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Unheimliche Wette zwischen Gott und Teufel

Rinteln / Theateraufführung Unheimliche Wette zwischen Gott und Teufel

So viel junges Publikum bei der Aufführung von Goethes „Faust“: Oberstufenschüler, die den Klassiker gerade im Unterricht behandeln, da ist es im Brückentorsaal etwas unruhiger zu als sonst bei den vom Kulturring organisierten Theaterstücken zugegangen.

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Faust (Rüdiger Hellmann, r.) und Mephistopheles (Moritz Nikolaus Koch) schließen den teuflischen Pakt.

Quelle: tol

Von Cornelia Kurth. Doch passten Lachen und kommentierendes Geflüster durchaus zur lebhaften, bunten, ergreifenden Inszenierung des Theaters für Niedersachsen (TfN). Bei allem Respekt vor dem Werk des Dichters präsentierten sich Dr. Faustus und sein Mephisto, Gretchen, Frau Marthe und selbst der Famulus Wagner als Persönlichkeiten aus dem Hier und Jetzt, deren Schicksal wohl niemanden kalt ließ.

 Das lag unter anderem an den schillernden Schauspielern, allen voran dem teuflisch-charmanten Mephisto, gespielt von Moritz Nikolaus Koch, der auftrat wie einer jener jugendlichen Verführer, die ihr eigenes von sinnlichen Ausschweifungen geprägtes Leben nur ertragen können, wenn sie andere mit hineinziehen. Auch Dr. Faust, gespielt von Rüdiger Hellmann, gab sich nicht als verstaubter Gelehrter aus einer längst vergangenen Zeit, er wirkte eher wie ein Lehrer kurz vor dem Burn-out, der es noch einmal wissen will – nicht anders als Jugendliche, die sich zum ersten Mal die Sinnfrage stellen.

 Und dann schließlich das Gretchen, in deren Rolle Joëlle Rose Benhamou schlüpfte, der es so überzeugend gelingt, ein 14-jähriges Mädchen darzustellen, das auf der Suche nach Liebe und Anerkennung auf den Erstbesten hereinfällt, der sie ernst zu nehmen scheint.

 Im Mittelpunkt des spannenden Bühnenbilds stand eine drehbare Säule, deren Inneres sich mal zu Fausts Arbeitszimmer, dann wieder zu Gretchens Kammer wandelte. Mit wenigen Mitteln wurde daraus eine Drogen-(Hexen-)Küche und der Blocksberg als Ort sexueller Überdrehtheiten.

 So spiegelte der „Faust“ von Regisseur Wolfgang Hofmann einerseits eine moderne Lebenswelt wider, andererseits kamen auch die großen Grundfragen des Dramas zum Tragen: Nähert man sich dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, über das Studieren oder vielmehr über das Ausprobieren? Ist es Glückseligkeit oder Untergang, sich im Augenblick zu verlieren? Lassen sich die zwei Seelen in der Brust – das Gute und Böse, Sinn und Sinnlichkeit – zur rechten Einheit bringen, oder wird man immer über Leichen gehen, entweder über die eigene oder die der anderen?

 Gretchen muss sterben, der moralische Versager Faust wird im Bewusstsein seiner Schuld irgendwie überleben, Mephisto scheint zum Schluss selbst angeekelt von dem, was er in seinem zynischen Spiel an menschlichen Abgründen zum Vorschein kommen ließ, genug Stoff, um stundenlang über den „Faust“ zu diskutieren, ganz abgesehen von der berühmten Wette zwischen Gott und Teufel, ob und wie sich das Menschsein bewahren ließe in einer unmenschlichen Welt.

 Mit ihrer zeitgemäßen Inszenierung, den zum Teil sehr jungen Schauspielern und unbedingt dem Anspruch, Goethes Sprachgewalt zur Wirkung zu bringen, trug die engagierte Truppe des TfN dazu, den „Faust“ so zu aktualisieren, dass er weiter und weiter fasziniert, auch in einer Generation, die sich auf ihre Weise einen neuen Kultur-Kanon sucht. Der rauschende Beifall der vielen Schüler und auch der anderen Zuschauer jedenfalls lässt das optimistisch erwarten.

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