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Kultur Wie Kanye West seine Bipolarität zu Musik macht
Nachrichten Kultur Wie Kanye West seine Bipolarität zu Musik macht
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17:40 08.06.2018
Kanye West Quelle: Foto: dpa
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Atlanta

Das Problem an einem Magnum Opus ist, dass es für gewöhnlich den Zenit eines Künstlers markiert. Kanye Wests Magnum Opus ist acht Jahre alt, heißt „My Beautiful Dark Twisted Fantasy“ und ist eines der besten Alben des Jahrtausends. Damals ein mehr als angemessener Ausgleich für das Vorgängeralbum „808s & Heartbreak“, auf dem West seine Gefühle in Auto-Tune ertränkte, diesem so populären Stimmverzerrungseffekt.

Auf Wests wunderschöne, dunkle und verdrehte Fantasie folgte die Götterdämmerung. Auf Album Nummer sechs erklärte sich der Protagonist bereits im Titel („Yeezus“) zum Sohn des Allmächtigen. Minimalistisch hingegen waren Cover als auch Musik. Sperrig und schwer verdaulich für den gemeinen Hörer, kaum ertragbar für viele Fans, später honoriert für seine Experimentierfreudigkeit. Vor zwei Jahren dann abermals die Kehrtwende: „The Life of Pablo“ befriedigte die Gemüter, verschmolz Wests Größenwahn und Talent zu einem rundum befriedigendem Klangerlebnis.

Ein gewisses Muster ist erkennbar: Seit 2008 ist Kanye Wests Diskografie von einem Wechsel aus exzentrisch-experimentellen und Mainstream-tauglichen wie überwältigend guten Werken geprägt. Das nun erschienene achte Album – schlicht „Ye“ betitelt – gehört folgerichtig wieder zur umstritteneren Kategorie.

Was weniger eine Folge des Inhalts als vielmehr der aktuellen Kontroversen um den 1977 in Atlanta geborenen Musiker ist: Twitter-Lob für Donald Trump. Die Verklärung der afroamerikanischen Versklavung zur „Choice“, also freien Wahl. Ganz zu schweigen von der Boulevard-Dauerbeschallung über seine Eheprobleme mit Kim Kardashian. Kanye West wäre jedoch nicht Kanye West, würde er diese Dinge auf seinem Album ganz konkret ansprechen und sich der Kritik stellen. Stattdessen macht er seine bipolare Störung, die er kürzlich zur „Superpower“ erklärte, zum Fixpunkt des Albums. Und das schon auf dem Cover: „I hate being bi-polar it‘s awesome“ steht da. „Ich hasse es, bipolar zu sein, es ist fantastisch.“

Den ersten Song „I Thought About Killing You“ inszeniert er als ambivalentes Selbstgespräch: Minutenlang sinniert West über Selbstliebe, Selbsthass und Selbstmordgedanken, zunächst auf einem dahinsäuselnden Sample, das schließlich von einem klassischen Beat durchbrochen wird. Dem folgt in „Yikes“ eine Ballade über psychischen Druck, den er als Bürde seiner Genialität versteht, ehe er diese Reflektiertheit in „All Mine“ für eine Ode auf den Beischlaf mit der gesamten Frauenwelt aufgibt, um im Anschluss („Wouldn’t leave“) die emotionale und körperliche Wärme seiner Frau zu suchen.

Ein bisschen Chauvinismus hier, ein wenig Frauen-Vergötterung da – typisch Kanye. Seinen Töchtern North und Chicago will er Derartiges ersparen, rät ihnen deshalb im finalen Song „Violent Crimes“ zu Karate statt zu Yoga, weil Letzteres ja nur geifernde Männerblicke provozieren würde.

Und das war‘s auch schon. Sieben Stücke, 23 Minuten Laufzeit: Was sonst als EP gelten würde, wird hier als Album verkauft. Ein Album, dessen Texte all die inneren Widersprüche ihres Autors deutlich machen. Ein Album, auf dem Yeezus seine Jünger (Charlie Wilson, Slick Rick, Kid Cudi, Nicki Minaj, Ty Dollar Sign, Jeremih und Shirley Ann Lee) zum Begleitchor für seine Predigten macht. Ein Album, das sowohl beim Blick auf Cover und Laufzeit als auch musikalisch wie ein Schnellschuss wirkt. Ein Album, das man eher als Ansammlung von Songskizzen und nicht wie ein durchkonzeptioniertes Werk verstehen muss. Ein Album, das dennoch ein paar dieser magischen Kanye-Momente zu bieten hat, in denen Text und Instrumentierung eine perfekte Symbiose eingehen.

Bleibt zu hoffen, dass das anfangs erwähnte Muster Bestand hat und Wests nächstes Werk seinem Selbstbild wieder gerecht wird.

Von Christian Neffe

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