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Kultur überregional Ballhof zeigt Goethes Torquato Tasso
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00:15 10.12.2014
Zwischen Staatssekretär Antonio (Mathias Max Herrmann, li.) und Dichter Tasso (Mathias Spaan) kommt es zum Streit. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Gegen Ende gibt es sogar ein bisschen Publikumsbeschimpfung. Aber keine echte, nur die von Peter Handke, in der er das Hier und Jetzt des Theaters beschwört: „Hier gibt es nur die wirkliche Zeit“, heißt es dort, und: „Die Leere der Bühne bedeutet nichts. Die Leere der Bühne ist kein Bild für eine andere Leere“. Während Mathias Max Herrmann, der ansonsten den kühlen Staatssekretär Antonio spielt, diese immer noch starken Sätze aus Handkes Publikumsbeschimpfung“ vorträgt, räumt Mathias Spaan, der den Dichter Torquato Tasso spielt, Möbelstücke von der Bühne. Es sind viele Möbelstücke – aber die Szene ist nicht langweilig. Sie ist folgerichtig und klug und auf ihre Art großartig. Und es gibt viele folgerichtige, kluge und auf ihre Art großartige Szenen in dieser Inszenierung.

Tom Kühnel hat sich Goethes „Torquato Tasso“ vorgenommen. Ein Künstlerdrama. Das Künstlerdrama. Es geht um Abhängigkeiten (der Dichter Tasso vom Fürsten Alphons), um Eifersüchteleien (Tasso und der Staatssekretär), um Liebe (Tasso und Leonore) und um das heiße Herz, das ein Dichter zum Dichten braucht, und das – Kreativwirtschaft ist ja wichtig! – durchaus geschätzt wird am kalten Hof. Es geht um Kunst, also geht es ums Theater.

So passt es ganz schön, dass Jo Schramm die Bühne als großen Spielkasten gebaut hat, mit Kulissenwänden, die als Kulissenwände zu erkennen sind, und einem in zwei Hälften geteilten Zuschauerraum. Links und rechts ist im Ballhof eine Tribüne aufgebaut, unten in der Mitte befindet sich die Spielfläche. Die Darsteller wenden sich mal hier-, mal dorthin. Und die Zuschauer sind in diesem Raumtheater immer ganz nah dran am Geschehen. So nah, dass sie einmal auch selbst zu Akteuren werden. Und das ist gar nicht weiter schlimm, sondern sehr unterhaltsam.

Regisseur Kühnel lässt den Fürsten von einem Chor von Laienschauspielern sprechen. Plötzlich erhebt er seine Stimme – mitten unter den Zuschauern. Beate Binder, Tanja Bohlen, Karin Brehm, Jörg Dietze, Thomas Domke, Jeannette Eickmann, Rüdiger Grass, Lukas Günther, Laura Guzman Fuentes, Lena Mensching, Bettina Nolde, Annette Schwerdtner, Nadja Spiehl, Timo Staaks, Axel Werres und Gerhard Württenberger geben dem Herrscher Stimme und Gestalt. In ihrer Alltagskleidung sitzen sie im Publikum, zuerst wie ganz normale Zuschauer, später dann als Souverän. Sie beginnen das Spiel von der letzten Reihe aus, stehen aber immer wieder auch auf der Bühne. Das chorische Sprechen ist nicht so ganz einfach, dieser Chor macht das sehr gut, die Worte von Alphons dem Zweyten sind glasklar zu verstehen, und, ja, der Herzog von Ferrara wird so zu einer mächtigen, unheimlichen Gestalt.

Am Ende, als der Dichter Tasso, zermürbt vom Streit mit Staatssekretär Antonio, enttäuscht vom Herzog und unbeachtet von Leonore nach Rom abzureisen gedenkt, dürfen auch alle anderen Zuschauer den Herzog spielen. Und das geht so: In der Bühnenmitte hängt eine Leinwand, auf der der Text des Herzogs erscheint. Wie bei einer Karaokemaschine wird das Wort hervorgehoben, das gerade gesprochen werden soll. Der Publikumschor funktioniert hervorragend: „Ich wünsche dir zu deiner Reise Glück / Und hoffe, dass du froh und ganz geheilt / uns wiederkommen wirst. Du bringst uns dann / den doppelten Gewinnst für jede Stunde / die du uns nun entziehst / vergnügt zurück.“ Geht doch. Und es mach sogar Spaß, mal ein bisschen Schauspieler zu spielen.

Das Mitmachtheater ist eine der vielen Theaterformen, die Kühnel hier vorführen lässt. Er zeigt fast alles, was auf der Bühne möglich ist: Maskenspiel und Puppentheater, Leseprobe und Romanze, Lehrstück und absurdes Theater, Kammerspiel und Video-Oper. Und das wirkt nicht als reine Demonstration von Fertigkeiten, sondern – Kunststück – immer auch irgendwie zwingend. Die von Anfang an behauptete Theatersituation bietet dem Ensemble im Übrigen die Möglichkeit, mächtig aufzudrehen und (ganz unironisch) sehr pathetisch zu werden.

Das wiederum passt schön zu Goethes Sprache, die das Ensemble immer wieder zum Funkeln bringt. Da rauscht nichts an einem vorbei, da wird jeder Vers groß und plastisch herausgearbeitet. Katja Gaudard gibt Leonore, die Schwester des Herzogs, wundervoll schwebend, zusammen mit Beatrice Frey führt sie auch einen schönen Schauspielerinnenzickenkrieg auf. Mathias Spaan ist ein herzzerreißend leidender Tasso, Mathias Max Herrmann ein nachdenklicher, bei aller Kühle doch auch leidenschaftlicher Antonio.

Bei manchen Szenen kommen die Stimmen der Darsteller – manchmal nur Satzfragmente, manchmal aber auch ganze Szenen – vom Band. Das führt zu einem großartigen Spiel mit Rollenzuschreibungen und Fremdheitsgefühlen. Knapp drei Stunden dauert die Aufführung – aber die fühlen sich an wie eine.

Wer sich darauf einlässt, geht am Ende beglückt und begeistert aus dem Theater.     

Von Ronald Meyer-Arlt

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