Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur überregional Die Männerbeauftragten
Nachrichten Kultur Kultur überregional Die Männerbeauftragten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:27 20.12.2014
Von Martina Sulner
Experte für Figuren, die ihre vermeintlich besten Jahre hinter sich haben: David Foenkinos. Quelle: privat
Hannover

Irgendwann hockt Bernard auf seinem Bett und blickt auf die Wand. Noch immer hängt dort das alte Pink-Floyd-Poster. Der Mann setzt sich die Kopfhörer auf und hört sich „The Dark Side of the Moon“ an: „Meine Ohren waren vollkommen glücklich.“ Immerhin, denn der Rest von Bernard ist eher unglücklich. Kein Wunder: Gerade hat der 50-Jährige seinen Job, seine Frau und die gemeinsame Wohnung verloren. Er ist zu seinen Eltern, in sein altes Kinderzimmer gezogen und weiß nicht, wie es weitergehen soll: „Da war ich nun auch angekommen, auf der dunklen Seite des Mondes“, denkt er beim Blick auf Pink-Floyd-Poster und -Plattencover.  Bernard ist der Protagonist aus David Foenkinos’ neuem Roman „Zurück auf Los“. Er steht für einen Typus Mann, der derzeit in einer Reihe von Neuerscheinungen im Mittelpunkt steht: mittelalt, erfolglos und rein äußerlich bestenfalls Mittelmaß. Foenkinos’ Antiheld glaubt, dass die Tragik seines Lebens in seinem Namen begründet ist: „Bernard taugt bestenfalls für eine Komödie. Jedenfalls beruft einen der Name nicht gerade dazu, das Menschengeschlecht zu revolutionieren.“

Wobei es schon nett wäre, wenn der Bankangestellte überhaupt mal aktiv würde. Bernard ist liebenswert, aber langweilig, ohne eigene Ideen für sein Leben. Es ist verständlich, dass seine Gattin sich einem anderen zuwendet. David Foenkinos ist Jahrgang 1970 und damit etwas jünger als sein Protagonist. Der französische (Drehbuch-)Autor ist – das hat er in erfolgreichen Romanen wie „Unsere schönste Trennung“ und „Nathalie küsst“ – Experte für Figuren, die ihre vermeintlich besten Jahre hinter sich haben. Foenkinos erzählt, wie Menschen sich nach Schicksalsschlägen wieder aufrappeln – ernst in der Sache, leicht im Ton.

In Literatur und Kino ist das ein klassischer Stoff: Der Held fällt (Akt eins), fällt noch tiefer (Akt zwei) und schafft irgendwie doch die Wende zum Besseren (Akt drei). Seit einigen Jahren gibt es in der Unterhaltungsliteratur eine ganze Reihe solcher Typen. Die sympathischen Verlierer aus Nick Hornbys Büchern sind so gestrickt, aber auch die Protagonisten der deutschen Bestsellerautoren Tommy Jaud und Oliver Uschmann. Sicher, Männer in der Krise hat es von jeher in der Literaturgeschichte gegeben. Die gegenwärtigen Helden von Hornby, Jaud und Co. sind mit der Komplexität des Beziehungslebens in Zeiten sich auflösender Rollenmodelle meist überfordert. Und mit der Schnelligkeit des Lebens, in dem alle paar Tage ein neues vermeintlich großes Ding angekündigt wird, sowieso.

Die daraus resultierende Verunsicherung birgt Stoff für viele lustige Situationen, von denen versierte Autoren in ironisch-humorvollem Stil erzählen. Solche Romane treffen das Lebensgefühl vieler Männer in der Mitte des Lebens. Die Bücher kommen bei Lesern (und Leserinnen) wohl auch so gut an, weil die Antihelden stellvertretend für den Leser straucheln – und wieder aufstehen.

Von einem Musterexemplar des überforderten, unzuverlässigen Mannes handelt Jonathan Troppers neuer Roman, „Der Sound meines Lebens“. Im Mittelpunkt steht der Mittvierziger Drew Silver, von allen nur Silver genannt. Genau sieben Jahre und vier Monate ist dessen Scheidung her, seitdem hat er nichts wirklich auf die Reihe bekommen, nur ein paar Kilo mehr auf die Hüften. Tropper erzählt temporeicher und drastischer als Foenkinos, und seine Hauptfigur geht einem mehr ans Herz als der schüchterne, etwas versponnene Franzose Bernard. Silvers Situation ist tatsächlich nicht ohne: Seine Ex, die er irgendwie immer noch liebt, will wieder heiraten, seine 18-jährige Tochter ist ungewollt schwanger, er selber todkrank – außerdem hat er sich in eine Frau verliebt: „Er liebt sie so sehr, wie ein Mann eine Frau lieben kann, mit der er noch nie gesprochen hat ...“ Der Drummer einer One-Hit-Wonder-Band lebte eine Weile ein Rockstar-Leben mit viel Sex, Drugs und Rock ‘n’ Roll. Jetzt haust er in einem abgewrackten Apartment, verdient ein bisschen Geld als Musiker auf Hochzeiten und hängt ansonsten auf dem Sofa oder mit ein paar frustrierten Kumpels herum.

Jonathan Tropper, dessen Romane „Mein fast perfektes Leben“ und „Sieben verdammt lange Tage“ erfolgreich waren, schreibt lakonisch und pointenreich, zeichnet dabei aber vielschichtige Charaktere. So sympathisch Silver und auch Bernard sind: Sie können dem Leser (und erst recht: der Leserin) auf die Nerven gehen, weil sie so träge sind. In „Der Sound meines Lebens“ sind es – wie meist im richtigen Leben – die Frauen, die einen Plan haben. Manchmal muss man eben sein altes Leben hinter sich lassen, wenn man schon kein Konzept hat. Das macht der geschiedene Göran in Mikael Bergstrands Roman „Der 50-Jährige, der nach Indien fuhr und über den Sinn des Leben stolperte“. Auch der unglückliche Schwede („ein Mann in den mittleren Jahren mit einem definitiven Gewichtsproblem, der sich Wiederholungen von Bundesligaspielen auf Eurosport ansah“) hat Frau und Job verloren. Als er eher zufällig in Indien strandet, kann er sich aus seiner Lethargie befreien: Der gefeuerte Werbetexter arbeitet als Journalist und schreibt eine Aufsehen erregende Reportage über Kinderarbeit in einer Textilfabrik.

Autor Bergstrand erzählt bieder, aber unterhaltsam. Und auch er hält sich an die Regeln solcher Midlife-Crisis-Romane: Wenn die richtige Frau auftaucht, kommen die Männer zwischenzeitlich tatsächlich in die Puschen. 

  • Mikael Bergstrand: „Der 50-Jährige, der nach Indien fuhr und über den Sinn des Lebens stolperte“. btb. 416 Seiten, 14,99 Euro.
  • David Foenkinos: „Zurück auf Los“. C.H. Beck. 252 Seiten, 16,95 Euro.
  • Jonathan Tropper: „Mein fast perfektes Leben“, Verlag Droemer Knaur, 416 Seiten, 8,99 Euro.
  • Jonathan Tropper: „Sieben verdammt lange Tage“, Verlag Droemer Knaur 448 Seiten, 19,99 Euro.

Harmlose Plaudereien über pubertierende Kinder und dazu Spitzen gegen den „russischen Bären“: Wladimir Kaminer öffnet Türen und Schubladen im hannoverschen Pavillon.

20.12.2014

Der Londoner Künstler Paul Bower gestaltet die Plakate für das Junge Schauspiel Hannover. Seine Plakatentwürfe reagieren mit ihrer eigenen grafischen Sprache auf die Bildvorlagen der Theaterfotografin Katrin Ribbe. Kennengelernt haben sich die beiden bei der Arbeit in einem Kino im Londoner Stadtteil Brixton.

19.12.2014

Der Suhrkamp Verlag darf in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden. Das hat das Bundesverfassungsgericht am Freitag entschieden.

19.12.2014