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Kultur The Band 1968 – Ein Elefant kam von rechts
Nachrichten Kultur The Band 1968 – Ein Elefant kam von rechts
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15:18 30.08.2018
In den Catskill Mountains anno 1968: Hier fand The Band (v. l. Levon Helm, Garth Hudson, Robbie Robertson. Rick Danko, Richard Manuel) Inspiration für ihr Debütalbum „Music From The Big Pink“. Quelle: Elliott Landy/http://elliottlandy.com
Woodstock

Die Band auf der Albumhülle ist anders drauf. Zwei Musiker machen da Räuberleiter, um ein Klavier von der falschen Seite her zu bespielen. Ein Sitarspieler trägt einen Topf auf dem Kopf, der Bassist hat eine Indianerfeder im Stirnband stecken. Der Schlagzeuger betrommelt derweil mit seinen Sticks die große pinke Basstrommel und der Gitarrist blickt stoisch nach vorne, ignoriert den ganzen Zirkus hinter ihm, auch den grinsenden Elefanten, der von rechts durchs Bild zieht.

Die Musiker waren dabei, als Dylan als „Judas“ beschimpft wurde

Was uns das gemalte Cover des Albums „Music from the Big Pink“ sagt? Zunächst, dass Bob Dylan nicht besonders gut malen kann. Und zählen wohl auch nicht. Denn The Band, wie die sitarfreie Gruppe mangels ihrer Bereitschaft zu einer „ordentlichen“ Namensfindung genannt wurde, waren nur zu fünft: die vier Kanadier Jaime Robbie Robertson, Rick Danko, Richard Manuel und Garth Hudson sowie Levon Holm, ein singender Drummer aus Arkansas.

Sie hatten als Begleittruppe den Kopf mit hingehalten, als Dylan sich bei seinen Konzerten 1965 dem Rock’n’Roll zuwandte und von den Folkpuristen „Judas!“ gerufen wurde. Und hatten mit ihm in dem „Big Pink“ genannten, lachsfarbenen Anwesen in den Catskill Mountains, zwei Stunden von New York entfernt, die Songs des geheimen Dylan-Albums eingespielt, das lange nur als Bootleg kursierte und 1975 als „Basement Tapes“ herauskam. Vor der Begegnung mit Dylan hatten sie als The Hawks Rockabilly gespielt.

Der Auftaktsong „Tears of Rage“ wurde politisch gedeutet

Jetzt machten sie dort ihr eigenes Ding, mit mehrstimmigen Liedern von ungeschliffener Schönheit, die zeitlos geblieben sind bis heute: dem erdigen „To Kingdom Come“, dem souligen „In A Station“, dem bluesigen „Caledonia Mission“ oder „Chest Fever“, dessen auf Bachs „Toccata“ basierendes Orgelspiel von Garth Hudson wie eine Vorahnung des Hardrock klingt. Und natürlich ist da noch Robertsons folkiges „The Weight“, der Königssong des Albums, den Paul McCartney zwei Monate später in der BBC-Livepräsentation von „Hey Jude“ zitierte: „Take a load of Fanny ...“

„Tears of Rage“, der Auftaktsong, geschrieben von Dylan und Manuel klingt wie ein Begräbnismarsch aus New Orleans. Und so wurde der Text über eine Eltern-Kind-Entfremdung auch politisch gedeutet. Die Tochter in Bob Dylans Zeilen sind die USA der Post-Kennedy-Ära, in dem gerade erst Martin Luther King und JFKs Buder Robert umgebracht worden waren, wo 1968 die Städte brennen, die Studenten sich erheben, wo Bürgerrechte für die Schwarzen hermüssen, und die Boys raus sollen aus Vietnam.

Das Album ist Vorreiter einer Erinnerung an alte Musiktraditionen

„Komm zu mir / wir sind so allein / das Leben ist kurz“, sang Pianist Richard Manuel mit berührender Falsettstimme. Die Tränen des Zorns müssen versiegen – ein Versöhnungsangebot. Dass es hier nicht um persönliche familiäre Dinge ging, machte The Band mit dem Innencover klar. Da ließen sie sich mit ihren Eltern abbilden. Reife Musiker tief in ihren Zwanzigern, die auf einem anderen Trip waren als Rebellen wie Jim Morrison, der mit der Familie radikal gebrochen hatte. Sie beschlossen ihr Debütalbum mit Dylans „I Shall be Released“ im Guten – ein Gospel des Sehnens nach Erlösung und Neuanfang. Wieder singt der 1986 früh verstorbene Manuel mit berührendem, sacht schmirgelndem Engelsfalsett.

Das Album, das am 1. Juli 1968 auf den Markt kam und das am Freitag neu gemixt von Bob Clearmountain und um sechs Bonustracks erweitert in einer Jubiläumsedition erscheint (darunter einer A-Cappella-Version von „I Shall be Released“), ist der Elefant im Werk einer Band, die anders drauf war als die anderen. „Big Pinks“ Musik lag in der Luft – The Band gelten heute als Vorreiter einer generellen Rückwendung zu traditionellen Sounds, die 1968 einsetzte, einer Gegenbewegung zu der Verspielt- und Vertracktheit des Psychedelicrock.

Die Byrds, Beatles, Stones und Dylan selbst folgten dem Pfad

Man könnte „Big Pinks“ Sound Countrybluesfolk’n‘Soul nennen, es dem zuschlagen, was heute unter Americana firmiert. Nicht einmal vier Wochen später definierten die Byrds mit „Sweetheart of The Rodeo“ den Countryrock, bei den Beatles fanden sich im November auf dem Weißen Album auch wieder Folk, Blues und Rock’n’Roll, die Rolling Stones schlugen Anfang Dezember mit „Beggars‘ Banquet“ den Weg zurück zum Blues ein, die zunächst psychedelisch-bluesigen Creedence Clearwater Revival zündeten im Januar darauf ihre Swamprock-Bombe und Dylan ging im April 1969 mit dem Country von „Nashville Skyline“ unter die Cowboys.

Vielleicht ist der sechste Mann, der dem Pianisten auf dem Cover von „Music from the Big Pink“ als Steigbügelhalter dient, ja Dylan selbst. Und der Elefant ein Kompliment an die Größe dieses Albums, die Dylan sofort erkannt hatte, und das heute zu den größten Musikschätzen des Jahres 1968 gehört, dem Jahr, in dem aus Rock’n’Roll endgültig Rock wurde.

The Band: „Music from the Big Pink“, (Capitol) (erscheint am Freitag, 31. August)

Von Matthias Halbig / RND

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