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Zerbrechliche Träume, verlorene Illusionen

Bad Nenndorf Zerbrechliche Träume, verlorene Illusionen

Die „Glasmenagerie“ war es, die dem Dramatiker Tennessee Williams Weltruhm einbrachte. Mit diesem empfindsamen Werk, das den häuslichen Ablösungsprozess eines jungen Mannes schildert, hat ein Ensemble des Theaters für Niedersachsen (TfN) aus Hildesheim am Montagabend auf Einladung des Theaterkreises im KulturForum im Kurtheater beeindruckt.

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Bad Nenndorf (dis).  Familienbande: Tom Wingfield will Schriftsteller werden, braucht Weite und Leben; Mutter und Schwester, auf unterschiedliche Art in ihre eigenen (Traum-)Welten verstrickt, engen ihn ein wie den schon vor längerrer Zeit „abgehauenen“ Vater. Tom ist ein nachdenklicherer Typ, doch auch er geht eines Tages fort - seinen Weg. Tom Williams (der sich erst als Autor „Tennessee“ nannte) brachte hier die eigene Geschichte, die eigenen Schuldkomplexe auf die Szene, poetisch verdichtet, symbolhaft zugespitzt. Damit traf er 1944 das Zeitgefühl. Aber wie´s oft so geschieht mit Modischem von früher: Was einmal besonders naheging, wirkt - mit einigem Abstand betrachtet- mitunter recht weit weg. Eines jedoch ist auch 2012 noch gewiss: Es handelt sich um ein Stück für profilierte Schauspieler, über die das TfN verfügt.

Auf Steffen Lebjedzinskis dezent altmodischer Wohnzimmerdekoration ließ Regisseur Gero Vierhuff die Familiengeschichte aus dem verarmten amerikanischen Süden sich ganz behutsam entwickeln, unverkrampft, doch voller Innenspannung. Und die vier Protargonisten machten etwas daraus. Herb, abgewandt, dem Autismus nahe, in Paniksituationen zu den gläsernen Tierfiguren flüchtend, selber fast gläsern und körperlich leicht behindert: So spielte Katharina Wilberg mit großem Einfühlungsvermögen die Laura. Wie sie im Gespräch mit dem jungen Jim O´Connor Schritt für Schritt auftaute (Mutter und Bruder hatten ihn als Heiratskandidaten ins Haus geholt), sich unmerklich öffnete und dann erstarrend für immer verschloss, wirkte äußerst anrührend.

Zwischen Rebellion und Anpassung pendelnd: Dennis Habermehl als Erzähler und Bruder Tom, den es ob der ständigen Vorwürfe seiner Mama jeden Abend ins Kino zieht, aber der den Sprung aus der Enge wie sein Vater in die Freiheit schafft. Doch die Erinnerungen lassen auch ihn nicht los. Eindringlich gestaltete Simone Mende die Amanda Wingfield, eine überfürsorgliche, dominierende Mutter, die in ihren Kindern ihre Wünsche und Sehnsüchte umsetzen wollte und scheitern musste. Auch Moritz Nikolaus Koch war als charmanter US-Boy Jim mit seinen Machbarkeits-Illusionen treffsicher besetzt, der letzlich Laura und ihre Mutter auch nicht aus ihrer Isolierung befreien konnte.

Am Ende: Verdienter Beifall für eine atmosphärisch dichte Inszenierung.

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