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Kultur Kunst: Die große Liebe zur Baustelle
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06:03 18.01.2019
Hinter dem Bauzaun beginnt das Theater - Passanten schauen 1979 auf die Baustelle des Forum des Halles. Quelle: Bernard Descamps / BHVP / Roger-Viollet
Paris

Vielleicht erinnern Sie sich: Sie stehen vor einem Lattenzaun, der weit über Sie hinausragt. Dahinter ist Bewegung, Lärm und Staub. Im Zaun sind Spalten zwischen den Holzlatten, Lücken oder Gucklöcher. Der Kopf legt sich an das Holz, um durch die Ritzen hindurchblicken zu können. Dahinter: ein Ineinandergreifen von Arbeitsabläufen, schweres Baumaterial schwebt in der Luft unter Kränen – der Rhythmus der Baustelle.

In Paris ist derzeit eine Schau zu sehen, die sich bis zum 11. März mit ebenjener Faszination und deren Umsetzung in der Kunst auseinandersetzt. Das Architekturmuseum Cité de l’architecture et du patrimoine geht dafür weit zurück – bis ins 16. Jahrhundert.

Für ewig unvollendet: Der Wagner-Widmungs-Bau Neuschwanstein

Das überrascht, denn mit der Baustelle wird in der Regel der Fortschritt einer industrialisierten Gesellschaft assoziiert – wie etwa der wahnsinnige Glasbau neuer Wolkenkratzer. Doch schon Ludwig XIV. hat den Bau von Versailles beobachtet, schreiben die Kuratoren Valérie Nègre und Marie-Hélène Contal in einem Text zur Ausstellung. Und in Deutschland gab es ebenfalls eine Großbaustelle lange vor Stuttgart 21 oder dem Berliner Flughafen – und dieses ungeheure Projekt wurde wegen Geldmangels nie beendet: das Märchenschloss Neuschwanstein Ende des 19. Jahrhunderts, das ein anderer Ludwig, der zweite von Bayern, für sich bauen ließ. Eigentlich kann man noch viel weiter in Geschichte und Mythologie zurückgehen: zum Turmbau zu Babel. Und in Sachen Machtdemonstration kann man auch den Bogen zur heutigen Zeit schlagen, zum Bau von immer neuen höchsten Gebäuden der Welt oder von futuristischen Stadien in der Wüste.

Für die Machthaber war – oder ist – der Bau von Großprojekten die Möglichkeit, ihre Macht zu manifestieren, ihre selbst bescheinigte Herrlichkeit strahlen zu lassen. Künstler waren – Fotografen sind – hier gefragt, um die Herren vor der Baustelle zu porträtieren, Zeugnis ihres visionären Herrschertums.

Die Maler sitzen wie Kleckse in einer Zeichnung auf den Seilen. Quelle: New York City Municipal Archives

Die abstrakte Qualität einer Baustelle

Doch hat die Baustelle nicht nur die Funktion der Machtdemonstration, sondern auch eine ganz eigene, ästhetische Qualität. So zeigt es ein Foto in der Ausstellung: Die Arbeiter haben sich auf den Stahlseilen auf der Brooklyn Bridge in New York niedergelassen. Vor dem gleichmäßig bewölkten Himmel wirken die dicken Seile wie zarte Striche, wie die Studie eines Szenografen oder eines Architekten. Die Arbeiter, die sich lässig und höhenangstbefreit in die Seile hängen, holen das Fotomotiv aus dem Abstrakten ins Reale. Architektur ist Geometrie. Im Bau wirken die Gebäude mit ihren Gerüsten, die sich in horizontalen, vertikalen und diagonalen Streben in die Höhe strecken, und ihren Betonpfeilern, die wie überdimensionale Finger in den Himmel zeigen, von Weitem wie Zeichnungen.

Doch ist nicht unbedingt die abstrakt-zeichnerische Qualität der Grund, warum man auf der Straße stehen bleibt, um durch den Bauzaun zu sehen: Es ist das Theater, das sich dahinter verbirgt, die schiere Kraft, die anstrengende Knochenarbeit. Die Faszination der riesigen Maschinen – ein beliebtes frühes Wort beim Kleinkind ist schließlich „Bagger“.

«Skulpturen in der Straße» heißt das Werk von Raimund Kummer. Quelle: Paul Zinken/dpa

Das Gebäude ist fertig, das Geheimnis hat sich aufgelöst

Doch zeitgenössische Künstler interessiert noch etwas anderes am Bauen: das zufällige Werk, das dabei entsteht. Denn ein Objekt, das noch nicht durch Wohnen oder Arbeiten funktionalisiert ist, kann auch schlicht als Skulptur im Raum angesehen werden. Aufgegriffen hat diese Idee beispielsweise der Berliner Künstler Raimund Kummer, der in der Ausstellung nicht vertreten ist. Ende der 70er-Jahre fing er an, zufällig gelagerte Materialien per Fotografie zu Kunstwerken zu erklären.

Die Baustelle ist temporär: Wir müssen unsere Gedanken anstrengen, um zu erkennen, was später aus dem Gerippe werden soll. Gerade, wenn sie auf alltäglichen Routen liegt, beobachten wir das Vorankommen, das heutzutage immer mehr von Maschinen übernommen wird. Irgendwann wird der Bauzaun mit den Gucklöchern abgerissen – und das neue Gebäude öffnet seine Türen. Doch damit ist auch das Geheimnis verflogen.

Von Geraldine Oetken/RND

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