Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur überregional Die Eigentumsfrage
Nachrichten Kultur Kultur überregional Die Eigentumsfrage
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:05 05.12.2014
Von Johanna Di Blasi
Kunstverächter: Diktator Adolf Hitler und sein Propagandaminister Joseph Goebbels 1937 in der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München. Foto: dpa Quelle: Ullstein

Die gewaltsamsten Umwälzungen, die es im Bereich von Museen und Kunstsammlungen je gegeben hat, gehen auf das Konto der Nationalsozialisten. Nun, mehr als 70 Jahre nach den NS-Kunstraubzügen, könnte ein weiterer Epochenwechsel erfolgen. Jutta Limbach, einst Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und jetzt Chefin der „Limbach-Kommission“ zur „Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter“, fordert die Rückgabe aller geraubten Kunst. Deutsche Museen sollten dadurch ihre Sammlungen so rekonstruieren, wie sie vor der traumatischen NS-Zäsur waren. Das wäre im harmloseren Falle ein Ringtausch, in vielen Fällen aber müssten die betroffenen Häuser nur abgeben, was sie an solchen Werkbeständen haben.

Von diesem Vorgehen würden die Nationalgalerie in Berlin, das Museum Folkwang in Essen und die Kunsthallen in Hamburg und Mannheim besonders profitieren, denn sie wurden von den NS-Kunstjägern, die nach „Entarteter Kunst“ fahndeten, stark geschröpft. Auch Hannover, wo im seinerzeitigen Provinzialmuseum unter dem progressiven Museumsmann Alexander Dorner avantgardistische Schlüsselwerke hingen, litt überproportional. Insgesamt wurden bei drei Razzien 1937 allein in diesem Museum rund 280 Leinwand- und Papierarbeiten des Expressionismus und Konstruktivismus als „entartet“ eingezogen. Das „Gesetz über Einziehung von Erzeugnissen entarteter Kunst“, das 1938 die Aktionen im Nachhinein legalisieren sollte, ist kurioserweise bis heute nicht aufgehoben worden. Auch diese Bilder wurden letztlich geraubt, auch wenn dieser Raub als „Einziehung“ bemäntelt wurde. Die von Limbach in der „Süddeutschen Zeitung“ vorgeschlagene Aufhebung des Gesetzes würde eine Rückgabewelle auslösen.

Steitobjekt Entartete Kunst

Von den schätzungsweise 20.000 Werken der „Aktion Entartete Kunst“ ist der heutige Standort bei zirka 3000 Werken bekannt. Etwa 2750 Werke davon befinden sich nach Angaben der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ in deutschem Museumsbesitz. 90 Werke hängen in den USA, 65 in der Schweiz, davon allein sieben in Bern, knapp hundert Werke sind im Rest der Welt verstreut. Vier Kunsthändler waren seinerzeit mit dem Verkauf der Werke befasst: Karl Buchholz, Ferdinand Möller, Bernhard A. Böhmer und Hildebrand Gurlitt. Als „unverwertbar“ eingestufte Bilder waren 1939 auf dem Hof der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt worden. Hannover verlor vorwiegend Grafiken, aber auch 40 Gemälde und zwei Plastiken aus dem Besitz der Kunstabteilung des Landesmuseums. Betroffen waren auch private Leihgeber, etwa die Sammlung Lissitzky-Küppers, zu der auch die „Sumpflegende“ von Paul Klee gehört. Einige Bilder wurden bereits 1939 in Luzern versteigert, darunter ein Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker aus Hannover, das sich heute im Kunstmuseum Basel befindet. Ein anderes Werk aus dem Landesmuseum, Wassily Kandinskys „Landschaft mit bewegten Bergen“, gehört heute dem Guggenheim Museum in New York.

Die Juristin stieß mit ihrem Vorschlag bei Museumsverantwortlichen auf eine Wand aus Packeis. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, brachte in der „FAZ“ in einem langen Artikel lauter Einwände dagegen vor. Die Nachkriegserwerbungen privater und öffentlicher Sammler im In- und Ausland seien „gutgläubig“ erfolgt. Werke beispielsweise aus amerikanischem Museumsbesitz seien unmöglich wiederzugewinnen. „Schon aus diesem Grunde wäre es Unrecht, lediglich deutsche Besitzer haftbar zu machen“.

„Bei einem Ringtausch würden viele Museen eher verlieren als gewinnen - vor allem an Profil“, sagt Katja Lembke, Direktorin des Niedersächsischen Landesmuseums, das früher das Provinzialmuseum war. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die vorbildliche Provenienzforschung betreiben, müssten nach Angaben ihres Generaldirektors Hartwig Fischer 200 Werke zurückerhalten, aber keines abgeben. Fischer ist dennoch strikt gegen Limbachs Vorschlag. Wollte man 70 Jahre zurückspringen, würde man die Sammlungen „ein zweites Mal bestrafen“. Es wäre „brutal und geschichtsvergessen“ und ließe sich nicht auf Deutschland beschränken. „Es würde Tausende und Abertausende von Werken betreffen und Werte, die sicher im zweistelligen Milliardenbereich liegen“.

Bröckelt erst einmal die Rechtssicherheit, würde der internationale Leihverkehr zusammenbrechen, prophezeit Andreas Hüneke von der seit 2010 aktiven Forschungsstelle „Entartete Kunst“, die der Freien Universität Berlin angegliedert ist. „Würde das Museum of Modern Art noch einmal Paul Klees berühmte ‚Zwitschermaschine‘ in eine deutsche Ausstellung geben, wenn das Aquarell ‚belastet‘ wäre?“, fragt der Forscher.

„Nach 1945 ist es gelungen, mit großem finanziellen Aufwand, enormem bürgerschaftlichen Engagement und so beeindruckenden wie berührenden Schenkungen und Dauerleihgaben Lücken in den Museen zumindest teilweise zu schließen“, sagt Parzinger. Solche Bemühungen würden durch einen Ringtausch bestraft.

Lücken aus der NS-Aktion „Entartete Kunst“ wurden allerdings gelegentlich auch mit Kunst geschlossen, die jüdischen Sammlern abgepresst wurde. Berüchtigt ist der Berliner Jurist Conrad Doebbeke. Er machte nach dem Krieg verschiedenen Museen Angebote. Hannover griff zu und erwarb 1949 mehr als hundert Bilder aus dieser belasteten Quelle. Am Doebbeke-Erbe wird in Hannover seit einigen Jahren geforscht, Ergebnisse stehen aus.

Limbachs Rückgabeforderung erfolgte gewiss nicht zufällig wenige Tage, bevor das Berner Kunstmuseum das vielfältig belastete Erbe des NS-Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt antrat. In Abstimmung mit der deutschen Bundespolitik nahm die Schweizer Einrichtung auch etwa 380 Kunstwerke aus der „Aktion Entartete Kunst“ in ihren Besitz. Die Bilder treffen im Kunstmuseum Bern auf alte Bekannte: Unter anderem ein Selbstbildnis von Lovis Corinth und Ewald Matarés „Liegende Kuh“ waren nach Museumsangaben 1937 in der Nationalgalerie Berlin beschlagnahmt worden, ein „Blaues Pferd“ von Franz Marc entstammt dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum, ein weiteres Marc-Bild dem Frankfurter Städel. Bereits in den späten dreißiger und in den vierziger Jahren gelangten diese Bilder ins Berner Museum.

Kann man an solchen Bildern rechtmäßig Besitz erlangen? Diese Frage hat Limbach mit ihrem heftig attackierten Vorschlag neu in den Raum geworfen. „Wenn ‚entartete Kunst‘ in dem Wissen gekauft worden ist, dass es sich um aus anderen Museen entwendete Bilder handelt, hätte ich keine Bedenken, das jetzt rückgängig zu machen“, sagte die Juristin der „Süddeutschen Zeitung“. Für öffentliche Einrichtungen sollte es selbstverständlich sein, dass „auch in diesem Fall“ eine Restitution stattzufinden habe.

Über das Thema „Entartete Kunst“ versucht Limbach offenbar Bewegung in das schwierige Raubkunstthema zu bringen. Würden Museen erst einmal Bilder zurückklagen, müssten sie auch Werke hergeben. Ein großer Ringtausch, betont Limbach, würde die Leistung jener honorieren, die frühzeitig auf eine Kunst setzten, die die Nationalsozialisten dann als „entartet“ verwarfen.

Kultur überregional Harald Welzer und Peter Kowalsky - Ärzte am Krankenbett

Harald Welzer und Peter Kowalsky diskutieren in der Börse Hannover über Alternativen zum real existierenden Kapitalismus.

04.12.2014

Die Umwandlung des Suhrkamp Verlages in eine Aktiengesellschaft galt nur noch als reine Formsache. Doch Miteigentümer Barlach gab nicht auf – und hatte Erfolg in Karlsruhe.

04.12.2014

Die freien Theater Hannovers scheinen im Januar Pause zu machen. Warum eigentlich? Diese und weitere Fragen beantwortet Klaus Gürtler, Pressereferent der Freien Theater Hannover.

Ronald Meyer-Arlt 04.12.2014