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Kultur überregional Jonathan Franzen übersetzt Karl Kraus
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00:19 06.12.2014
Jonathan Franzen widmet sich mit dem „Kraus-Projekt“ zwei Essays des österreichischen Polemikers Karl Kraus.

Man muss schon ein sehr renommierter Autor sein, um einen Fußnotenband zu Essays eines Autors herausbringen zu können, der als eher sperrig gilt – noch dazu als Spitzentitel in einem großen Verlag. Der US-Schriftsteller Jonathan Franzen („Korrekturen“, „Die Unruhezone“) hat das nötige Ansehen. Franzen hat in München und an der Freien Universität Berlin Germanistik studiert und wiederholt gesagt, er habe als Schriftsteller eine „deutsche Struktur“ in sich. Er übersetzte bereits Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ ins Englische, jetzt hat er zwei Essays des österreichischen Polemikers Karl Kraus in seine Muttersprache übertragen.

Gemeinhin landen englische Übersetzungen deutschsprachiger Texte nicht auf dem heimischen Buchmarkt, doch Franzens „Kraus-Projekt“ bildet auch in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Der Mehrwert: Rund 70 Prozent des Bandes bestehen aus Fußnoten. Der Kraus-Kenner Paul Reitter erklärt literaturwissenschaftliche Details, und der in Wien und Berlin lebende Schriftsteller Daniel Kehlmann („Die Vermessung der Welt“, „F“) interpretiert unter anderem das Gedicht „Man frage nicht“, in dem Kraus sein Schweigen zur Machtergreifung der Nationalsozialisten zum Thema macht.

Den Hauptanteil der Fußnoten bestreitet Franzen selbst mit einer persönlichen Liebeserklärung: Die Geschichte beginnt in Hannover auf dem Bahnhof an einem Nachmittag im April 1982. Franzen grämt sich wegen einer unglücklichen Romanze, fährt im Zug nach Berlin und schreibt sich in einen Kurs über Kraus ein. Erst durch den Wiener Meckerer habe er den Zorn kennengelernt, schreibt er. Auf der Suche nach „literarischen Vätern“ vollzieht der Autor im Hinblick auf Thomas Pynchon nach, was Kraus in seinen Essays mit Heinrich Heine (Abgrenzung) und Johann Nestroy (Annäherung) macht.

„Das Kraus-Projekt“

Jonathan Franzen: „Das Kraus-Projekt“. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell; Rowohlt-Verlag, 304 Seiten, 19,95 Euro.

Franzens Briefe an seine heimliche Verlobte V, die er abtippt, damit sie der Nachwelt erhalten bleiben, erinnern an Kafkas selbstzerfleischende Zeilen an Milena Jesenská und Felice Bauer. Wie schon Kraus überhöht der damalige Mittzwanziger sein eigenes literarisches Schaffen, sein erstes Romanprojekt „schien mir ein Werk von schwindelerregender Könnerschaft zu sein“. So bettet Franzen in seine Kraus-Analyse eine Art autobiografischen Initiationsroman ein, wobei dem österreichischen Satiriker die Rolle des Verbündeten für den jungen Wilden Franzen zukommt.

Kraus, der ab 1899 die satirische Zeitschrift „Die Fackel“ herausgab, deren einziger Autor er ab 1911 war, scharte zu Lebzeiten eine elektrisierte Fangemeinschaft um sich. Heute hat der Autor einiges an Popularität eingebüßt, wenngleich sein Theaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“ im Zuge des Gedenkjahres zu 100 Jahren Erster Weltkrieg eine Renaissance auf den Bühnen erlebt. Franzen machte Kraus in den USA bekannt, indem er dessen Aktualität herausstellt. Er vergleicht Kraus’ Texte mit Blogeinträgen, in denen der Autor pointiert Beiträge seiner Widersacher auseinandernimmt: „Kraus verbrachte viel Zeit damit, Sachen zu lesen, die er grässlich fand, damit er sie mit triftigen Argumenten grässlich finden konnte.“

Während Kraus Heines Unterscheidung zwischen romanischer Sinneslust und deutschem Zweckpragmatismus zitiert, überträgt Franzen diese Dichotomie auf den Apple-Hype und den PC-Funktionalismus. Überraschende Vergleiche prägen die oft assoziativen Fußnoten, in denen der Leser Franzens Kraus-Lektüre quasi in Echtzeit nachvollziehen kann. Beide Autoren verbindet die Vorliebe für linguistische Denkspiele: Hat es einen tieferen Sinn, dass im deutschen Wörterbuch die Begriffe Geschmeichel, Geschmeide, Geschmeidig und Geschmeiß aufeinander folgen?

Wie Kraus Heine vom Sockel stößt, demontiert Franzen seinen Landsmann Hemingway. Franzen führt Argumentationslinien von Kraus fort. Kraus’ fanatische Medienkritik überträgt er auf den „Klick-Imperativ des Internets“, die allgemeine Smartphone-Hörigkeit und die Utopie-Seligkeit von „Twitter-Funktionären“. Franzen offenbart sich hier als ebenso radikaler Technikskeptiker wie sein österreichisches Idol.

Der Kulturtransfer in die USA bringt Vergleiche von Heine mit J. D. Salinger und Bob Dylan mit sich, die ebenfalls von vornehmlich jungen Lesern heroisiert werden. Mit seinem Werk widerlegt Franzen nebenbei ein Verdikt des radikalen Sprachkritikers Kraus, nachdem „der Beweis für ein Sprachwerk dessen Unübersetzbarkeit“ ist.

Der Titel „Das Kraus-Projekt“ deutet an, dass es sich hier um eine unabgeschlossene Arbeit handelt. Franzens mäandernden Fußnoten fehlt es mitunter an akademischem Ernst, seine Selbstheroisierung stört bisweilen. Aber „Das Kraus-Projekt“ wird dem Wiener Sprachkritiker gerecht – als intensive Auseinandersetzung mit der Wirkung von Worten.

Von Nina May

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