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Kultur Tocotronic im Interview: „Ich habe Punk-Bands aus der DDR gehört“
Nachrichten Kultur Tocotronic im Interview: „Ich habe Punk-Bands aus der DDR gehört“
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16:00 25.01.2018
Seit 25 Jahren Tocotronic: Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank (von links). Rick McPhail (ganz links) stieß auch schon vor bald 20 Jahren dazu. Quelle: Michael Petersohn
Leipzig

Interview mit Arne Zank und Rick McPhail:

Auf dem neuen Album erzählt Ihr Sänger Dirk von Lowtzows seine Autobiografie. Inwiefern sprechen die Liedtexte Ihnen selbst aus der Seele?

Rick McPhail: Wir hatten alle sehr ähnliche Jugendzeiten.

Auch Sie in den USA?

McPhail: Klar, ich war auch so ein Indie-Pop-Dude und bin wie Dirk in einer Kleinstadt aufgewachsen. Der Bundesstaat Maine ist wahrscheinlich gar nicht so anders als der Schwarzwald.

Arne Zank: Dirk hat sehr viele Stücke geschrieben – mehr als jetzt auf der Platte sind. Und wir haben vorher zusammen geguckt, welche Lieder wir auch unterschreiben können. Auf welche wir ebenfalls Lust haben.

Wären Sie als Kinder ebenso gern „tapferer und grausamer“ gewesen, wie Ihr Sänger singt? Wären Sie es gern heute?

Zank: Das ist nicht so sehr als Wunsch gemeint. Eher als Selbsterkenntnis, dass einem der Weg des Soldaten, des Kämpfers von Kindesbeinen an versperrt war.

McPhail: Nee.

Zank: Du hast es noch weiter probiert?

McPhail: Na klar. Aber leider vergeblich.

In den 70er und 80er Jahren aufzuwachsen, mag in Westdeutschland und Maine ähnlich gewesen sein. Aber glauben Sie, dass sich auch ostdeutsche Fans in den Texten wiederfinden?

Zank: Ich kann das natürlich schwer beurteilen, aber wir hoffen es! Und ich würde es eigentlich auch vermuten. Sich nicht der Gesellschaft zugehörig zu fühlen, sich von ihr abzugrenzen – das muss doch früher in Ostdeutschland, in der DDR, noch viel extremer gewesen sein. Ich habe damals ja sogar Punk-Bands aus der DDR gehört. L’Attentat und Schleim-Keim zum Beispiel, und ihre Musik hat mich total berührt: die Wut, die Haltung. Für mich hat es damals also andersherum funktioniert. Das Bedürfnis nach Abgrenzung hat ja auch viel mit dem Alter zu tun – mit der Pubertät. Unabhängig vom politischen System sind Dirks Texte vermutlich für viele Menschen nachvollziehbar, die mal Teenager waren.

„Dass so klar ist, wo man steht, das ist schon sehr schön“

Im Stück „Hey du“ geht es ausdrücklich ums Anecken. „Ist mein Stil zu ungewohnt, dass du mir mit Schlägen drohst?“ Ebenso lässt sich der Text aber als Kommentar auf die Gegenwart verstehen. Ist das Absicht oder unvermeidbarer Zufall?

Zank: Absicht. Wir wollen ja nicht in Nostalgie schwelgen, sondern von Situationen und Befindlichkeiten erzählen, die auch heute noch existieren. Wer anders zu sein scheint, wird nach wie vor angeglotzt. Außer an Homophobie denkt man gegenwärtig natürlich sofort an rassistische Anfeindungen.

McPhail: Das Stück macht auch klar, dass früher weder alles besser war, noch haben wir seither einen Wahnsinnsfortschritt erlebt. Vielmehr hat sich in den vergangenen 30 Jahren wenig verändert. Mag sein, dass die Gesellschaft mal ein paar Schritte nach vorne gemacht hat. Aber dann auch wieder zurück.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass sich Tocotronic als Band politisch eindeutig positioniert?

Zank: Es ist uns tatsächlich seit Jahren ein Bedürfnis, die Haltung der Leute zu präsentieren, zu denen wir als Jugendliche aufschauten. Wir sind in linksradikalen Zusammenhängen sozialisiert worden, dieser Hintergrund verbindet uns. Wie explizit sich eine politische Botschaft in der Musik ausdrückt, ist eine andere Frage – und manchmal eine eher schwierige Aufgabe. Aber dass so klar ist, wo man steht, das ist schon sehr schön.

Die Musik des Albums erinnert oft an die jeweilige Zeit, über die Dirk von Lowtzow gerade singt. Wie war es, absichtlich wie eine Lieblingsband oder wie man selbst vor einem Vierteljahrhundert zu klingen?

McPhail: Das war nie unser erklärtes Ziel. Wir sind ja keine Coverband von The Cure oder was weiß ich. Das Album ist kein Malen nach Zahlen. Wir haben uns vielleicht unterbewusst inspirieren lassen: Wie war das da in Dirks Leben? Und dann versucht man als Band, ein bisschen so zu klingen, dass es passt.

Zank: Wenn es gepasst hat, haben wir uns gefreut. Aber es ging mehr um die Atmosphäre als darum, Sounds nachzubauen.

„Aber wir halten durch!“

Klassischerweise werden Biografien eher am Ende einer Laufbahn verfasst. Ist „Die Unendlichkeit“ trotzdem ein Zwischenfazit oder doch schon das Resümee?

McPhail: Es ist eher so, dass sich Dirk als Texter gern irgendwelche Herausforderungen sucht. Auf der vorigen Platte hat er sehr viel über jenes Thema geschrieben, das vom Klischee her in der Popmusik zentral ist: die Liebe. Er wollte aber seine eigene Version davon machen. Nun sind es autobiografische Lieder, die er vielleicht früher selber als stinköde kritisiert hat. Doch gerade das reizte ihn.

Zank: Sich mit der Vergangenheit zu befassen, kann auch in die Zukunft gerichtet sein: Man guckt darauf, wie das alles so war, geht damit um – und befreit sich gewissermaßen davon. Und das bringt einen nach vorne. Abgesehen davon haben wir als Band eh nie so sehr in die Zukunft geplant. Wir machen einfach weiter, weil es großen Spaß bringt.

In Ihrem Fall macht Tocotronic jetzt mehr als die Hälfte des Lebens aus ...

Zank: Seit kurzem ist das so, stimmt. Na ja. Erschreckend, aber auch irgendwie schön. Hach, es wird nicht einfacher.

McPhail: Ich habe kürzlich gelesen, dass Rockmusiker im Durchschnitt nur 57 Jahre alt werden.

Zank: Aber wir halten durch!

Wie schafft man es, über eine so lange Zeit kein Bandmitglied zu vergraulen?

Zank: Wir haben uns gefunden, es war Liebe auf den ersten Blick, und seither schweben wir auf rosa Wolken. Nee, es gab ganz viele Krisen. Aber sie hielten uns wiederum auch zusammen: zu wissen, dass wir sie bewältigen können.

„Ich höre kein Radio und weiß gar nicht, was Mainstream-Musik ist“

Eine Art von Prolog zur jetzigen Autobiografie war kürzlich die Kompilation „Coming Home“ mit Ihren Lieblingsliedern anderer Künstler – mit 100 Prozent Bescheidwissermusik. Hat der Mainstream-Pop Sie kein bisschen geprägt?

Zank: Es sind die größten Hits, auf die wir gekommen sind. Mehr ist uns nicht eingefallen.

McPhail: Ich höre kein Radio und weiß gar nicht, was Mainstream-Musik ist. Bands entdecke ich in den Kneipen oder lese über sie. Mein 15-jähriger Sohn schleppt manchmal Mainstream-Hits nach Hause. Die sind jedenfalls nichts für mich. Ich habe mit 15 andere Musik gehört.

Sie touren unter anderem durch Hamburg, Berlin, Bremen und Leipzig. Wie viele andere Bands haben Sie es mal als Herzenangelegenheit bezeichnet, im Conne Island in Leipzig aufzutreten. Warum steht in dieser Stadt diesmal das Werk 2 im Tourplan?

Zank: Das hat keinen tieferen Hintergrund, nur einen organisatorischen. Ins Werk 2 passen mehr Leute. Im Conne Island hätten wir ein paar Mal spielen müssen, so viel Zeit haben wir nicht. Wir mögen das Conne Island aber nach wie vor und werden dort sicher auch irgendwann wieder auftreten.

Sie können ja im Anschluss ans Konzert noch hingehen, es ist nicht weit vom Werk 2. Falls Sie nicht wie sonst dem Tanzcafé Ilses Erika einen Besuch abstatten.

McPhail: Ilses Erika? Dahin habe ich Arne vor langer Zeit sogar schon mal mit seinem Solo-Projekt begleitet. Und vor drei Jahren war ich mit meiner Band Mint Mind dort. Ein sehr schöner Laden.

Zank: Ja, ja. Das waren schöne Zeiten.

Von Mathias Wöbking

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