Russell Crowe auf der Stroy-Jagd.
Und auch der Journalist selbst, Kaugummi kauend und mit langen Haarsträhnen, ist eher der analoge Typ. Er arbeitet noch mit so antiquierten Hilfsmitteln wie Schreibblock und Stift. Von seiner jungen Kollegin Della Frye (Rachel McAdams), einer begeisterten Bloggerin, hält der Reporter des „Washington Globe“ jedenfalls nicht viel.
Überhaupt ist „State of Play – Vom Stand der Dinge“ von Regisseur Kevin Macdonald ein eher altmodischer Film. Und das soll ein Kompliment sein. Dieser Thriller ruft Erinnerungen wach an Verschwörungsthriller wie „Die drei Tage des Condor“ oder an „Die Unbestechlichen“ – obwohl er nicht auf einer wahren Geschichte beruht. Auch in „State of Play“ wird in eleganten Wendungen der Verstrickung der Politik in kriminelle Machenschaften nachgespürt und dem Zuschauer noch etwas zugetraut. Vorlage für den Film ist die gleichnamige BBC-Fernsehserie gewesen.
Wir tauchen tief ein in die Mechanismen der Macht – und McAffrey sogar bald schon ab in eine Tiefgarage, so wie einst die beiden Watergate-Enthüller Woodward und Bernstein. Sowieso spielen sich hier viele Begegnungen im dunklen Untergrund der Stadt ab. Das passt wunderbar zu diesem insgesamt zwielichtigen Fall.
Alles beginnt mit einer Toten: Die Assistentin des politischen Jungstars Stephen Collins (Ben Affleck) stirbt unter einer U-Bahn. Zunächst sieht es wie ein Unfall aus. Oder war es doch Selbstmord – oder gar ein Mord? Schnell weitet sich die Geschichte aus ins Politische. Der Kongressabgeordnete Collins ist Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses, der den anrüchigen Geschäften der US-Militärindustrie im Irak und in Afghanistan auf die Schliche kommen soll. Will ihn etwa jemand diskreditieren?
Erst einmal nehmen die Parteioberen Collins aus der Schusslinie – zumal sich herausstellt, dass er ein Verhältnis mit der Toten hatte, weshalb er alsbald im Zentrum einer medialen Schlammschlacht landet. Denn verheiratet ist er auch. Und dann sterben noch weitere Menschen, die alle mit dem Politiker zu tun haben könnten.
Ausgerechnet McAffrey wird von seiner Chefredakteurin (Helen Mirren) auf den Fall angesetzt. Er kennt Collins aus Studientagen. Von nun an sind Politisches und Privates kaum mehr zu unterscheiden – genauso wenig wie die Frage, wer nun Täter und wer Opfer in einem komplexen Spiel ist. Der Druck auf McAffrey wächst: Seine Chefredakteurin will Geschichten sehen, denn die neuen Zeitungsgesellschafter wollen endlich Profite. McAffrey soll liefern, ganz egal, ob er nur mit Sex und Skandal die niederen Instinkte der Leser bedient.
Hat McAffrey bislang bestenfalls den Druck des Redaktionsschlusses respektiert, soll er sich jetzt irgendwelchen Investoren fügen, die auf Gewinnmaximierung aussind? So ist „State of Play“ nicht nur ein Politthriller, sondern auch eine Hommage an den von ethischen Prinzipien geleiteten Journalismus – und zugleich an die gute alte Institution Zeitung, die womöglich einer wenig glanzvollen Zukunft entgegensieht. In den USA kämpfen renommierte Verlagshäuser reihenweise ums Überleben. Doch noch gibt es Reporter, die so lange mit dem Kaffeebecher und dem Kuli in der Hand recherchieren, bis sie eine hieb- und stichfeste Geschichte vorlegen können.
Crowe ist genau der Richtige für diesen Job. Er ist meilenweit entfernt von seiner Bestform als Actionstar etwa in „Gladiator“. Deutlich hat er an Gewicht zugelegt. Schwerfällig und einem Dinosaurier gleich stapft er durch den Film. So viel Hartnäckigkeit wird zumindest in Hollywood noch belohnt: Am Ende tippt Reporter McAffrey die heiße Geschichte in seinen Uralt-Computer. Neben ihm sitzen beinahe andächtig die junge Kollegin und die Chefredakteurin. Im Abspann sieht der Zuschauer, wie die Zeitungsausgabe gedruckt wird, deren Titelstory das politische Leben in Washington aufrütteln könnte. Freunden des gedruckten Wortes kommen da beinahe die Tränen. Aber ein tröstliches Bild ist es auch.
Stefan Stosch