Luhden (sig). Woran hat’s gelegen? An dem Dichter, der zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern zählt? An dem Auftritt der Sopranistin Annette Pflug-Herdrich? An der leckeren Mahlzeit, die zum Auftakt von Günter und Guido Bergmann zubereitet wurde? An der Qualität des Trios Friedrich Winkelhake, Lutz Gräber und Dieter Gutzeit? Möglicherweise an der Summe all dessen. In jedem Fall erlebten die Teilnehmer einen Abend, den sie so schnell nicht vergessen werden. „Wir haben viel Zeit in die Vorbereitung gesteckt. Ich bin eigens nach Worpswede gefahren, um Aufnahmen zu machen“, so Winkelhake. „Zusammen mit Dieter Gutzeit haben wir Rezitationen, Bilder und Musik aufeinander abgestimmt. Bis hin zur Lautstärke ist alles digital festgelegt worden.“
Gräber sprach deshalb nicht ohne Grund bei der Eröffnung von einem „multimedialen Ereignis“. Zumindest war es das erste dieser Art im „Literarischen Kabinett“. Der Theologe befasste sich anschließend mit dem Lebenslauf des 1875 in Prag geborenen Dichters, der zahlreiche Höhen und Tiefen enthielt. Schon als Zehnjähriger besuchte Rilke eine Militärschule zur Vorbereitung auf eine Offizierslaufbahn. Diese Ausbildung brach er ab und wechselte zur Handelsakademie. Wegen einer unerlaubten Liebesaffäre folgte für den damals 16-Jährigen auch dort das Aus. Er holte das Abitur nach und studierte zunächst Literatur, Kunstgeschichte sowie Philosophie, wechselte aber nach kurzer Zeit zum Jurastudium.
Weitere Stationen waren München, Berlin, Worpswede und Paris. In dem bekannten Künstlerort Worpswede lernte Rilke Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, Carl Hauptmann und die Bildhauerin Clara Westhoff kennen, die er bald darauf heiratete. In der Folgezeit wurde Paris zum Hauptwohnsitz des Lyrikers, dessen Leben von einer unübersehbaren Unstetigkeit gekennzeichnet war. Das galt auch weitgehend für sein Verhältnis zu Frauen.
Der Vortragsabend machte deutlich, dass Rilke über eine kraftvolle und bilderreiche Sprache verfügt, die aber nicht nur gutes Zuhören, sondern auch längeres Nachdenken erfordert. In den meisten Fällen sind die Zuhörer dankbar für eine Erläuterung des Inhalts.
Sein ambivalentes Verhältnis zur Umgangssprache brachte Rilke selbst so auf den Punkt: „Ich fürchte mich vor der Menschen Wort; sie sprechen alles so deutlich aus.“ Winkelhake: „Das war gewiss nicht seine Sache. Auch zukunftsgläubig war er nicht, eher rückwärtsgewandt und ein Gegner des Fortschritts.“ Das ändert nichts daran, dass Rilke mit seiner Sprachgewalt, aber auch mit seinem Einfühlungsvermögen zu den großen Autoren des 20. Jahrhunderts zählt.
Eine stattliche Reihe von lyrischen Texten Rilkes ist vertont worden. Annette Pflug-Herdrich trug aus dem Zyklus der „Sieben frühen Lieder“ die Komposition „Traumgekrönt“ vor, die von Alban Berg stammt. Er vertonte auch das zweite von ihr vorgetragene Lied „Die Nachtigall“, das von Theodor Storm verfasst worden ist. Die Sopranistin selbst stufte die Tonsprache als „expressionistisch, sinnlich ein. Diesem Anspruch wurde die stimmkräftige und ausdrucksstarke Sängerin gerecht.