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06:00 11.01.2018
Allein am Strand: Ginny (Kate Winslet) sehnt sich nach ein bisschen Glück in ihrem Leben. Quelle: Jessica Miglio
Hannover

Ist schon wieder ein Jahr rum? Muss wohl so sein, denn wenn etwas so sicher ist wie das Silvesterfeuerwerk, dann ein Woody-Allen-Film pro Jahr - und der liegt mit „Wonder Wheel“ jetzt vor. Es handelt sich um den 47. (andere Zählungen sind bei Nummer 46), bei dem Allen für Regie und Drehbuch gleichermaßen verantwortlich zeichnet.

Der New Yorker Filmemacher erscheint inzwischen wie ein guter, alter Bekannter, mit dem man alle Jahre wieder zum Kinobesuch verabredet ist. Das Treffen kommt garantiert zustande, ohne dass man sich extra einen Vermerk im digitalen Kalender machen müsste - über den Allen sowieso nicht verfügt. Seine Drehbücher verfasst er immer noch auf einer uralten Olympia-Schreibmaschine, die er seit seinem 16. Lebensjahr benutzt.

Ein sehnsuchtsvolles Licht liegt über diesem Film

Dieses Mal ist der mittlerweile 82-jährige Allen zu Hause in New York geblieben, seine ausgiebige Europatournee mit Filmen wie „Vicky Cristina Barcelona“, „Midnight in Paris“ oder „To Rome With Love“ hat er offenbar endgültig beendet. Gereist ist er aber wieder in die Vergangenheit - so wie schon in seinem vorigen Film „Café Society“ (in die Studioära in Hollywood der 1930er Jahre) und auch in der zwischendurch für den Streamingdienst Amazon entstandenen TV-Serie „Crisis in Six Scenes“ (in die Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg in den Sechzigern), der nun auch „Wonder Wheel“ produziert hat.

Ein sehnsuchtsvolles, warmes Licht liegt über diesem Film (Kamera: Vittorio Storaro), aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen: Dies ist Allens bitterstes Werk seit Langem. Es erzählt von zerbrechenden Lebensträumen. Die Geschichte spielt in den Fünfzigern und an einem Schauplatz, der verblassenden Glanz ausstrahlt: auf Coney Island. Hier am südlichsten Zipfel von Brooklyn direkt an der Atlantikküste strömten die Menschen seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Vergnügungsparks zu Schießbuden, Riesenrädern und Achterbahnen. Die beste Zeit liegt schon hinter dem Ausflugsort, als wir Ginny (Kate Winslet) dort treffen. Auch sie ist von Lebensspuren gezeichnet.

Ginny war mal Schauspielerin, aber dann ging wegen eines vermaledeiten Seitensprungs ihre Ehe in die Brüche. Der schnell missgestimmte Karussellbetreiber Humpty (Jim Belushi) fischte sie mitsamt ihrem psychisch angeschlagenen Sohn auf, als sie im Alkoholnebel verloren zu gehen drohte. Sie ist Humpty dankbar, aber kann Dankbarkeit auf Dauer Liebe und Glück ersetzen? Ginny mag weder Baseball noch Angelausflüge, und mehr kann Humpty ihr nicht bieten.

Ginny serviert in einem Meeresfrüchte-Imbiss Austern, aber sie träumt noch immer von Romantik und Bühnenkarriere. Sie fühlt sich, als spiele sie eine Rolle in einem fremden Leben. Und da kommt Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) von Strandabschnitt Nummer 7 ins Spiel - ein verhinderter Dichter, von denen Allen schon ein paar zu viele in seinen Filmen untergebracht hat - am schönsten vielleicht in „Bullet over Broadway“, wo ein Krimineller tatsächlich über brillantes Schreibtalent verfügt. Mickey verdingt sich als Erzähler der eigenen Geschichte und spricht direkt in die Kamera. Für ihn ist Ginny ein verlockender Sommerflirt, für sie soll der viel jüngere Mann der Ausweg aus ihrer immer schwerer zu ertragenden Misere sein.

Das kann nicht klappen, erst recht nicht, als plötzlich auch noch Humptys erwachsene Tochter Carolina (Juno Temple) auftaucht und Unterschlupf bei ihrem Vater sucht. Sie wird verfolgt von der Mafia, mit der sie sich - aus Liebe zu einem Gangster - eingelassen hat. Wie könnte es anders kommen in einem Film von Woody Allen: Bademeister Mickey verguckt sich in die viel jüngere Carolina.

Viele Versatzstücke treiben durch diesen Film, mit denen Woody Allen schon seit einem halben Jahrhundert hantiert - die Beziehung zwischen Zufall und Schicksal wie etwa in „Match Point“ oder die Vermengung von Wirklichkeit und Fiktion wie in „The Purple Rose of Cairo“. Wirklich Funken schlagen kann Allen nicht mehr aus solchen Ansätzen, dafür fehlt ihm inzwischen die erzählerische Kraft - und doch steckt in „Wonder Wheel“ mehr Leben und Leidenschaft als in vielen Allen-Filmen der vergangenen Jahre.

Meilenstein? Grabstein!

Zuallererst ist das Kate Winslet zu verdanken. Verhärmt sieht ihre Ginny zu Beginn aus. Doch auf wunderbare Weise werden wir Zeuge, wie diese Frau innerhalb von gut eineinhalb Kinostunden erst auf- und dann wieder verblüht. Allen verkneift sich die üblichen verbalen Gags, die jeden echten Schmerz unglaubwürdig machen würden, nur einen nicht: Als Ginnys 40. Geburtstag naht und als „Meilenstein“ bezeichnet wird, da feuert sie zurück: „Meilenstein? Grabstein!“. Ansonsten lässt er Winslet so viel Raum, dass man die Tragik spüren kann, die diese Frau umweht.

Irgendwann sagt die schwer angeschlagene Ginny, dass man mit zunehmendem Alter bereit sei, Fehler anderer zu tolerieren. Wie es um die eigenen steht, sagt sie nicht. Ob man will oder nicht: In diesem Augenblick denkt man auch an den Regisseur selbst, dessen Leben in den vergangenen Jahren von innerfamiliären Missbrauchsvorwürfen überschattet ist.

P.S. Woody Allen arbeitet bereits an seinem nächsten, wie stets noch titellosen Film. Elle Fanning, Jude Law und die Sängerin Selena Gomez spielen mit.

Von Stefan Stosch / RND

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