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Kultur überregional Klein, verfressen – heldenhaft
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00:18 11.12.2014
Haarige Sache: Hobbits als Heilsbringer der phantastischen Welt Mittelerde. Quelle: Nina Mey

Hobbits sind drollige Gesellen, die in komfortablen Erdhöhlen leben. Sie zeichnen sich durch haarige Füße, zwergenhaften Körperwuchs und eine Vorliebe für saftige Pasteten und süffigen Wein aus. Der einzige Sport, in dem sich diese Fabelwesen für gewöhnlich messen, ist das Blasen von Rauchkringeln. Das sind nicht unbedingt die gängigen Attribute für Helden, die sich in der Regel durch Muskelpakete oder Superkräfte hervortun – oder doch wenigstens durch die Bereitschaft, sich aus dem gemütlichen Zuhause ins Abenteuer zu stürzen. Diese muss bei den Hobbits hingegen erst mühsam hervor gekitzelt werden. Man könnte also am Verstand desjenigen zweifeln, der eine Mission auf Leben und Tod ausgerechnet diesen hedonistischen Biederbürgern anvertraut.

Und doch hat der britische Schriftsteller J. R. R. Tolkien gleich zwei Mal einen Hobbit zum Heilsbringer seiner phantastischen Welt Mittelerde gemacht: In seinem 1954 und 1955 veröffentlichten Epos „Herr der Ringe“ ist es Frodo, der am Ende den magischen Ring in die glühende Lava des Schicksalsberges wirft und somit die Macht des diabolischen Tyrannen Sauron bricht. Der 1937 als Kinderbuch veröffentlichte Roman „Hobbit – Hin und zurück“ erzählt die Vorgeschichte – wie Frodos Onkel Bilbo Beutlin einst in den Besitz des Ringes kam. Die Weltauflage wird heute auf rund 100 Millionen Bücher geschätzt. Wie schon die „Herr-der-Ringe“-Trilogie wurde auch der Hobbit von Regisseur Peter Jackson verfilmt, der letzte Teil des Dreiteilers kommt diese Woche in die Kinos.

Damit endet eine Ära, die 2001 mit der Verfilmung des ersten Bandes „Die Gefährten“ begann. Wie Tolkien als Vater der Fantasyliteratur gilt, so avancierte Jackson mit seinen Mittelerdefilmen in den Augen einer weltweiten Fangemeinschaft zum Herrn der Kinophantastik. Der neuseeländische Regisseur setzte ästhetische Standards in der Visualisierung epischer Schlachten und löste eine Fantasywelle aus, auf der auch ein Zauberlehrling wie Harry Potter oder die Tribute von Panem sich in die Höhe schwingen konnten.

So schnell wollten sich die Zuschauer nicht aus Mittelerde lösen, deshalb blies man den im Original rund 300-seitigen „Hobbit“ zur Trilogie auf, um gleich drei Mal im lukrativen Vorweihnachtsgeschäft an den Kinokassen abzuräumen. Allein der erste Teil spielte weltweit rund 830 Millionen Euro ein. Jackson baute Handlungsstränge aus (Ork-Verfolgungsszenen) oder erfand neue (Liebesgeschichte zwischen Elb und Zwerg), was manchen Tolkien-Anhänger verdross. Vorherrschend ist in der Fangemeinde jedoch das sentimentale Gefühl des Abschieds, weil mit dem letzten Hobbit-Teil endgültig Schluss ist. Christopher Tolkien, Sohn und Erbe des Autors, hat testamentarisch verfügt, dass andere Werke wie das „Silmarillion“, eine Art Legendengeschichtsbuch über Mittelerde, nicht verfilmt werden. Jack Machiela von der Tolkiengesellschaft in Neuseeland, das durch Jacksons Verfilmungen zum Wallfahrtsort für Mittelerde-Pilgerer geworden ist, sagt: „Mit dem letzten Teil des Hobbits geht eine lange gemeinsame Reise ins Reich der Drachen und Elben zu Ende – ein wehmütiger Gedanke.“

Verfechter der Hochkultur belächeln derlei Devotion oft und werfen den Liebhabern von Fantasy in Literatur und Film Eskapismus vor. Doch Tolkiens Geschichten sind alles andere als banal oder weltfremd. Der Oxforder Professor für Altenglisch schrieb seine Mittelerderomane in Anklang an die Nibelungensage auch als Reaktion auf die Weltkriege. Die Hippies verehrten ihn, heutige Anhänger können sich beim Lesen in eine Zeit vor Globalisierung, Klimawandel und Hightech-Kriegen träumen, in der das „Böse“ noch überschaubar und bekämpfbar erschien.

Hier im idyllischen Hobbingen beginnen Tolkiens Abenteuer. Bis zu 2000 Touristen wollen täglich die gemütlichen Erdbehausungen des Auenlandes sehen. Quelle: Nina May

Das Fantasy-Genre rührt an Urängste und archaische Sehnsüchte des Menschen. Tolkien selbst hat dieses Phänomen in seinem Aufsatz „On Fairy-Stories“ (im Deutschen unzureichend mit „Über Märchen“ übersetzt) analysiert. Seine Analyse über das Bedürfnis nach „einem anderen Ort“ voller Magie und Geheimnis mündet in dem Ausruf: „Mich verlangte nach Drachen!“

Woher aber rührt nun die besondere Faszinationskraft eines haarigen Wesens namens Hobbit, von dem die Anhänger in Abwandlung des Romantitels ganz „hin und weg“ sind? Wie Frodo wird auch Bilbo zu Beginn der Geschichte bei sich zu Hause im idyllischen Auenland vom Zauberer Gandalf besucht und zu einer abenteuerlichen Reise überredet. Der Hobbit zieht mit einer Horde von Zwergen los, um Schatz und Thron vom Drachen Smaug zurückzuerobern. Die Zwerge sind zunächst alles andere als begeistert: Dieser schreckhafte Kerl, der zwar mit einer gut gefüllten Speisekammer, aber nicht mit Mut und Kampfeslust aufwarten kann, soll der versprochene Erlöser sein? Gandalf verteidigt ihn mit den Worten: „An Bilbo Beutlin ist mehr dran, als ihr ahnt.“

Allein die Existenz der Figur Gollum, dem Bilbo den magischen Ring stiehlt, beweist, dass die Hobbits mehr sind als ein harmloses Völkchen mit gutmütigen Gesichtern. Korrumpiert von der Macht des Schmuckstückes lebt Gollum, der auch im „Herr der Ringe“ eine wichtige Rolle spielt, auf der Nachtseite von Mittelerde. Er ist das dunkle Zerrbild der Hobbits – denn er war einmal einer von ihnen.
Der Hamburger Fantasyautor Jonas Wolf zählt in seinem Buch „Alles über Hobbits“ (Piper Verlag) vier Prinzipien auf, die das hobbitsche Heldenideal ausmachen: „Bau auf die Freundschaft!“, „Gib niemals auf!“, „Mach das Beste aus deinen Möglichkeiten!“ und „Genieße die Annehmlichkeiten des Lebens“. Tolkiens Geschichten stehen dafür, dass das naive Beharren auf dem Guten im Kampf mit einem übermächtig scheinenden Gegner zum Erfolg führen kann – selbst wenn man zu den Kleinsten gehört.

Der Hobbit bleibt angesichts von Schreckgestalten wie den Orks, Trollen oder Nazgûl-Ringgeistern vergleichsweise gelassen, denn seine größte Angst gilt dem Verpassen einer seiner sieben täglichen Mahlzeiten. In dem Hobbit-Kochbuch des fiktiven Autors Beregil von Gondor (Heel Verlag) heißt es gar: „Eigentlich kreisen ihre Gedanken nur um die nächste Mahlzeit, und was man davor noch alles zu sich nehmen kann.“ Beregil von Gondor hat bei seiner Reise durchs Auenland Rezepte von Apfelgerstengrütze bis Kümmelkuchen gesammelt. Nicht zu vergessen die „Kopfbrummer“ genannten Bratäpfel, die in Alkohol getränkt sind. Denn Hobbits sind auch berauschenden Sinnesfreuden nicht abgeneigt. Die heutige Begeisterung für diese Spießbürger ist Ausdruck einer neuen Bürgerlichkeit, die einen Rückzug ins Haus und zur Familie propagiert.

Tolkiens Lieblingshelden verbinden ihr Gemütlichkeitsideal mit der Bereitschaft, sich ins Abenteuer zu stürzen, wenn es drauf ankommt. Mit dieser Mischung bieten sie ein erhebliches Identifikationspotenzial für all diejenigen, die sich nach einem anstrengenden Arbeitstag mit einer Tasse Kakao oder Holundertee unter die Decke kuscheln. Die Geschichte des Hobbit erinnert sie daran, dass es da draußen noch eine andere Welt gibt, in der es gilt, mit seinen Gefährten für das große Ganze einzustehen.

Letztendlich ist der Hobbit auch ein Alter Ego des Autors. „Ich bin selbst ein Hobbit“, sagte Tolkien einmal. „Ich liebe Gärten, Bäume und Ackerland ohne Maschinen. Ich rauche Pfeife, esse gern gutbürgerlich und verabscheue die französische Küche.“

Von Nina May

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