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Kultur überregional Wo das Exit-Schild leuchtet
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20:50 02.12.2014
Von Martina Sulner
„Ich darf nicht aufhören, mich zu sehnen“: Judith Hermann. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Bei einem langen Text, sagt Judith Hermann, habe sie oft Angst, sich zu verlieren. Bei einer Erzählung hingegen sei der „Schreibraum“ kleiner, überschaubarer: „Da sieht man das Exit-Schild leuchten.“ Seit ihrem erfolgreichen Debüt „Sommerhaus, später“ aus dem Jahr 1998 gilt die Autorin als Spezialistin für Erzählungen. Drei Bände mit Kurzgeschichten hatte die Berlinerin veröffentlicht, bevor in diesem Sommer ihr erster Roman erschienen ist, „Aller Liebe Anfang“. Die Arbeit daran – das wird bei Hermanns Auftritt im Literarischen Salon Hannover schnell klar – war nicht eben einfach. Auch wenn es, wie Judith Hermann sagt, schön gewesen sei, „die Figuren lange zu begleiten“.

Diese Figuren sind typische Judith-Hermann-Geschöpfe. Das Ehepaar Stella und Jason lebt mit der kleinen Tochter in einer Neubausiedlung. Jason ist beruflich viel unterwegs; Stella, eine Altenpflegerin, wird von einem mysteriösen Nachbarn erst umworben, dann gestalkt. Ein bisschen traumwandlerisch wirken diese drei, als wüssten sie nicht ganz genau, was da manchmal mit ihnen geschieht.

Die Charaktere scheinen etwas entrückt, Judith Hermann ist im Gespräch mit Salon-Mitarbeiterin Charlotte Milsch jedoch geradeaus und wirkt ziemlich geerdet. Gut nachvollziehbar beschreibt die sie Figurenkonstellationen im Roman, erläutert Gefühle und Verhalten der Hauptfiguren. Da ist zum Beispiel Stella, die sich Mann, Kind, Beruf und Dach über den Kopf gewünscht habe. Das hat die Frau jetzt; alles könnte eigentlich ganz einfach sein – „doch irgendwo gibt es in dem System eine Lücke, eine Sehnsucht“.

Von solchen Sehnsüchten, die ihre Figuren kaum erfühlen, geschweige denn präzise benennen können, schreibt Judith Hermann oft. Ebenso von einer diffusen Bedrohung, die ihre Wohlstandsbürger mal ängstigt, mal fasziniert.
Manchmal ist diese Angst vor dem Drohenden, vor dem Fremden sogar eine Art Motor: Durch den Stalker in „Aller Liebe Anfang“ etwa geraten die Dinge in Stellas Leben in Bewegung. Erst beginnt die Frau über den aufdringlichen Nachbarn nachzudenken, dann über sich selbst und ihre Ehe. „Stella“, sagt Judith Hermann, „sieht quasi von außen auf ihre Puppenstube.“

Einiges ist in „Aller Liebe Anfang“, erschienen im S. Fischer Verlag, nur angedeutet; die Autorin lässt vieles in der Schwebe. Wie sie überhaupt Schwebezustände und Zwischenwelten, in denen Menschen sich von Altem befreien und das Neue noch nicht genau im Blick haben, in ihren Texten mag.

Die rund 150 Besucher hören der Autorin gespannt zu, die von der Moderatorin zu zahlreichen einzelnen Textstellen befragt wird. „Wo schreibe ich das?“, will Judith Hermann einmal wissen. Und sagt – nachdem die Moderatorin die Passage vorgelesen hat – „Guck an!“ Ziemlich berlinerisch klingt sie in dem Moment und wirkt deutlich handfester, als man das von ihren Texten erwartet hätte.

Manchmal lassen sich die Grenzen zwischen Figur und Autorin an diesem Abend sowieso nicht eindeutig ziehen. Etwa, wenn die 44-Jährige von „diesen merkwürdigen mittleren Jahren“ spricht, in denen die jugendliche Neugier vergangen sei, die Gelassenheit des Alters aber noch keineswegs eingesetzt habe. Und auch, als Judith Hermann über das Ende des Romans spricht, ist nicht klar, ob sie jetzt nur über ihre Hauptfigur spricht. „Stella geht mit einigen Erkenntnissen aus dem Buch heraus“, sagt die Autorin, „zum Beispiel mit der Erkenntnis: Ich darf nicht aufhören, mich nach Dingen zu sehnen.“     

Veranstaltungstipp

Am 8.12.14 steht der Abend im Literarischen Salon unter dem Thema „Im fortgeschrittenen Stadium – Ein weites Feld: Archtitektur und Bedeutung der Arena“. Zu Gast ist Architekt Volkwin Marg. Weitere Informationen gibt es unter: www.literarischer-salon.de

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