Navigation:
AboPlus Anzeigen- und Abo-Service
Theateradaptation

Langer Applaus für „Drei Farben: Blau, Weiß, Rot“


Mit „Drei Farben: Blau, Weiß, Rot“ greift Johan Simons zum zweiten Mal einen Filmstoff von Krzysztof Kieslowski auf. Die Uraufführung am Samstagabend in den Kammerspielen wurde vom Publikum mit langanhaltendem Applaus gefeiert.

Thomas Schmauser in der Rolle des Karol im Stück „Drei Farben: Blau, Weiss, Rot“.

© Lennart Preiss/ddp

Der spektakulärste Effekt kommt kurz nach Beginn. Julie erinnert sich am Bühnenrand stehend an den schrecklichen Unfall, bei dem ihr Mann und ihre kleine Tochter ums Leben kamen. Über der Bühne schwebt an Drahtseilen ein dunkles Auto, das Quietschen von Bremsen und ein ohrenbetäubendes Krachen erklingen. Der Wagen fällt - durchbricht den Bühnenboden und bleibt darin senkrecht stecken. Julie kann nach dem Tod ihrer Liebsten keinen Sinn mehr in ihrem Leben erkennen und versucht verzweifelt, alle Spuren der Vergangenheit auszulöschen.

Mit „Drei Farben: Blau, Weiß, Rot“ griff der Leiter des NT Gent und künftige Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, zum zweiten Mal nach den „Zehn Geboten“ einen Filmstoff von Krzysztof Kieslowski (1941-1996) auf. Die Uraufführung am Samstagabend in den Kammerspielen wurde vom Publikum mit langanhaltendem Applaus gefeiert. Simons inszenierte sein Stück nah an der Handlung der drei Filme des polnischen Meisterregisseurs, fand aber gleichzeitig auch einen eigenen Ton für seine kurzweilige, mehr als dreistündige Bühnenfassung der Trilogie.

„Drei Farben“ untersucht, wie die großen, abstrakten Ideale der französischen Revolution und des modernen Europas - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - im täglichen Leben funktionieren und was sie heutzutage bedeuten. In „Blau“ findet Julie (Sylvana Krappatsch) trotz des Verlustes nach und nach neuen Lebensmut. In „Weiß“ muss der polnische Friseur Karol (Thomas Schmauser) nach der Scheidung von seiner französischen Frau (Wiebke Puls) Paris verlassen und baut sich im postkommunistischen Polen eine neue Existenz auf. „Rot“ zeigt die Begegnung der lebensbejahenden Valentine (Sandra Hüller) mit einem verbitterten Ex-Richter (hervorragend: Jeroen Willems) und führt alle drei Geschichten zu einem gemeinsamen Abschluss.

Zwar kommt Simons’ Bühnenadaption im ersten Teil „Blau“ trotz des Knalleffekts zu Beginn etwas schleppend daher. Doch im Laufe des Abends legt das Schauspiel deutlich an Tempo zu und lässt die Anlaufschwierigkeiten schnell vergessen. Mit „Weiß“, das Simons als überdrehte Burleske auf die Bühne bringt, und „Rot“ in Form eines intensiven und nachdenklichen Kammerspiels zieht er das Publikum in den Bann.

Simons arbeitet in seinem sehr dichten Schauspiel viel deutlicher als die Filme die Handlungsbezüge und motivischen Verbindungen zwischen den drei Geschichten heraus. Alle drei Teile handeln von Menschen, die nach Verlusterfahrungen vom Leben nichts mehr erwarten. In allen drei Geschichten geht es um Liebe, um Angst und Einsamkeit - und um einen neuen Aufbruch zurück ins Leben.

Die Farbsymbolik wird über die Kleidung der Darsteller und einen schmalen leuchtenden Streifen an der Rückwand des sonst völlig schwarzen Bühnenbilds transportiert. Elegant setzt Simons Wiederholungen, Variationen und Rückblenden ein, ohne damit den Handlungsfluss zu bremsen. Und er lässt seinem hervorragenden Ensemble viel Raum. Gleichzeitig schafft der Regisseur aber durch Verfremdungen immer wieder eine Distanz zum Bühnengeschehen, nicht zuletzt durch das Spiel der Schauspieler.

Wie die Filme hinterlässt auch die Bühnenfassung von „Drei Farben“ trotz der Tragödien des Alltags etwas Tröstliches. „Es ist ein irrationales, widersinniges Gefühl: Ich glaube an den Menschen“, sagte Kieslowski einmal in einem Interview. Und im Stück ruft Valentine dem zynischen Ex-Richter zu: „Es stimmt nicht, dass die Menschen schlecht sind (....) Sie sind schwach.“

ddp

Weitere Vorstellungen: 30. März, 5., 9. und 19. April

Internetlink: www.muenchner-kammerspiele.de

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Meiste gelesen in Kultur

Videos Kultur

Facebook

Städtewetter
Tagestemperatur
°
Nachttemperatur
°
Regenprognose
%
Windstärke
km/h
Pollenflug


Top