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08:01 03.06.2018
Vielstimmigkeit ist das Credo: Das Kuratorenteam der zehnten Berlin Biennale. Quelle: F. Anthea Schaap
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Berlin

Die Wetter-App hatte für Berlin an diesem Morgen Gewitter vorhergesagt. Stattdessen scheint warm die Sonne durch die Bäume im Innenhof der Kunst-Werke Berlin, wo am 8. Juni die zehnte Berlin Biennale eröffnet wird. Aus den geöffneten Türen des Hauses dringt das Hämmern des Aufbauteams, aus dem gläsernen Anbau des Café Bravo gelegentlich ein Zischen der Espressomaschine.

Hier herrscht die analoge Welt mit allerhand sinnlichen Reizen. Keine Smartphone-Anrufe stören das Gespräch mit den Kuratoren Nomaduma Rosa Masilela, Thiago de Paula Souza und Moses Serubiri. Vielstimmigkeit ist ihr Credo.

Erstmals seit der Premiere der Hauptstadtbiennale 1998 kommen die Ausstellungsmacher nicht aus der westlichen Welt oder Osteuropa. Das Team um Leiterin Gabi Ngcobo aus Johannesburg hat afrikanische Wurzeln. Eine symbolische Entscheidung in der noch immer westlich geprägten zeitgenössischen Kunstszene?

Das kuratorische Team der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, v. l. n. r.: Thiago de Paula Souza, Gabi Ngcobo, Nomaduma Rosa Masilela, Yvette Mutumba und Serubiri Moses Quelle: F. Anthea Schaap

“Uns ist schon bewusst“, sagt de Paula Souza, “dass man solche Schlussfolgerungen ziehen kann.“ Doch zugleich sei es spannend, formuliert Serubiri, über Stereotype hinauszugehen: “Was sehen wir voneinander jenseits der Kategorien – schwarz zu sein, Frau, Kind, Ausländer, schwul?“ Die kuratorischen Fragen sind existenziell und zutiefst human.

“We Don’t Need Another Hero“ lautet der Titel dieser Biennale – nach Tina Turners Song zum Actionfilm “Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel“ von 1985. Um die Ängste angesichts einer ausgebeuteten, dystopischen Welt geht es hier. Um die Absage an Heldenfiguren und um ein kollektives “Wir“ für eine bessere Zukunft. “Der Titel öffnet das Gespräch mit den Ausstellungsbesuchern“, so Masilela.

Mit dem Zitat eines Superhits werde auch ein Publikum angesprochen jenseits des inneren Kunstzirkels. Doch im Gegensatz zur Vorgänger-Biennale, die in den glänzenden Oberflächen der digitalen Konsumgesellschaft begeistert aufzugehen schien, ist diesmal mit einer radikal kritischen Schau zu rechnen. Tina Turners Pop-Appell ließe sich auch so übersetzen: Dekonstruktion von Machtstrukturen und Postkolonialismus, Strategien der Selbsterhaltung in einer zunehmend psychotischen Welt.

Global und zeitgenössisch

Noch ist nichts von der Kunst zu sehen. Doch die Liste der eingeladenen Künstler gibt sich global zeitgenössisch: Vom Kolumbianer Oscar Murillo, dessen schwarze Leinwände vor dem zentralen Pavillon der Venedig-Biennale 2015 Furore machten, bis zur kubanisch-amerikanischen Ana Mendieta, einer Ikone der Körperkunst und Performance.

Von der Malerin Tessa Mars aus Haiti, die in Deutschland noch nie zu sehen war, bis zum Medienkollektiv Kelektla! Library, das mit Konzerten die südafrikanische Musik Kwaito nach Berlin bringt. “Die Künstlerauswahl“, sagt Serubiri, “ist immer auch kritische Selbstbefragung: Warum zieht gerade diese Position mich an?“ Und Momente der Reibung im Team, die den Entscheidungsprozess begleiten, seien unbequem, aber produktiv, ergänzt de Paula Souza.

Mit den Ausstellungsorten – Akademie der Künste, Zentrum für Kunst und Urbanistik, HAU Hebbel am Ufer, Volksbühne Pavillon und Kunst-Werke Berlin – rücken die Strukturen des Kunstbetriebs ins Visier. Und Berlin als Metropole im Wandel.

Noch im Dornröschenschlaf: Der kleine rote Volksbühnen-Pavillon ist einer der Ausstellungsorte. Quelle: Archiv

Wer etwa den Weg von den Kunst-Werken in der Auguststraße zum Rosa-Luxemburg-Platz nimmt, wo die Volksbühne nach dem skandalträchtigen Abgang des Intendanten Chris Dercon wie betäubt in der Sonne liegt und der kleine Pavillon nebenan darauf wartet, von Las Nietas de Nonó aus Puerto Rico zur Biennale mit Tanz und Performance wachgeküsst zu werden, der kann der Gentrifizierung bei der Arbeit zusehen.

Restaurants und Galerien, Designläden und Kosmetiksalons für “noninvasives Lifting“ reihen sich wie Perlen auf einer Schnur. Auch das wird die Biennale erlauben: Verinnerlichung von Stadtentwicklung im Akt des Flanierens. “Eine Großausstellung von diesem Format“, konstatiert Masilela, “ist eine massive Herausforderung. Wir versuchen eine Schau zu kreieren, die trotz multipler Ausstellungsorte eine intime Begegnung mit der Kunst möglich macht.“

Schon beim Blick auf den bekritzelten Zettel mit den Lyrics des Tina-Turner-Songs, den die Kuratoren bei Bekanntgabe des Biennale-Titels veröffentlichten, stellt sich der Eindruck intimer Hingabe ein. Spontane Stichworte sind da zu lesen, enthusiastische Satzfragmente: “We give it ALL!“ und ein entschiedenes “Yes!“ neben “love and compassion“. Und hier mag der Schlüssel zur Rezeption dieser Biennale liegen. “All unsere kritischen Fragen“, so Masilela, “die Konflikte, Brüche und Dekonstruktionen sind letztlich tief verbunden mit der Hoffnung auf Liebe und der Hinwendung zueinander. Wenn sich das vermittelt, dann wär’ das ein Erfolg.“

Der Songtext zu “We don’t need another Hero“ mit Notizen des Kuratorenteams. Quelle: Berlin Biennale

Info: Die Berlin Biennale ist eine Ausstellung internationaler zeitgenössischer Kunst, die von der Kulturstiftung des Bundes seit 2004 als kulturelle Spitzeneinrichtung gefördert wird. Die zehnte Ausgabe findet bis zum 9. September 2018 statt.

Ausstellungsorte des Festivals für zeitgenössische Kunst sind die Akademie der Künste Berlin, der rote Pavillon der Volksbühne, das Hebbel am Ufer sowie das Zentrum für Kunst und Urbanistik.

Geöffnet ist mittwochs bis montags von 11 bis 19 Uhr sowie donnerstags von 11 bis 21 Uhr. Der Eintritt beträgt 16 Euro (ermäßigt 10 Euro).

Von Kristina Tieke

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