm-Busch-Buch vorgelesen hat, immer dieselben Geschichten. „Wie Weihnachten“, erinnert sich Kahl – man bekomme immer die gleiche Modelleisenbahn, freue sich aber jedes Mal wieder darüber.

Früh fing Kahl an, sich mit „Max und Moritz“ und Co. auseinanderzusetzen. Der vierjährige Ernst lag damals mit Kinder-Lähmung im Krankenhaus, unter Quarantäne-Bedingungen. „Ich war ziemlich alleingelassen. Das Einzige, was ich hatte, war das große Wilhelm-Busch-Album mit seinen Geschichten“, so Kahl. „Ein beidseitig angespitzter, riesiger Bleistift durchbohrt zwei Liebende“, schildert er eines der fast schon „sadistischen“ Bilder. Es war sein „Kinderkino“ während des Krankenhausaufenthalts – allerdings nicht wirklich kinderfreundlich. Busch war auch ein „Misanthrop“, ein „Spießer“, meint Kahl, sonst hätte er solche Werke wohl nicht gefertigt. Wenn man Kahl frage, woher sein oft makabrer, sarkastischer Humor stamme, dann weise er aus Bequemlichkeit gerne auf den Einfluss der Busch-Geschichten hin, denn ehrlich gesagt: „Ich sehe keine Erklärung dafür.“

Würde Kahl die Geschichten von „Max und Moritz“ einmal aufgreifen– „ich würde die bösen Knaben nicht so gemein enden lassen“, erzählt er. Vielleicht wäre einer bei der Bank, einer beim Zoll gelandet – was allerdings „vielleicht sogar noch schlimmer wäre“, bemerkt er scherzhaft.

Bereits als Kind fing er an, Buschs Bilder abzuzeichnen. Das Malen stellte für ihn „eine Flucht aus dem spießigen Elternhaus“ dar. „Dabei konnte ich meine Phantasie ausleben.“ So kam der 62-Jährige zur Malerei, zur Kunst.

Zwischen Großstadt und Land

Kahl wuchs in der Nähe des Gutes Bothkamp im Holsteinischen auf. Heute lebt er in einem ehemaligen Bahnhof in Nordfriesland – zusammen mit Frau und Kindern. Seinen Zweitwohnsitz hat der Künstler in Hamburg. Seine Ausbildung verlief dabei alles andere als gradlinig. Nach einem abgebrochenen Kunststudium unterrichtete er für einige Zeit als Lehrer auf einer Hallig. Später studierte er freie Kunst in Dänemark und Ostholstein.

Der Wechsel von Stadt und Land und Kahls Liebe zu Tieren tauchen auch in seinen Arbeiten auf. Eine Vielzahl davon kreist um Hasen, Hunde, Schweine und weitere animalische Kreaturen. Sein Buch „Bestiarium Perversum“ zum Beispiel. Das habe der erste Verlag gar nicht veröffentlichen wollen. Es geht ihm dabei darum, das „absurde Verhalten der Großstädter gegenüber der Tierwelt“ zu pervertieren. Bei diesem Buch dachte er sich: „Jetzt bringe ich es mal auf den Punkt.“

Schauspielerei und Musik

Die Schauspielerei sei für Kahl eher ein Projekt, was er „nebenbei“ betreibe. Als wirklichen Schauspieler sieht er sich nicht, einige Auftritte auf der Leinwand hatte er aber bereits. Im Film „Gloomy Sunday“ spielte er eine Leiche, im Detlev-Buck-Film „Wir können auch anders“ mimte er einen versoffenen Mann in einer Kneipe. Für seine Rolle bekam er vom Berliner „Tagesspiegel“ den Preis „Der blaue Engel“ verliehen. Darüber hinaus war Kahl auch am Drehbuch beteiligt. Der Film nimmt in satirisch zugespitzter Form Bezug auf die Umbruchsituation in Ostdeutschland nach der Wende und wurde mit dem deutschen Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Außerdem war er am Drehbuch von „Werner – Beinhart!“ beteiligt.

Kahl selbst geht nur ungern ins Kino. „Wir können auch anders“ habe er einmal angeschaut, das habe ihm gereicht. Andere hätten den Film zehnmal gesehen – für Kahl völlig unverständlich. Auch wenn die Schauspielerei nicht auf Platz eins seiner Künste steht, könne er sich durchaus vorstellen, in Zukunft mal wieder einen neuen Film zu machen.

Eine weitere Leidenschaft Kahls ist die Musik. Sie bedeute ihm sehr viel, heute aber „mehr als Konsument“. Ab und zu setzt er sich allerdings noch ans Schlagzeug. Zusammen mit dem Gitarristen Hardy Kayser und einer Band hat er mehrere CDs aufgenommen – zum Beispiel „Im Kühlschrank brennt noch Licht“ – die nicht selten in eine ähnliche Richtung wie seine Bilder gingen – teilweise schräg und obskur, aber nie ohne Sinn.

„Obskures Leben“

Was gehört zu den Wünschen, Plänen und Hirngespinsten, die der „Meister der komischen Kunst“ noch im Kopf hat? Er könnte sich vorstellen, ein Buch über sein „obskures Leben“ zu schreiben, erlebt habe er ja doch so einiges. Man müsse bei solchen Projekten nur immer aufpassen, „dass man nicht zu selbstgefällig rüber kommt“. Außerdem: „Ich würde gerne mal in einer Talkshow zu Gast sein, in der ich endlich mal das sagen kann, was ich wirklich will“ – und nicht immer dieses angepasste Gerede.

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