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Kultur Versöhnung und Einsamkeit: Zum Tod des großen israelischen Schriftstellers Amos Oz
Nachrichten Kultur Versöhnung und Einsamkeit: Zum Tod des großen israelischen Schriftstellers Amos Oz
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17:38 28.12.2018
Die Brille mit Schnüren war sein Markenzeichen: Der israelische Schriftsteller Amos Oz. Quelle: dpa
Jerusalem

Oz“, das ist hebräisch für „Kraft“ und „Stärke“. Und diese beiden Wörter charakterisieren auch das Werk des gleichnamigen Schriftstellers, der jetzt im Alter von 79 Jahren gestorben ist. Den Namen hat sich dieser große israelische Geschichtenerzähler selbst gegeben, als er mit 15 Jahren seine Familie verließ und in einen Kibbuz zog. Der als Amos Klausner in Jerusalem Geborene wollte gegen seinen intellektuellen Vater rebellieren, indem er in der Kollektivsiedlung Traktor fuhr und auf dem Feld arbeitete. Doch die Literatur hat ihn nicht losgelassen. „Und jetzt sitze ich in einem Raum voller Bücher und verfasse weitere. Mein Vater wäre stolz auf mich“, sagte Oz während der Leipziger Buchmesse 2013 ironisch in der Autorenarena der „Leipziger Volkszeitung“.

Zitate aus dem Essayband „Liebe Fanatiker“ (Mai 2018, Suhrkamp)

„Je schwieriger und komplizierter die Fragen werden, desto mehr Menschen verlangen nach einfachen Antworten.“

„Wir brauchen zwei Staaten. Wir sind nicht allein in diesem Land. Wir sind nicht allein in Jerusalem. Das sage ich auch zu meinen palästinensischen Freunden. Ihr seid nicht allein in diesem Land.“

„Es ist schwer, im Land der Propheten ein Prophet zu sein. Es gibt zu viel Konkurrenz.“

Literatur war für Oz ein Mittel zum Überleben. In seinem autobiografischen Werk „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2004) beschreibt er, weshalb er als Kind angesichts des Holocausts ein Buch sein wollte – „damit wenigstens eine Kopie von mir in einer weit entfernten Bibliothek überlebte“. Auch als er mit zwölf Jahren den Selbstmord seiner Mutter miterleben musste, flüchtete er sich in fiktive Welten.

Ökonom in der Staatlichen Planungskommission der DDR

Eine Station seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte war die Arbeit als Ökonom in der Staatlichen Plankommission der DDR. „Ich stand immer unter dem Verdacht, eine Pflanze des Mossad zu sein“, erzählte der Friedenspreisträger 2015 bei der Leipziger Buchmesse. Und er gestand: „Ich spreche kein Deutsch, aber ich liebe die Musik dieser Sprache.“

Versöhnung war für den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels stets ein zentrales Thema, das hat er mit den anderen wichtigsten literarischen Stimmen des Landes, David Grossman und Zeruya Shalev, gemeinsam. 2005 beschrieb Oz das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland 40 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

Gewalt gehörte für den Friedenspreisträger zur Selbstverteidigung

Noch im Sommer 2018 richtete er sich im plädoyerhaften Essayband „Liebe Fanatiker“ an die Brandstifter des Nahen Ostens. Gleichzeitig war er aber überzeugt davon, dass Gewalt – etwa durch das israelische Militär – manchmal unerlässlich für die Selbstverteidigung ist. „Eine Verwandte, die das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte, erinnerte mich stets daran, sie sei nicht von Friedensdemonstranten gerettet worden, die Plakate und Olivenkränze schwangen, sondern von sowjetischen Soldaten mit Maschinengewehren“, sagte er 2015 in einem Interview mit dieser Zeitung.

Politik und Privatleben sind auf existenzielle Weise verwoben

Bei Oz sind Politik und Privatleben stets auf existenzielle Weise verwoben. Sein letzter Roman „Judas“ (2015) spielt im Jerusalem der Jahre 1959/1960. Viel davon, was der Autor über den arabisch-israelischen Konflikt schreibt, hat bis heute nicht an Aktualität eingebüßt. „Judas“ ist ein polyfones Meisterwerk der Weltanschauungen, Utopisten treffen hier auf Zyniker, Romantiker auf Desillusionierte. Der Student Schmuel Asch nimmt eine Stelle als Unterhalter eines alten Einsiedlers an und verliebt sich in die ebenfalls im Haus lebende Atalja. Diese wundersame Geschichte einer Überwinterung zieht den Leser bis zur letzten Seite in den Bann.

Provokante These: Judas als treuester Jünger Jesu

Oz stellt in diesem Roman die provokante These auf, dass Judas der treueste Jünger Jesu gewesen sei. Auch er selbst sei oft Verräter genannt worden, bekannte Oz im Interview. „Angefangen damit, dass ich mich als Neunjähriger in Jerusalem mit einem britischen Mandatspolizisten anfreundete, statt wie meine Freunde Steine auf ihn zu werfen. Er konnte das Alte Testament auswendig. Ich habe ihm Hebräisch beigebracht und er mir Englisch.“ Immer wieder sei er Verräter geschimpft worden, etwa im Sommer 2014, als er die israelische Militäraktion in Gaza unverhältnismäßig nannte. „Ich sehe diesen Titel als großes Kompliment an, denn viele Menschen wurden als Verräter gegeißelt, weil sie ihrer Zeit voraus waren.“

Der Tod macht auch vor bekannten Persönlichkeiten nicht Halt: Diese Prominenten sind 2018 von uns gegangen.

In Gesprächen pflegte Oz so mitreißend zu erzählen, dass man ihn sich als Großvater für die Gutenachtgeschichte wünschte. Er sprach in Aphorismen wie „Manchmal ergeben drei Einsamkeiten zusammen weniger Einsamkeit.“

„Wo Glück herrscht, werde ich als Autor nicht gebraucht“

Einsamkeit war ohnehin eines seiner Lieblingsthemen. So stellte Oz in seiner Erzählsammlung „Unter Freunden“ (2013) das Ideal des Kollektivs im Kibbuz den Schicksalen seiner Außenseiterfiguren entgegen. „Wo Glück herrscht, werde ich als Autor nicht gebraucht“, sagte der Schriftsteller einmal.

Amos Oz stand in diesem Jahr auch auf der Liste für den Ersatzpreis zum ausgesetzten Literaturnobelpreis, den Schriftsteller, Wissenschaftler und Publikum nach dem Skandal um die Schwedische Akademie ausgelobt hatten. Er hätte ihn verdient gehabt.

Von Nina May/RND

Durch Bücher wie „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ wurde er bekannt: Schriftsteller Amos Oz. Nun ist er im Alter von 79 Jahren gestorben.

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