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Romandebüt

Thomas Klupp erhält Nicolas-Born-Nachwuchspreis

Spätestens seit dem Amoklauf von Winnenden ist die Öffentlichkeit für jugendliche Grenzgänger besonders sensibilisiert. Thomas Klupp präsentiert einen.

Kreativ geschrieben: Thomas Klupp, der in Hildesheim Kreatives Schreiben studiert hat.

© Berlin Verlag
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Sein neuer Roman, den er am Donnerstag in der von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und dem Literaturbüro Hannover gemeinsam veranstalteten Reihe „Das literarische Debüt“ vorstellt, hat einen jungen Helden, dem die Wirklichkeit immer mehr abhanden kommt.

Das Buch hat nicht nur der Redaktion und dem Literaturbüro gefallen: Auch die niedersächsische Literaturkommission, die den Nicolas-Born-Preis vergibt, würdigt das Werk. Thomas Klupp, das gab die Jury gestern bekannt, erhält den Debütpreis – der Hauptpreis geht an den Lyriker, Romancier und Übersetzer Henning Ahrens.

Thomas Klupp, ehemaliger Mitherausgeber der Hildesheimer Literaturzeitschrift „Bella triste“, lässt in seinem Roman ein jugendliches Trio auftreten, das eine Shell-Tankstelle in die Luft jagen will. Die Szene in „Paradiso“ spielt 1995, als Umweltschützer Protestaktionen gegen den Shell-Konzern in ganz Europa wegen der Versenkung der Ölplattform Brent Spar im Meer organisierten.

Mit Umweltschutz hat der Plan der Jugendlichen allerdings wenig zu tun. Alex Böhm, die Hauptfigur, ist vielmehr so ein Grenzgänger zwischen den Welten. Den Anschlag, der an der Reaktionsschnelligkeit einer Kassiererin und dem Auftauchen der Polizei scheitert, bezeichnet er lapidar als „krasse Aktion“. „Bestimmte Grenzverschiebungsmechanismen“, möglicherweise Drogen oder auch nur das Alter, hätten das Ganze „in eine halb spielerische Ecke gerückt“, entschuldigt er sich auch zehn Jahre später noch vor sich selbst.

Alex’ fragwürdige Einsichten zeigen, wie groß und zugleich pervertiert die Sehnsucht nach realen Empfindungen in einer Welt ist, die wie ein Film vor ihren Figuren abläuft. Es sei für Jugendliche, „für ihre Entwicklung und Weitsicht“ besser, „irgendwann einmal zu versuchen, eine Tankstelle in die Luft zu sprengen, als so ein frustrierter Konsolenspieler zu werden“, sagt der Mittzwanziger an einer Stelle. Dies ist nicht zynisch, sondern ernst gemeint. Spiele sind für Alex das Letzte. Sie bereiteten „die Gesellschaft ja in aller Konsequenz auf den nächsten Krieg und die nächsten Konzentrationslager vor“, so Alex.

Die Handlung erzählt von einem immer irrer werdenen Trip in die Vergangenheit: Der erwachsene Alex Böhm will zum Flughafen, um mit seiner neuen Freundin in die Ferien zu fahren. Statt die vereinbarte Mitfahrgelegenheit abzuwarten, steigt er ins Auto eines ehemaligen Klassenkameraden. Und nun reist er zurück an den Ort seiner Kindheit nach Weiden in der Oberpfalz, zu den Eltern, besten Freunden und zu seiner ersten großen Liebe.

Erst nach und nach wird einem in dieser Geschichte voller Rückblenden klar, dass Alex nicht nur ein arrogantes, eitles Kind reicher Eltern ist. Der Student scheut jede Auseinandersetzung mit seinen Mitmenschen: Er konsumiert Drogen wie andere Leute Süßigkeiten, lügt, betrügt, klaut – und verstrickt sich immer mehr in seine Täuschungsmanöver. Und irgendwann droht seine zusammenkonstruierte Wirklichkeit auseinanderzufliegen. Am Schluss dieser Geschichte steht kein Amoklauf, dafür aber eine blutige Schlägerei, bei der Alex seinen besten Freund aus dem Hinterhalt angreift und fast totschlägt. In „Paradiso“ erfährt man mehr als in vielen Expertenbefragungen darüber, wie es dazu kommen kann, dass ein junger Mann den Bezug zur Realität verliert – und immer aggressiver auf die Umwelt reagiert.

Der 32-jährige Thomas Klupp, Absolvent des Studiengangs Kreatives Schreiben am Hildesheimer Literaturinstitut, versetzt seine Leser direkt in den Kopf seines Antihelden. Das hat den eindrucksvollen Effekt, dass man es nicht aus der Distanz beobachtet, sondern von innen heraus miterlebt, wie jemand den Boden unter den Füßen verliert. Zunehmend verstörend wirkt das – und bedrückend aktuell. Thomas Klupp ist ein bemerkenswert starkes Debüt gelungen.

Thomas Klupp: „Paradiso“. Berlin Verlag. 200 Seiten, 18 Euro.


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