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Kultur Thilo Sarrazin: Das steht in seinem neuen Buch über den Koran
Nachrichten Kultur Thilo Sarrazin: Das steht in seinem neuen Buch über den Koran
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15:06 30.08.2018
Der ehemalige Berliner Finanzsentor Thilo Sarrazin. Quelle: Michael Kappeler/dpa
Berlin

Das neue Buch von Thilo Sarrazin beginnt wie eine „Tatort“-Folge, in der zuallererst der Mörder zu sehen ist. Seine im Vorwort beschriebene Ich-will-doch-nur-verstehen-Haltung weicht bereits im Anfangskapitel dem ultimativen Urteil. Sarrazin vermag, „die zentrale Botschaft des ganzen Korans“ in drei Spiegelstrichen aufzulösen. Demnach predige die Heilige Schrift des Islams – erstens – die Allmacht und Allwissenheit des einzigen Gottes – zweitens – die ewige Verdammnis all jener, die nicht an ihn glauben und die Barmherzigkeit gegenüber den Gläubigen – sowie drittens – ihre Erhebung über die Ungläubigen. Die Spannung ist verpufft, Sarrazins Urteil fällt wie erwartet aus, es folgen 400 Seiten Welterklärung plus Fußnoten und Tabellen.

Sarrazin: Kritik von Grünen und SPD

Für sein neues Buch „Feindliche Übernahme“ hat der Bestseller-Autor den Koran komplett und angeblich vorurteilsfrei gelesen. Nun nutzt er ihn als Quelle und Erklärung allen Übels, schließlich sei der Islam eine von Hass und Expansionsdrang bestimmte Religion. Die aus dem Koran resultierende Weltsicht wirke fortschrittsfeindlich. „Sie behindert die Emanzipation der Frau, sie stützt Unbildung, frühe Heirat und Kinderreichtum. Sie fördert Rückständigkeit, behindert Meinungsfreiheit und Demokratie.“

Grüne: Sarrazins Buch ist „Brandbeschleuniger für Hass und Gewalt“

Die Berliner Grünen werfen dem Autor vor, Gewalt und Hass zu schüren. „Wer pauschal gegen einzelne Religionen hetzt, legt damit den Grundstein für rechtsextreme Gewalt und ist damit Teil des Problems“, erklärte der Landesvorsitzende Werner Graf. „Für Thilo Sarrazin ist der Islam an allem schuld. Das ist nicht nur diskriminierend, sondern völlig ignorant.“ Sarrazin liefere „einen Brandbeschleuniger für Hass und Gewalt“.

Kürzlich hatten einige SPD-Politiker angekündigt, nach Erscheinen des neuen Buchs erneut Sarrazins Parteimitgliedschaft prüfen zu wollen. Zwei frühere Versuche waren gescheitert.

Sarrazins vermeintlicher Versuch, die Weltreligion zu verstehen, mündet im Koran-Verriss. Der Islam sei „keine sehr komplizierte Religion“. Der ehemalige Berliner Finanzsenator macht einen auf Literaturkritiker und beschreibt den sprachlichen Stil der Heiligen Schrift, als habe er es mit einem gruseligen Groschenroman zu tun. „Nirgendwo ist der Text des Korans fantasievoller und variantenreicher als bei der Beschreibung der Qualen der Hölle für die Ungläubigen“ – so liest sich Sarrazins vergiftetes Lob.

Das SPD-Mitglied übergeht Botschaften der Toleranz, die der Koran sehr wohl auch enthält, und erzählt die Geschichte der islamischen Welt bis in die Gegenwart. Sarrazin bewertet alle muslimisch dominierten Gesellschaften – von Marokko bis Malaysia – als rückständig. „Stark sind die islamischen Länder nur beim Bevölkerungswachstum. Schwach sind sie bei der Bildung ihrer Menschen, und schwach sind sie in Wissenschaft und Technik.“

Ein-Kind-Politik als Paradebeispiel für Fleiß und Vernunft

In den letzten beiden Kapiteln knöpft sich der Ex-Politiker die angeblich nicht integrierbaren Muslime in Deutschland und Europa vor. In der ihm eigenen Art, korrekte Statistiken erdachten Ursachen zuzuordnen, begründet er Defizite, etwa in der Schulbildung, mit der islamischen Prägung. Mit besonderer Akribie widmet er sich einem altbekannten Feindbild: den kinderreichen Familien. Der Blick auf die Geburtenrate dient als Kompass, wo sie niedrig ist, findet Sarrazin Orientierung. Das von jahrzehntelanger Ein-Kind-Politik geprägte China gilt ihm als Paradebeispiel für Fleiß und Vernunft. Von muslimischen Müttern spricht Sarrazin dagegen, als gehe es nicht um Menschen, sondern um die Haltung von Nutzvieh: „Das hierarchische Verhältnis der Geschlechter und die niedrige Stellung der in Unbildung gehaltenen Frauen sorgen für die überdurchschnittliche Fruchtbarkeit der islamischen Welt und ihre demografische Expansion.“

Fußnotenverliebter Volkswirt

Der Beschreibung des fußnotenverliebten Volkswirts gipfelt in der Forderung, muslimische Zuwanderung pauschal zu stoppen, egal von wo, egal von wem. Dabei existieren etliche Varianten des Islams. Die vielen Muslime, die sich nur an bestimmte oder gar keine Glaubensregeln halten, etwa zu Ehe, Kleidung und Ernährung, kommen nicht vor. Sarrazin verkennt, dass Muslime weltweit nicht nur die Täterrolle innehaben. Er argumentiert mit dem hohen sogenannten Kriegsindex von islamischen Ländern wie Mali und Afghanistan, lässt aber außen vor, dass westliche Staaten einige der Konflikte befeuert haben.

Die Folgen des Kolonialismus spielen in seiner Argumentation keine Rolle, ebenso fehlt der Vergleich zum Elend in nicht-muslimischen Ländern, etwa in Südamerika. Und was ist eigentlich mit den von Buddhisten verfolgten Rohingya in Myanmar? Sarrazin erklärt, dort fühle sich „die buddhistische Mehrheitsbevölkerung durch die überdurchschnittlich geburtenreichen muslimischen Minderheiten in ihrer kulturellen Identität bedroht“. Der Sozialdemokrat verharmlost Verbrechen, die UN-Experten noch vor wenigen Tagen als Völkermord eingestuft haben. Und überhaupt – taugt das Gefühl der Bedrohung wirklich, um Hass und Hetze zu rechtfertigen? Eine Frage, die nicht erst nach den Vorfällen in Chemnitz klar zu verneinen ist. Sonst herrscht bald „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – und das steht im Alten Testament, nicht im Koran.

Es gibt jedoch auch versöhnlichere Stimmen, lesen Sie hier einen Artikel über einen Anti-Sarrazin.

Zur Person

Thilo Sarrazin, 73, war jahrelang als Politiker aktiv und ist trotz mehrerer Versuche, ihn aus der Partei auszuschließen, noch immer SPD-Mitglied. Er war zwischen 2002 und 2009 Finanzsenator von Berlin und danach kurzzeitig Vorstandmitglied bei der Deutschen Bundesbank. Es folgte eine Karriere als Autor, das 2010 erschienene Buch „Deutschland schafft sich ab“ wurde zum Millionen-Bestseller. Ebenfalls erfolgreich war er in der Folge mit Büchern wie „Europa braucht den Euro nicht“ und „Der neue Tugendterror“.

In seinem neuen Buch „Feindliche Übernahme. Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht“ befasst er sich erstmals ausschließlich mit dem Islam. Aus der Lektüre des Korans und der Beschäftigung mit der islamischen Welt sowie den Muslimen in den Gesellschaften Abendlandes leitet Sarrazin drastische Maßnahmen im Umgang ab. Er bezweifelt, dass es überhaupt eine signifikante Zahl von Flüchtlingen gibt, die vor Krieg und Vertreibung ihre Heimatländer verlassen haben. Deutschland sollte, nach Ansicht von Sarrazin, gar keine muslimischen Zuwanderer mehr aufnehmen. Generell schlägt der Autor ein maximal 30-tägiges Schnellverfahren vor, um den Anspruch auf Asyl zu prüfen. Die Menschen sollen geschlossene Transitzonen nicht verlassen dürfen. Notfalls mit militärischen Mitteln sollen sie in Transitländer außerhalb der EU bzw. zurück in die Herkunftsländer gebracht werden.

Von Maurice Wojach

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