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12:52 31.12.2014
Von Stefan Stosch
Mal wieder im Krieg: Brad Pitt im Weltkriegsdrama „Herz aus Stahl". Quelle: dpa

In Kriegszeiten kann sogar der Verzehr von Spiegeleiern barbarisch enden. Dabei wollte Panzerkommandant Don „Wardaddy“ Collier (Brad Pitt) bloß eine kleine Auszeit vom großen Sterben nehmen. Bei zwei deutschen Fräuleins hat er sich zusammen mit Greenhorn Norman Ellison (Logan Lerman) einquartiert, die anfänglichen Vergewaltigungsängste der unfreiwilligen Gastgeberinnen sind verflogen, der Tisch ist gedeckt, sogar romantische Stimmung aufgekommen. Da fallen überraschend die Kameraden (Shia LaBeouf, Michael Peña, Jon Bernthal) in die gute Wohnstube ein – grölend, zotenreißend, mit ekeligen Essmanieren und blutigen Geschichten voller toter Menschen und Tiere.

Nicht einmal Colliers stille Autorität – Typ: strenger Vater am Tischende – reicht aus, um den Nachmittag zu retten. Die Eiermahlzeit gerät beinahe zu einer Art Freakshow. Und dann rauschen auch schon Tiefflieger heran, das Metzeln macht auch vor deutschen Fräuleins nicht halt. Und sowieso drängt der Befehl, noch tiefer hinein ins Feindesland vorzustoßen, um den letzten fanatischen Widerstand der Nazis zu brechen.

Wir befinden uns im April 1945. Also macht Collier weiter mit dem, was er schon seit Jahren tut, auch wenn er längst ausgebrannt und psychisch angeschlagen ist: Er tötet verhasste Nazis.

Krieg ist nun mal ein dreckiges Geschäft. Auch diejenigen, die auf der richtigen Seite stehen, werden zu eiskalten Mördern – und in der Folge oft genug zu Psychopathen. Das US-Kino hat diesen Prozess der Entzivilisierung oft genug durchgespielt, verlegte ihn allerdings vorzugsweise in den Vietnamkrieg, siehe Klassiker wie Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ (1978), Francis Ford CoppolasApocalypse Now“ (1979) oder Oliver Stones „Platoon“ (1986). Neuerdings dienen auch der Irak (Kathryn Bigelows „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“) oder Afghanistan (Robert Redfords „Von Löwen und Lämmern“) als Schauplätze.

Regisseur und Drehbuchautor David Ayer tritt in „Herz aus Stahl“ also in große Fußstapfen. Er nimmt sich nun ausgerechnet den Zweiten Weltkrieg vor und lässt ausgerechnet Hollywoods Oberhelden Brad Pitt schon in den ersten Filmminuten einen deutschen Soldaten durch zwei, drei Messerstiche ins Gesicht erledigen.

Brad Pitts Figur erinnert durchaus an den auch von ihm verkörperten, skalpierenden Lieutenant Aldo Raine aus „Inglourious Basterds“, aber da lugte der grinsende Regisseur Quentin Tarantino hinter der Kamera hervor, der auch aus Weltkriegen Grotesken macht. Hier dagegen geht Ayer bierernst zur Sache und lässt jeden SS-Mann niedermähen, der Kinder an der Front verheizt oder Deserteure an Bäumen aufknüpft. So viel Rache muss sein.

Vor allem aber sehen wir in „Herz aus Stahl“ Bilder des Infernos: ausgebrannte Fahrzeuge überall, zerschossene menschliche Körper in Schlamm und Dreck, über die Panzerketten rollen. Der Regisseur gibt sich offenbar Mühe, die Brutalität von Steven Spielbergs D-Day-Film „Der Soldat James Ryan“ wenigstens halbwegs zu erreichen. Sein Schlachtenhimmel ist von Rauch und Qualm gesättigt, kaum dringt das Sonnenlicht durch das Grau hindurch. So viel anders kann es in der Hölle auch nicht aussehen.

Prinzipiell ist David Ayer genau der Richtige, um zweifelhafte Helden aufzubieten. Als Drehbuchautor von „Training Day“ (2001) schickte er Denzel Washington als korrupten Cop auf Patrouille, und in „End of Watch“ (2012) verstrickte er zwei überforderte Polizisten in Los Angeles in unsaubere Bandenkriege. Warum also sollte er nicht auch am Bild des Weltkriegshelden kratzen?

Aber irgendwann muss in dem Regisseur doch der vaterländische Stolz obsiegt haben: Bald schon stehen Panzerkommandant Collier und seine Truppe allein auf weiter Flur mit ihrem defekten Sherman-Panzer, den sie auf den Namen Fury getauft haben – und eine komplette SS-Einheit befindet sich singend im Anmarsch. Und was sagt da der amerikanische Soldat mit Blick auf sein Kriegsgerät? „Das ist mein Zuhause.“ Und dann steigt er mitsamt seiner eben noch zur Flucht entschlossenen Besatzung in den lädierten Panzer, um sich dem übermächtigen Feind in einem letzten Gefecht zu stellen.

Viel schlichtere Durchhalteparolen hätte man von deutschen Landsern auch nicht erwartet. Von nun an gerät „Herz aus Stahl“ zum erschreckend schlichten Heldendrama mit vielen inszenatorischen Schwächen: Wieso spürt man die Enge im Panzer nicht? Wieso machen die SS-Schergen draußen immer gerade dann Pause, wenn drinnen gerade ein erhabener Moment ansteht? Und wieso kreisen die Angreifer so unorganisiert um den Panzer wie weiland die Indianer im Western um die Siedler-Wagenburg und lassen sich dabei wie Tontauben abschießen? So blöde kann die SS doch gar nicht gewesen sein, wie sie hier gezeigt wird.

In der zweiten Hälfte hat den Regisseur ganz offenkundig der Mut verlassen, ein Weltkriegsepos mal so richtig gegen den Strich zu bürsten. Oder anders gesagt: Ayer beugt sich den Konventionen des Genres. Überraschend ist immerhin eines an diesem vor allem brutalen Kriegsfilm: Wenn nicht gerade geschossen wird, spricht Brad Pitt ein ganz ordentliches Deutsch.

Herz aus Stahl, Regie: David Ayer,
134 Minuten, FSK 16
Cinemaxx, Cinestar, Cinemotion, Astor

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