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Kultur überregional Manzel und Matthes in „Gift“
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06:05 19.12.2014
Dagmar Manzel und Ulrich Matthes in "Gift". Quelle: Arno Declair
Hannover

In Ihrem Stück „Gift“ scheint „Er“ anfangs der Oberflächlichere, Kältere zu sein, weil er die Frau verlassen hat und über das Geschehene hinwegkommt, während „Sie“ in ihrer Trauer verharrt und mit sich kämpft. War das die Ausgangslage auch beim Schreiben?

Mir geht es darum, wie sich Dinge entwickeln. Der Mann konnte nach dem Tod des gemeinsamen Kindes und mit der Trauer im Zentrum seiner Ehe nicht mehr weitermachen und hatte keine bessere Lösung als zu gehen. Im Leben ist es manchmal das einzige, was man tun kann, weil man keine andere Antwort hat. Für mich handelt der Mann einfach ehrlich.

Handelt es sich um eine wahre Geschichte?

Ich bin Zeugin dieser Geschichte. Es ist nicht meine, aber ich habe das alles sehr nah miterlebt. Es ist zwar etwas anders verlaufen, die Daten und Fakten sind andere, aber die Trauer ist dieselbe. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass es einen Zeitpunkt gab, an dem ich die trauernde Frau nicht mehr ertragen konnte. Ich wollte dann verstehen, wie es sein muss, in diesem Schmerz zu verharren, und ich musste das Stück schreiben, um das zu begreifen. Den Mann hatte ich verstanden, die Frau konnte ich nur durch das Schreiben erfassen.

Gift von Lot Vekemans

Regie: Christian Schwochow GASTSPIEL DEUTSCHES THEATER BERLIN am 10. und 11. Februar je 19.30 bis 20.50 Uhr, Schauspielhaus

Wie kommt es, dass viele Leser und Zuschauer des Stückes zunächst der trauernden Frau Recht geben?

Wir alle verspüren die Notwendigkeit, lange zu trauern. Es ist in unserer Kultur verankert, leiden zu müssen. Insofern ist es eine Möglichkeit, aber nicht die einzige, so mit dem Tod eines Kindes umzugehen. Der Mann hat die Frau aus Schmerz verlassen. Es ist derselbe Schmerz, aber eine andere Art der Verarbeitung. Durch die Entscheidung wegzugehen, hat sich für ihn ein Ausweg aufgetan. Die Frau hingegen klammert sich an den Schmerz, als wäre er ein Lebensfaden. Für sie ist er die einzig verbleibende Verbindung zu ihrem Kind. Gibt sie die Trauer auf, bleibt nichts übrig.

Wie kamen Sie dazu, dieses Stück zu schreiben?

Elsie de Brauw, die Schauspielerin der späteren Uraufführung, kam auf mich zu und schlug mir vor, ein Stück über eine Frau und einen Mann zu schreiben, die ein Kind verloren haben. Ich dachte: Niemals! Es ist nicht mein Schmerz und nicht meine Trauer. Ich darf nicht über das Leid einer mir so nahen und geliebten Person schreiben! Dann wollte ich anfangen, konnte es aber nicht, bevor ich nicht sicher war, dass die Geschichte ein gutes Ende nehmen würde.

Wie haben Sie es geschafft, sich dem Thema des Schmerz und Verlust immer wieder zu stellen?

Ich musste mich sehr lange und intensiv damit auseinandersetzen, da ich keine Mutter bin und kein Kind verloren habe. Dann wurde mir klar, dass es noch um etwas anderes gehen muss als um den Verlust eines Kindes. Für mich geht es darum, dass im Leben Dinge geschehen, die außer Kontrolle sind, bei denen man komplett den Boden unter den Füßen verliert. Was passiert dann mit einem? In „Gift“ sehen wir zwei Menschen, die nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen, die aber versuchen, ihre eigenen Antworten zu finden. Das Hauptmotiv war für mich die Frage, was wir in solchen Situationen tun können, und diese Frage bleibt. Man muss es durchstehen, das ist die einzige Antwort, die ich habe.

Es gibt immer zwei Blickwinkel – den des Mannes und den der Frau. Man könnte auch sagen: einerseits die poetische Perspektive, in der wir unsere Trauer und unseren Schmerz verabsolutieren, andererseits die pragmatische, in der es darum geht, die Dinge zu verarbeiten und weiterzumachen. Dazwischen ist man immer wieder hin und her gerissen …

Ja, sogar Leute, die keine Kinder haben, empfinden diesen Verlust als das Schrecklichste. Für manche ist es sogar einer der Gründe, keine Kinder zu haben. Diese paradoxe Strategie des Sich-Schützens ist gar nicht so selten. Zugespitzt formuliert: aus Angst vor den Risiken und Verletzungen des Lebens lieber gar nicht zu leben! So als könnte man dadurch das Außen, die Mächte, die zu groß für uns sind und die wir nicht kontrollieren können, von sich fernhalten. Das sind ja die ersten Gedanken, die einem nach einem Schicksalsschlag, einer Katastrophe durch den Kopf gehen: „Hätte ich dieses oder jenes anders gemacht! Wäre ich nicht dorthin gefahren! Wäre ich bloß früher zu Hause gewesen …“ Auf diese Weise verhandeln wir mit dem Schicksal, und das ist nicht möglich. Das Schicksal ist nicht verfüg- und verhandelbar.

Ihre Sicht auf das Leben ist tragisch, in Ihren Stücken passieren unkontrollierbare Dinge, kämpfen Figuren mit ihrem Schicksal – ist das eine Gegenposition zu einer Gesellschaft, die ständig versucht, völlige Kontrolle zu simulieren nach dem Motto: Alles ist machbar?

Das ist eine der größten Lügen überhaupt. Seltsam, dass wir uns so verhalten. Nicht die Kontrolle zu haben, ist nicht angenehm, es macht uns Angst, und man könnte sagen, dass das eine negative Weltsicht ist. Aber für mich ist es das Gegenteil. Ich lebe mein Leben lieber im Hier und Jetzt, so gut ich kann, ohne an alle Eventualitäten zu denken.

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