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Unerklärbare und doch klare Musik

Rinteln / Konzert Unerklärbare und doch klare Musik

Wenn Kreiskantor Wolfgang Westphal nun zum Abschluss der Rintelner Musiktage in einem grandiosen Orgelkonzert außer Kompositionen von Bach auch eine Sonate Felix Mendelssohn-Bartholdys (1809-1847) spielte, dann wohl auch deshalb, weil Mendelssohn-Bartholdy damals entschieden dazu beigetragen hat, den Vorgänger aus der vorübergehenden Vergessenheit hervorzuholen.

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Wolfgang Westphal an der Orgel von St. Nikolai.

Quelle: cok

Rinteln (cok). „Kann man großartige Musik erklären?“, mit dieser Frage leitete Wolfgang Westphal einen kleinen Vortrag über die Orgelwerke ein, die er anschließend auf der Barockorgel in der Nikolaikirche präsentierte. Auf ausschweifende Erklärungsversuche ließ er sich nicht ein, doch warf er einzelne Schlaglichter auf die Kompositionen, die dem Zuhörer eine Richtung geben konnten. Die lebhafte Fantasie G-Dur, mit der das Konzert beginnen sollte, sie enthalte in ihren gebrochenen Akkorden Harmonien, die in ihrem Zusammenklang weit in die Spätromantik hinauswiesen. Das zeigte er an der kleinen Orgel und tatsächlich: Was nacheinander gespielt nach typisch Bach’scher Klarheit klang, ergab im Akkord-Spiel eine wagemutige, doch nicht chaotische Stimmenvielfalt, ausgesprochen modern.

 Was überhaupt immer wieder wie ein Wunder erscheine: Dass die bis ins letzte geradezu mathematisch durchkomponierte Musik, in der Bach häufig damit spielt, eine Melodie einfach umzudrehen und dann zwei Stränge gegeneinander laufen zu lassen, dass das alles so stimmig, gefühlvoll und nachvollziehbar erklingt. Bach sei, so zitierte Westphal den Theologen Friedrich Schorlemmer, „die leibhaftige Erscheinung Gottes in der Musik. Klar – und doch unerklärbar.“

 Der Choral „Wachet auf, ruft meine Stimme“, der vor wenigen Tagen mit Chor und Orchester konzertiert wurde, ihn übertrug der Komponist auch für die Orgel, ebenso wie das berührende „Jesu bleibet meine Freude“ mit seiner lieblich die getragenen Chorstimmen umspielende Begleitmelodie. Westphal trug zunächst die Strophen der Choräle selbst mit angenehmer Stimme vor, bevor er dann die Orgel folgen ließ. Wie im Flug verging die Zeit, und die Musik trug einen doch fort, auch wenn Westphal zuvor den Tipp gegeben hatte, in Bachs noch auf dem Totenbett seinem Sohn diktiertem Choral „Vor Deinen Thron tret‘ ich hiermit“ zum Schluss die Tonfolge „B-A-C-H“ zu erkennen oder in Präludium und Fuge h-moll das Grundthema trotz der vielen Variationen herauszuhören.

 Ein Stück vom Barockkomponisten Johann Pachelbel (1653-1706) gab die schöne Gelegenheit, den neuen Zimbelstern an der Orgel mit hellem Geläut ins Spiel zu bringen; und dann, zum Schluss, kam Felix Mendelssohn-Bartholdy zu Ehren, dessen Choral „Vater unser im Himmelreich“ eine klare Hommage an den bewunderten Bach darstellt. Mendelssohn-Bartholdy war es gewesen, der als 20-jähriges Mitglied der Sing-Akademie Leipzig dafür sorgte, dass Bachs Matthäuspassion im Jahr 1829 erstmals nach seinem Tod wieder aufgeführt wurde. Danach kam niemand mehr, der etwas mit Musik zu tun hatte, an Bachs Wundergröße vorbei.

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