Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Kultur Roger Waters: Weckrufe vom Pink-Floyd-Mann
Nachrichten Kultur Roger Waters: Weckrufe vom Pink-Floyd-Mann
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:01 31.05.2017
Die Uhr tickt, den Wecker muss jeder selbst stellen: Der 73-jährige Roger Waters erweist sich auf seinem neuen Album auch für seine Verhältnisse erstaunlich zornig. Quelle: Sean Evans
Hannover/NewYork

Eine Uhr tickt zu Beginn wie in Pink Floyds „Time“. Ein Mann murmelt, was alles war, „als wir jung waren“. Musik zieht langsam und schwer herauf, das Ticken wird lauter, die Stimme bedrohlicher. Am Ende klingeln die Wecker nicht, das Intro „When We were Young“ reißt stattdessen einfach ab. Und eine Akustikgitarre hebt an, zart und sacht, sie erinnert ein wenig an Pink Floyds „Wish you were Here“. Der Mann singt jetzt, flüsternd: „Wenn ich Gott wäre, hätte ich die Äderchen im Gesicht ein wenig widerstandsfähiger gegen Alkohol gemacht“, so beginnt Roger Waters sein viertes Solo-Album. „Déjà vu“ heißt der Song, in dem die Streicher erschauern wie weiland in Pink Floyds „Comfortably Numb“. Roger Waters war 1965 Mitbegründer von Pink Floyd, Songwriter, Bassmann, Sänger, visionär, stur, biestig. Auf den banalen Witz folgt die böse Spitze: „Ich glaube, wenn ich Gott wäre, hätte ich einen besseren Job gemacht“, singt er. Waters‘ Wahrheit: Der Mensch denkt nicht, Gott lenkt nicht.

Ein Atheist in der Gottesrolle

Der Brite, der in New York lebt, leistet sich die Gottesrolle ohne Zögern, Ehrfurcht, Furcht - er glaubt nicht an Gott, er ist Atheist. Auch an Sentimentalität und Nostalgie glaubt Roger Waters nicht, hält die Forderungen und Sehnsüchte der Fans nach einer Weiterschreibung der Geschichte von Pink Floyd für nebensächlich bis impertinent. Er wird nie mehr mit der Band auftreten, was er in Gesprächen immer wieder glaubhaft versichert. Die Grabenkämpfe mit Gitarrist David Gilmour gehören für ihn der Vergangenheit an, sein Hochmut gegenüber dem inzwischen verstorbenen Keyboarder Richard Wright ebenso. Die große Psychedelic- und Artrockband Pink Floyd wurde nach seinem Weggang ein klingendes Museum, das noch mit zwei schönen, aber nicht mehr allzu essenziellen Platten rüberkam. Woran sollte man da heute anknüpfen?

Auch Waters selbst bewegte sich in Frozen-Bullet-Time. 25 Jahre ist sein letztes Solowerk her, im viel gerühmten „Amused to Death“ berichtete er damals von der Unterhaltungskrake, die jede Sekunde des menschlichen Tages flutete, bis zur geistigen Verelendung. Es war ein relevantes Album, kein unterhaltsames. Entsprechend wurde es damals kaum gekauft. Waters hatte zu seinem eigenen Schaden recht gehabt mit seinen Liedern über die Verführ- und Ablenkbarkeit der Massen.

Der Stand nach 25 Jahren Berieselung

„Is This The Life We Really Want?” heißt die neue Platte. „Wollen wir wirklich so leben?” stellt es die Frage zur Zeit und berichtet im Titelsong von der Angst vor allem Fremden, die in Fremdenhass übergeht, von der bedrohten Presse- und Meinungsfreiheit und was aus Menschen nach 25 Jahre Berieselung und Zerstreuung wurde. Ein Album, das von uns erzählt, den Leuten des guten Westens, die wir allem Humanismus zur Unehre oft nur das eigene Leben wert schätzen, die wir es ertragen können (aber nicht sollten), wenn anderswo wieder ein großes Sterben geschieht.

„Jedes Mal, wenn der Vorhang hinter einem vernichteten Leben fällt, stehen wir gleichgültig daneben“, singt Waters. Er macht deutlich, wie der westliche Tod den islamistischen Terror treffen will und die Kinder trifft. In „The Most Beautiful Girl“ besingt er mit zarter, brüchiger Stimme ein kleines Mädchen, das im Jemen bei einem amerikanischen Angriff starb. Ihr Foto will er auf den kommenden Konzerten zeigen. Ein Leben am Anfang – zu Ende. Begrabene Zukunft, trauernde Familie. Waffen schaffen Tod, Trauer und Rache, niemals Lebe, Glück und Frieden. Das Leben, nach dem Waters uns rhetorisch fragt, ist eines des immerwährenden Kriegs. Das Piano gründelt schwerblütig, die Streicher schweben schwer und friedhofsgrau.

„Broken Bones“ beginnt mit Wolfsgeheul und einem Mann, der sich zur Akustikgitarre den Nachthimmel ansieht und den großen Fragen nachhängt. Unendlichkeit. Ewigkeit. Dann zum Ende des Weltkriegs zurückschweift. „Wir hätten frei sein können“, seufzt er sonor. „Aber wir haben den amerikanischen Traum gewählt.“ Dann wird seine Stimme zum gequälten Schrei. Im Anti-Trump-Song „Picture That“ stellt der Sänger sarkastisch fest, dass es „so etwas wie ,zu gierig‘ gar nicht gibt“. „Damit zitiere ich direkt den Deppenpräsidenten”, schimpft ein grimmiger Waters, „Das ist eine seiner Wahrheiten. Er glaubt, dass Gier eine gute Sache ist.” Trump war angeblich mal auf einem seiner „Wall“-Konzerte, hat mit angesehen, wie die Mauer gebaut wird, ging aber, bevor sie zum Einsturz gebracht wurde.

Ein Mann mit Haltung und Wut

Die Collagenhaftigkeit, die das kommerziell eher enttäuschende „Amused to Death“ zu einer Art Hörspiel mit Musik machte, ist auf „Is this the Life“ stark zurückgedreht, die Songs sind allesamt von melancholischer Grundstimmung, manche groß und rocksinfonisch wie auf „The Dark Side of the Moon“ und „The Wall“, manche reduziert und folkig wie zu Pink Floyds „Atom Heart Mother“-Zeiten, Waters hat mal gesagt, dass er gern vieles aus dem Werk von Bob Dylan und John Lennon geschrieben hätte. Hat er getan. Vor allem aber hat er mit dem Radiohead-Produzenten Nigel Godrich eine Platte gemacht, die als Pink-Floyd-Album durchgehen könnte.

Während nun seine alte Band noch bis 1. Oktober im Londoner Victoria-&-Albert-Museum zeigt, wer sie war, zeigt Waters, wer er immer noch ist. Ein unbequemer Mann von 73 Jahren mit Haltung im Kreuz und Wut im Bauch, was man allein an den Kraftausdrücken ablesen kann, die seine politischen Songs befestigen. Wasser auf Waters‘ Mühle ist: Pop mit Bessere-Welt-Botschaft wird wieder gern gehört, wenn auch noch nicht vom Radio gespielt. „Is this the Life …“ könnte mehr Ohren finden als der Vorgänger. Seit der garstige, kindliche US-Präsident seinen Sandkasten Welt bespielt, regt sich nicht nur in den USA ein kultureller Widerstand, der in „Amused“-Zeiten noch amüsiert weggegrinst worden wäre. Viele wollen die Trump-Brexit-Putin-Erdogan-Kim-Jong-Un-Welt nicht, soviel ist klar.

Die Uhr tickt, dessen ist man gewahr. Und auch wenn Waters seine Wecker nicht klingeln lässt, wachen doch immer mehr Leute auf. Gott sei’s getrommelt und gepfiffen.

Von Matthias Halbig/RND

Kultur Neues Kraftklub-Album - Mehr als nur Knallen und Ballern

Ruhiger, vielseitiger und mit einer Verbeugung an musikalische Vorbilder melden sich Kraftklub zurück. Die neue Platte „Keine Nacht für Niemand“ soll nicht mehr nur „knallen und ballern“.

30.05.2017
Kultur Interview mit Kinderbuchautorin Cally Stronk - „Eltern schätzen, dass Leonie nicht eine Elfe mit Glitzer ist“

Mit den Abenteuern von Leonie Looping und den Schmetterlingselfen Mücke und Luna schrieb Cally Stronk eine der erfolgreichsten Kinderbuch-Reihen dieses Jahres. Im Interview verrät sie, wie sie die kleinen Leser für ihre Bücher begeistert.

30.05.2017
Kultur „Große Institution im Untergang“ - New Yorks Star-Museum in der Krise

Das Metropolitan Museum ist der Star der opulenten New Yorker Kunstszene. Seit fast 150 Jahren thront es am Central Park, beliebt bei Einheimischen und Touristen. Doch jetzt hat es Schulden, der Direktor muss gehen – das „Met“ steckt in der Krise.

29.05.2017