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„Niemand wird als Nazi geboren“

Rinteln / Lesung „Niemand wird als Nazi geboren“

Polizeiarbeit während der Weimarer Republik, kurz bevor es den Nazis 1933 gelang, die Macht zu ergreifen, das ist der durchaus ungewöhnliche Hintergrund für die erfolgreichen Krimis des Kölner Autors Volker Kutscher, der am Freitag im Gymnasium Ernestinum aus seinem neuesten Buch „Die Akte Vaterland“ las, eingeladen vom Rintelner Präventionsrat im Rahmen einer Reihe von Veranstaltungen, in denen es auf unterschiedlichste Weise um die kritische Auseinandersetzung mit rechtsradikalem Gedankengut geht.

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Von Cornelia Kurth Rinteln. Von Cornelia Kurth

„Niemand wird als Nazi geboren, genau deshalb geht es um Aufklärung“, so betonte Rintelns Polizeichef Winfried Korte in seiner Einleitungsrede die Grundeinstellung des Präventionsrates. Volker Kutschers auf acht Bände angelegte Krimireihe rund um den Berliner Kriminalkommissar Gereon Rath – „Die Akte Vaterland“ als Band vier spielt im Jahr 1932 – geht von ähnlichen Voraussetzungen aus.

 Wie nebenbei und von selbst dringt das Nazitum in die Köpfe vieler Polizisten ein, und es ist abzusehen, dass der Kommissar, der sich betont unpolitisch gibt, wohl nicht mehr lange neutral bleiben kann. Während sich die Geschichte von der Suche nach einem brutal mordenden Serientäter entwickelt, zeichnet sich zugleich ein Bild vom Alltag in der Weimarer Republik ab, in der den meisten Menschen gar nicht bewusst ist, dass man sich auf eine Katastrophe zubewegt.

 Ihm gehe es nicht direkt darum, Politkrimis zu schreiben, sagte Volker Kutscher, der sich in der polizeihistorischen Sammlung Berlin so intensiv mit der damaligen Arbeitsweise der Polizei auseinandersetzte, dass ihm Rintelner Polizisten bescheinigten, er sei mit seinen Hintergrunddarstellungen viel realistischer als jeder Tatort.

 Er wolle aufregende Krimis erzählen und ihnen durch die historische Situierung einen zusätzlichen Reiz verleihen. Das gelingt ihm sehr gut: Als Kommissar Rath nach Ostpreußen reisen will, fliegt er zum ersten Mal in seinem Leben in einem Flugzeug, erfüllt von einer misstrauischen Angst gegenüber dieser modernen Maschine, die für reichlich Situationskomik sorgt. Einer der Morde geschieht im Turm der ersten Verkehrsampel Berlins am Potsdamer Platz, wo die Ampelschaltung noch per Hand erfolgt.

 Mit Tinte verfasste Polizeiberichte müssen von Sekretärinnen abgeschrieben werden. Die Polizei ist wegen der vielen Demonstrationen überlastet. Und wie ungewöhnlich es damals war, dass eine Frau Polizistin wurde, so wie Charly, die Freundin von Kommissar Rath, das zum Beispiel muss Kutscher nicht lange ausführen, man erliest es sich aus den Dialogen und Situationen, in denen die junge Frau von oben herab behandelt wird, man an ihrer Kompetenz zweifelt und es auch für ihren Freund ein erst mal zu verdauender Gedanke ist, dass sie auch noch nach der Heirat Polizistin bleiben will.

 Dieses Kolorit, das immer auch die Frage weiterträgt, wie damals aus ganz normalen Menschen Handlanger-Bestien des Regimes werden konnten, es sorgt dafür, dass die Leser schnell in die Krimis hineingesogen werden.

 Im Publikum saßen jede Menge Fans, die am Stand von Uta Fahrenkamps Geschäft „Buch und Wein“ Kutschers neuen Band erstanden und sich auch vorherige Bände von ihm signieren ließen.

 In der Pause, untermalt von 20er-Jahre Musik des „Salonduetts“ mit Berit und André Hummel, schwärmte man sich gegenseitig von den Krimis vor, und es kamen insgesamt über 320 Euro an Eintrittgeld zusammen, die dem „Weißen Ring“ des Landkreises für seine Arbeit mit Opfern von Verbrechen übergeben wurden.

 Krimiautor Volker Kutscher signiert seine Bücher – hier gerade das von Reinhold Lüthen, Schulleiter des Gymnasiums Ernestinum.

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