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Kultur überregional Terrorist der Fantasie
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07:03 01.12.2014
Von Johanna Di Blasi
Die Lust am Schmerz war für den Marquis Hobby und Wissenschaft zugleich. Quelle: dpa

Der Sterbende in de Sades Dialog mit einem Priester gesteht aufrichtig Reue. Allerdings nicht wegen Versündigung gegen Gott, sondern gegenüber der Natur. Er wünscht, noch rückhaltloser seinen Trieben und Perversionen gefolgt zu sein. Die 15-jährige Eugénie in der „Philosophie im Boudoir“ empfängt die praktische und theoretische Einweisung in die Sittenlosigkeit mit verzückten Ausrufen wie „Oh, Sie lassen mich Dinge tun“, „Oh, wie gern“ oder „Oh verflixt, Sie verdrehen mir den Kopf“.

Der moderne Bestseller „Shades of Grey“ nimmt sich, verglichen mit den abgründigen Schriften des Marquis de Sade (1740-1814), wie Kinderliteratur aus. Der Spross aus altfranzösischem Adel bot seinen Lesern und Leserinnen im 18. Jahrhundert gewissermaßen Shades of Black: phantasieenthemmte Gewaltpornografie nach allen Regeln libertinärer Frivolität inklusive Folter und Mord.

Als Theoretiker und Praktiker interessierte sich de Sade mit geradezu naturwissenschaftlicher Akribie für Verzahnungen von sexueller Lust und Gewalt. Nach ihm wurde der Ausdruck „Sadismus“ geprägt. Der Marquis schuf Literatur, die, wie die Franzosen sagen, mit einer Hand gelesen wird. Zugleich spannt er Leser mit seitenlangen philosophischen Abhandlungen auf die Folter. Morgen vor 200 Jahren, am 2. Dezember 1814, endete das Leben des „freisten Geistes“ und „Göttlichen Marquis“, wie ihn Bewunderer nennen, in einer französischen Irrenanstalt.

Donatien Alphonse François de Sade hatte mehrere Gefängnisse von innen gesehen, darunter die Bastille. Etwa ein Drittel seines Lebens verbrachte der Marquis hinter Gittern: im Ancien Régime wegen sexueller Eskapaden, die das beim französischen Adel akzeptierte frivole Maß überschritten; in der Revolutionszeit wegen angeblicher Sympathien für das Königshaus. Mehrfach wurde der Mann, den Zeitgenossen als überaus attraktiv, charmant und belesen beschrieben, zum Tode verurteilt. Sozialisiert wurde de Sade bei einem geistlichen Onkel und Libertin, der sich allerlei Ausschweifungen hingab, sowie beim Militär.

Könnte es sein, dass Marquis de Sade, nachdem ihn Zeitgenossen für irre erklärten, Nachgeborene ihn verteufelten und er im 20. Jahrhundert zum Heiligen (ver)klärt wurde, nach wie vor ein großer Unbekannter ist? „Sade, l’inconnu?“ war eine Tagung überschrieben, mit der vor ein paar Monaten Sade-Spezialisten das Gedenkjahr 2014 intellektuell einleiteten, das vor allem in Frankreich mit neuen Biografien, Prachtbänden und Ausstellungen zelebriert wird. Zum Beispiel einer ausdrücklichen „Hommage“ derzeit im Musée d’Orsay in Paris.

Im 20. Jahrhundert schwankte die Einschätzung de Sades zwischen zwei Extremen: Die einen, etwa Albert Camus, sahen in ihm den freigeistigsten der Freigeister. Die anderen, etwa Pier Paolo Pasolini in dem Film „Die 120 Tage von Sodom“ von 1975, rückten de Sade und seine Absolutsetzung der zu Lustoptimierung und Gemeinheit neigenden „Natur“ in die Nähe zu Faschismus und Totalitarismus. Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, entdeckte als erster eine geheime Nähe de Sades zum deutschen Vernunftphilosophen Immanuel Kant. Horkheimer/Adorno wiesen 1944 in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ darauf hin, dass die kantische Philosophie ähnlichen Systemzwang aufweise wie die „Turnerpyramiden der Sadeschen Orgien“. Ohne Despotie des Sittengesetzes gibt es keine genussvolle Überschreitung von Grenzen!

De Sades 1791 erschienenes Hauptwerk „Justine“ führt eine glücklose Tugendhafte vor. Eugénie aus der „Philosophie im Boudoir“ ist hingegen aus einem Holz geschnitzt, wie es sich nur Lustmolche erträumen können. Mittlerweile war die Französische Revolution ausgebrochen. Der Beginn der Abfassung der Boudoir-Philosophie fällt in die Phase kurz nach dem „Großen Terror“ vom Sommer 1794. De Sade konnte diesen live von seiner Zelle im ehemaligen Konvent Picpus aus verfolgen. Nachdem es Klagen wegen des Geruchs von Blut am Place de la Concorde gegeben hatte, wurde die Guillotine dorthin verlagert und Picpus zum Massenfriedhof. Aus Korrespondenz geht hervor, dass das industriemäßige Töten und Leichenverscharren den Marquis nicht unbewegt ließ.

Der Sade-Experte John Phillips schlägt vor, die obszönen und atheistischen Unterweisungen als „ironisches Echo auf die Revolution“ zu lesen. De Sade habe Haupttexte der Aufklärung kritisch umgeschrieben und an die Stelle von Vernunftglauben und Reinheitswahn bewusst den Schmutz und die Vermischung von „High“ und „Low“ gesetzt.

Tatsächlich spielte sich die wahre Obszönität außerhalb des Boudoirs ab. Dort kippte der Terror der Vernunft bekanntlich in einen realen Blutrausch. Der schöne Körper der Fürstin Lamballe wurde geschändet und zerstückelt. Ein Revolutionsscherge brüstete sich gar damit, das Herz der Hofdame Marie Antoinettes verzehrt zu haben. Marquis de Sade wusste sehr wohl, dass die Gewalt nie endet. Sein zynisches Fazit lautete: Wenn schon Gewalt, dann sollte diese wenigstens ein Maximum an Lust bereiten.

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