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20:04 04.12.2014
Für die „Systembombe“: Harald Welzer und Peter Kowalsky plaudern über Alternativen zum real existierenden Kapitalismus.  Quelle: Alexander Körner
Hannover

Neuerdings, so scheint es, findet Kapitalismuskritik sogar im Börsensaal statt. Jedenfalls in Hannover, wo der Soziologe Harald Welzer und ein rundes Dutzend Mitstreiter im altehrwürdigen, im Tudorstil errichteten Börsenbau mit einem Programm unter dem Titel „Was war noch mal der Kapitalismus?“ auftreten - und dort die vielleicht erste börsenkritische Buchpräsentation in Revueform darbieten. Die lockert der Artist (und Maschinenbaustudent) Toni Bauhofer mit Zauberei und Akrobatik auf. Er jongliert dabei zwar souverän, demonstriert aber auch, wie schwer es sein kann, fünf Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten. Und wie leicht man auf dem glatten Börsenparkett ausrutschen kann.

Denn darum geht’s: um die riskante Rasanz von Börsengeschäften, die mit Abschlüssen in Millionstel Sekunden längst das menschliche Maß verloren haben und so Instanzen einer fatalen Wachstums- und Beschleunigungslogik geworden sind. Nur die Gastgeberin des Abends, Sandra Reich vom Börsenvorstand, nennt die Börse eine Quelle europäischen Wohlstands, der nicht so einfach als Ort der Spekulation charakterisiert werden könne.

Kapitalismuskritik? Präsentiert wird an diesem Abend der neue Zukunftsalmanach von „Futur Zwei“, der Stiftung Zukunftsfähigkeit. Die hat Harald Welzer, der in Hannover Soziologie studiert hat und heute als Dozent in Flensburg und Sankt Gallen lehrt, 2012 in Berlin gegründet, dafür hat er der Laufbahn eines verbeamteten Professors Lebewohl gesagt.

Diese Stiftung setzt nicht so sehr auf die Kritik des real existierenden Kapitalismus wie auf das Lob für kreative Gegenentwürfe. Welzers Truppe tritt denn auch eher als Ärztekollektiv am Krankenbett des so oft schon voreilig totgesagten Kapitalismus auf. Ihr 543 Seiten dicker Almanach würdigt Alternativen zum sonst üblichen Wirtschaften und erzählt „Geschichten vom guten Umgang mit der Welt“, wie es auf dem Titel des Buches (Fischer-Verlag, 16,99 Euro) heißt.

Am dicksten steht da außerdem „2015/16“. Aber weil man auch im „Futur Zwei“-Tempus nur darüber spekulieren kann, wie es in diesen noch bevorstehenden Jahren wohl ausgesehen haben wird, sind die im Almanach versammelten Beispiele alle aus der Vergangenheit. Einige Repräsentanten der als zukunftsfähig eingestuften Projekte sind dafür im Börsensaal ganz gegenwärtig: Florian Opitz zum Beispiel, Regisseur des 2012 gedrehten Films „Speed“, der sich die Beschleunigungslogik der Kapitalverwertung vornimmt und Alternativen erkundet. Oder Carsten Buck, der ein Produktdesign mit nachhaltigen Milchpaketen und -vertriebswegen für „De Ökomelkburen“ entwickelt hat. Und Peter Kowalsky, der die konkursbedrohte elterliche Brauerei in der Rhön zur Produktionsstätte von Bionade entwickelt hat.

Sie alle plädieren in lockeren Plaudereien für Originalität, die Suche nach neuen Wegen und wackeren Widerspruch gegen das Establishment. „Jeder ist aufgefordert Systembomben zu werfen“, verkündete Kowalsky gar. „Ich freue mich auf das Feuerwerk, das da entsteht.“

Nun ja. Bionade ist längst an den Radeberger-Konzern verkauft. Gerade dieses Beispiel lehrt, dass neue Projekte seltener auf einen Alternativentwurf zur Wachstumslogik des Kapitalismus als darauf hinauslaufen, diesem mit einem Innovationsschub frische Wachstumspotenziale zu verschaffen.

Harald Welzer ist dennoch zufrieden. Als nächstes plant er die Ausweitung seines Projekts auf zehn Länder. Futur Drei? Mehr noch: „Future Perfect“ soll die Internationalisierung heißen. Und noch bevor auf dem Börsenparkett das - vom Studierenden bis zum Rentner - bunt gemischte Publikum zu Wasser, Wein und Brezeln greift, zieht er sein persönliches Resümee in Futur zwei: „Sie werden einen schönen Abend gehabt haben.“

Keine kühne, aber auch keine falsche Prognose.

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