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Kultur überregional Die Kernstücke
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21:28 09.12.2014
Bosse im Theater am Aegi.  Quelle: Frank Wilde
Hannover

Bosse stakt wie ein Kranich über die Bühne. Er zieht die Beine hoch und setzt sie wieder auf den Boden – ein Zeitlupentanz. Die Fans wundern sich ein wenig. Doch schon nach dem zweiten Song ist die Zeitlupe weg, es ist, als habe der Kranich eine dieser Leckkröten mit ihrem LSD-ähnlichen Sekret verschluckt. Wenn das mal gut geht.

„Leise Landung“ hat Bosse seine Akustiktour genannt. Er spielt mit einem guten Dutzend Musiker die Lieder seiner fünf Studioalben. Es soll nicht bloß eine Fortsetzung der Tour zum Album „Kraniche“ sein. Er wollte nicht nur die E-Gitarre ausstöpseln und die Fans denken lassen: Wow, die haben sich richtig was dabei gedacht. „Ich wollte jedem Lied eine Ohrfeige geben“, sagt Bosse beim Hannover-Konzert im Theater am Aegi. Das Lied durchschütteln, und dann um das

Gerüst herum aufbauen, das sich Bosse für seine Songs meist alleine am Klavier ausdenkt. Den Kern enthüllen und dann behutsam umschließen.

Womöglich ist es auch eine sanfte, erinnernde Ohrfeige, um an die alten Zeiten zu denken, die nicht immer schön waren für den Musiker Axel Bosse. Nach dem beachtlichen Erfolg des Erstlings „Kamikazeherz“ verkaufte sich sein zweites Album „Guten Morgen Spinner“ schlecht. „Die Käufer würden alle in dieses Theater passen“, sagt Bosse im Aegi. Er schlug sich in dieser Zeit so durch, in Berlin. „Den ganzen Tag im Café sitzen und ordentlich Cappuccini in die linke Herzkammer schütten, so war das damals“, sagt er. Die Songs sind aber nicht nur eine Erinnerung. Bosse mag diese Stücke einfach, und findet es schade, dass sie kaum einer kennt.

Dass die „Leise Landung“ im Wortsinn nicht sein Ding ist, zeigt der Musiker auch bei „Schönste Zeit“. Er widmet das Lied seinen Eltern, die im Publikum sitzen. Es geht um den Nordseeurlaub in der Jugend, die erste Liebe und den Tag, als Kurt Cobain starb. „It’s better to burn out than to fade away“, singt der in Braunschweig geborene Sänger immer wieder, dieses Zitat von Neil Young, das Cobain in seinen Abschiedsbrief schrieb. Als Bosse rückwärts über die Bühne hüpft wie ein ziellos geworfener Gummiball, rennt er den Ständer mit der Glühbirne um, der in der Bühnenmitte platziert war, vor dem Hocker für die ruhigen Stücke. Glas und Glühdraht zerspringen, kleine Blitze zeigen noch den Stromfluss. Immer wieder bringt Bosse die Fans dazu, aus den roten Sitzen aufzustehen und zu tanzen. Wer das blöd finde, der könne sich ja später online beschweren, sagt Bosse, und kreiselt und tanzt schwitzend weiter über die Bühne.

Die Songs vom Album „Kraniche“ hat Bosse in Istanbul geschrieben, wo er zwischenzeitlich mit Frau und Kind lebte. Das Lied „Istanbul“ ist ein schönes Beispiel, warum diese Tour eine gute Idee war. Der Musiker erzählt, wie er sich dieses Lied eigentlich vorgestellt hatte, vor dem Versuch, das Album in Berlin aufzunehmen. Vor dem Ausweichen ins Studio in Umbrien. Vor dem Feinschliff daheim. Das orientalische Saiteninstrument Saz passt hier wunderbar, die Version ist rauer als auf dem Album.

Der hannoversche Abend ist nicht perfekt. Ein paar Verspieler, auch mal ein falscher Ton und immer wieder Kontakt zum Mann am Regler. Bosse scherzt zwischendurch, dass man das alles aufnehme für eine Live-CD. Gut, dass bei Bosse keine Kerzen auf der Bühne stehen wie bei Nirvanas legendärem Akustikauftritt in New York. Aber manchmal ist echt schön besser als perfekt.     

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