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„Suburbicon“ – Mord und Hass in der Vorstadt

Kino „Suburbicon“ – Mord und Hass in der Vorstadt

George Clooney hält Trump-Amerika den Spiegel vor: „Suburbicon“ (Kinostart am 9. November) ist eine abgedrehte und ziemlich blutige Mörderstory – wohl auch deshalb, weil die Coen-Brüder beim Drehbuch mitwirkten. Und Matt Damon trägt ein Brillenkassengestell.

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Tödliche Konkurrenz im Straßenverkehr: Gardner Lodge (Matt Damon) setzt zum Fahrradspurt an.

Quelle: Foto: Concorde

Hannover. Der Briefträger kriegt den Mund nicht zu: Da will er der schwarzen Haushälterin gut gelaunt die Post aushändigen, und dann eröffnet ihm die vermeintliche Dienstkraft, dass sie selbst die neue Nachbarin im idyllischen Vorstädtchen Suburbicon sei. Ja, was haben denn die „Negros“, wie es in der Originalfassung erbost heißt, in den Fünfzigerjahren zwischen Männern in weißen Kurzarmhemden, blondierten Hausfrauen, lackglänzenden Limousinen und akkurat rasierten Vorgärten zu suchen?

Die schwarzen Meyers sind unerwünscht

Nein, selbstverständlich habe in Suburbicon niemand etwas gegen Integration, und Rassisten gebe es schon gar nicht im freiheitsliebenden Amerika: Aber die Schwarzen sollten sich doch bitte zuerst anderswo darum bemühen, zur weißen Bevölkerung aufzuschließen – schon weil die Grundstückspreise durch ihren Zuzug fallen. Und schon ist in dieser Postkartensiedlung der Mob los und belagert trommelnd und feixend die ungeliebten Neuankömmlinge. Hass und Gewalt brechen sich Bahn rund um das Haus der schwarzen Familie Meyers mit Vater, Mutter und Sohn.

Das ist die eine Geschichte, die George Clooney in seiner nunmehr sechsten Regiearbeit erzählt, er beruft sich dabei (zusammen mit seinem Drehbuchpartner Grant Heslov) auf wahre Begebenheiten. Bei der Vorstellung seiner Satire „Suburbicon“ in Venedig gab Hollywoods liberaler Liebling zu Protokoll, dass ihm die Idee zu dem Film gekommen sei, als er Donald Trumps vernebelnde Rückbezüge auf die Nachkriegs-USA gehört habe. Diese Zeit sei aber nur für diejenigen großartig gewesen, die „weiß, männlich und heterosexuell“ gewesen seien. Bis heute habe sich das Land nicht wirklich mit seinen rassistischen Vorurteilen auseinandergesetzt. Die Weißen treibe immer noch die Angst um, ihre Privilegien zu verlieren.

Im Gestern spiegelt sich das Heute

In der bonbonbunt-bigotten Vergangenheit von Suburbicon spiegelt sich für Clooney also die düstere Gegenwart von Charlottesville. So überdeutlich ist dies erkennbar, dass vermutlich gar keine Erklärung notwendig gewesen wäre. Das Erstaunliche ist bloß, dass die Leiden der Meyers schnell in den Hintergrund rücken.

Und damit kommen Joel und Ethan Coen ins Spiel, in deren Regiearbeiten Clooney schon viermal vor der Kamera stand („Ein (un)möglicher Härtefall“, „O Brother, Where Art Thou?“, „Burn After Reading“ und „Hail, Caesar!”). Die schwarzhumorigen US-Filmemacher hatten ihrerseits ein schon ziemlich angejahrtes, aber unverfilmtes Drehbuch in der Schublade, das ebenfalls in einer Vorstadt spielte und von Verbrechen und anderen Kleinigkeiten handelte.

Also blenden wir ein Haus weiter zu den Lodges. Dort führt Buchhalter Gardner (Matt Damon) mit Gattin Rose (Julianne Moore), die seit einem von ihm verschuldeten Autounfall im Rollstuhl sitzt, und Sohn Nicky (Noah Jupe) ein vermeintlich langweiliges Familienleben. Roses Zwillingsschwester Margaret (ebenfalls Moore) pflegt eine auffallende Nähe zu ihrem Schwager – und wird wenig später beinahe wie selbstverständlich Nancys Stelle einnehmen.

Die Coens – Spezialisten für familiäre Abgründe

Denn bei einem Überfall wird Rose ermordet – und von nun an tun sich familiäre Abgründe auf, wie sie die Coens lieben. Aus der Perspektive von Sohn Nicky erleben wir die Mutation von Gardner, dem Biedermann mit dem Kassengestell, zum ungerührten Killer. Alsbald läuft dieser mit blutbeflecktem Hemd herum und verhält sich gegenüber seinem Sohn ausgesprochen sonderbar. Derweil zerkleinert Margaret im luftig-leichten Sommerkleid größere Mengen Schlaftabletten mit dem Nudelholz, um sie sodann auf den abendlichen Erdnussbuttertoast zu streuen. Hier ist niemand mehr seines Lebens sicher.

Besondere Erwähnung verdient ein erpresserischer Schlaumeier (Oscar Issac), der es aber mit der Perfidie der Lodges nicht aufnehmen kann. Kurz und gut: Eine abgedrehte Mörderstory erlebt immer neue Stufen der Eskalation. Die Boshaftigkeit ist vielleicht ein wenig kühler temperiert, als wir dies aus den verspielten Coen-Filmen gewohnt sind.

Zwei Handlungsstränge laufen parallel

Das Problem ist bloß: Beide Handlungsstränge wollen sich nicht recht zu einem Film verbinden. Sie laufen mehr oder weniger parallel. Vor den Ausschreitungen nebenan bei den Meyers zieht der Regisseur sinnbildlich die Gardinen zu. Und tatsächlich brauchen die Weißen hier ja auch niemand anderen, um sich gegenseitig abzuschlachten.

Am Ende mag Clooney die Zuschauer auch in der Ära Trump nicht ohne einen Hoffnungsschimmer entlassen: Nicky und der schwarze Nachbarssohn spielen gemeinsam Baseball – über den Holzzaun zwischen ihnen hinweg.

Von Stefan Stosch / RND

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