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Kultur überregional Ein Faust-Abend mit Klaus Maria Brandauer
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21:05 04.10.2016
Von Daniel Alexander Schacht
Seit dem Film "Mephisto" ist er für Viele fest mit dem Faust verbunden: Klaus Maria Brandauer. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Er gibt den Gottverächter Prometheus mit lauter Donnerstimme, den Mephisto mit verschlagenem Säuseln, die Hexen der Walpurgisnacht schmatzend, züngelnd, singend. Er legt mal rasantes Tempo vor, mal lange Pausen ein, bei denen man im bis in den zweiten Rang gut gefüllten Opernhaus einen Bleistift fallen hören könnte – so sehr zieht Klaus Maria Brandauer das Publikum in seinen Bann.

Klar, der Brandauer, das ist ein Star. Und „Faust“, das ist der Stoff, mit dem er seit 1981, seit seinem „Mephisto“-Film, in Zusammenhang gebracht wird. In der Verfilmung von Klaus Manns Roman spielte Brandauer den Mephisto-Darsteller und Nazi-Kollaborateur Hendrik Höfgen. Gleich, ob man in der Romanfigur ein Abbild von Gustav Gründgens erblickt – damit ist das uralte Teufelspakt-Motiv erstmals vor ganz großem Publikum über die Goethezeit hinaus bis in die Verfehlungen der jüngsten deutschen Vergangenheit fortgeführt worden.

35 Jahre später präsentiert Brandauer, mittlerweile 73 Jahre, in seiner Lesung rund um Philosophie und Religion, Seelenverkauf im Dienste fragwürdiger Forschung und selbstsüchtigen Lustgewinns, um Ethos und Eros menschlichen Handelns also, eine über fünf Jahrhunderte ausgreifende Auswahl von „Faust“-Stoffen. Zwar hätte die Leitfrage des Abends – „Faust – ein gefesselter Prometheus?“ – eine mehr als nur rhetorische Erörterung verdient. Doch werden sich die meisten Besucher eher wegen des Stars als wegen seines Themas ins Opernhaus begeben haben. Ohnehin lässt sich die Frage, ob menschliche Selbstbestimmung ohne Gott stets auf Teufelspakte hinauslaufen muss, durch eine bloße Zitatenmontage kaum beantworten.

So bleibt es bei einem eher assoziativen Gedankengefüge, an dem das Publikum offenbar vor allem Freude findet, wenn es eigene Bildungsbrocken wiederentdeckt – aus dem Schul-, Theater- oder auch Konzertbesuch. Denn damit das Ganze nicht zu monologisch wird, lässt sich Brandauer dann und wann von dem Pianisten Sebastian Knauer unterbrechen, der dafür Kompositionen von Bach und Mozart, Beethoven und Schubert ausgewählt hat.

Dass das Publikum diese Fingerübungen – sozusagen zwischen Melodieerkennen und heiterem Zitateraten – dankbar aufnimmt, ist von Anfang an zu spüren. „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“, startet Brandauer, und der Prolog aus Goethes „Faust“ löst hörbares Aufatmen und vereinzelt sogar kurzes Auflachen aus. Spontan begeistert – bis hin zu vereinzeltem Mitsprechen – ist man im Publikum auch bei den Goethe-Gedichten „Erlkönig“ und „Prometheus“ und stets bei Auszügen aus seinem „Faust“. Weniger bekannt ist das gleichfalls rezitierte Gedicht „Grenzen der Menschheit“, in dem der junge Goethe noch fern von jedem prometheischen Pathos ist. Und nur wenige dürften „Vor Gericht“ sofort erkannt haben, ein frühes Gedicht Goethes, mit dem Brandauer in den Gretchen-Komplex einführt.

Doch es geht ja um mehr als das, mit und ohne Goethe. Brandauer trägt auch ein Widmungsgedicht Heinrich Heines aus dessen „Tanzpoem“ zum „Faust“-Stoff vor. Er bringt den „Theresienstädter Kinderreim“ der im Holocaust ermordeten Autorin Ilse Weber zu Gehör. Und zitiert Hans Magnus Enzensberger und Thomas Mann, der sich im „Doktor Faustus“ mit geistigen Wegbereitern des Faschismus auseinandergesetzt hat. Doch allzu wolkig bleiben solche Verweise, und allzu dicke Brocken sind diese Werke auch für einen Abend, der nach gut 75 Minuten in immer schummriger werdendem Licht und letztlich in Dunkelheit endet.

Danach wird wieder aufgeblendet, es brandet minutenlanger teils begeisterter, teils auch erleichterter Applaus auf, bei dem sich im Parkett alle erheben. Und es folgen mehrere Zugaben am Flügel und am Rezitatorentisch. Erst ganz zum Schluss begibt sich Brandauer, eher routiniert als leutselig, an die Rampe, rezitiert dort aus dem Gedächtnis Brechts leichtgewichtiges „Pflaumenbaum“-Gedicht und lässt am Ende dann vollends banales Mitmachtheater folgen – indem er das Publikum auffordert, es möge doch, bitte schön, Erich Kästners so wichtigen Satz vervollständigen: „Es gibt nichts Gutes …“ Und ganz viele tun es.

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