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Am Pult der Zeit

40 Jahre „Tagesthemen“ und „heute-journal“ Am Pult der Zeit

Staatsbürger mit Mikrofon: „Tagesthemen“ und „heute-journal“ feiern ihren 40. Geburtstag. Als sie 1978 auf Sendung gingen, war Nachrichtenvermittlung noch ein Hochamt rauchender Hornbrillenträger und soignierter Welterklärter. Wie präsent ist dieser Geist noch heute?

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Moralinstanz der Nation: „Tagsthemen“-Legende Hanns Joachim Friedrichs im November 1990 im NDR-Nachrichtenstudio.

Quelle: NDR

Hamburg. Beim ZDF-„sportstudio“ haben sie einen tollen Trick, um Analyse und Vertiefung vorzutäuschen: Zu sehen sind auch bloß die Bundesliga-Spiele des Tages, genau wie vier Stunden zuvor bei den ARD-Kollegen von der „Sportschau“ – nur diesmal eben aus der Perspektive der am zweitbesten positionierten Kamera. Alles wirkt verrätselter, gebrochener. Und schon lässt sich prima behaupten, der Zweitaufguss sei eine „Aufarbeitung“. Das ist natürlich Quatsch.

Man täte den „Tagesthemen“ Unrecht mit der Behauptung, sie seien nur ein Zweitaufguss der „Tagesschau“, quasi die schwurbelnde Schwester aus dem Politfeuilleton. Aber es kommt schon vor, dass um 22.30 Uhr im Prinzip derselbe Beitrag läuft wie um 20 Uhr – nur mit variierten Bildern, mehr Relativsätzen und der anderen Hälfte des O-Tons von Wolfgang Schäuble.

Geruhsame Analyse war eine kleine TV-Revolution

Als „Tagesthemen“ und „heute-journal“ am 2. Januar 1978 auf Sendung gingen, war Nachrichtenvermittlung noch ein Hochamt rauchender Hornbrillenträger und soignierter Welterklärter – in West wie Ost. Geruhsame Analyse über 30 Minuten? Mit Moderatoren, die menschliche Regungen zeigen? Eine kleine Fernsehrevolution, damals. „Tagesschau“-Chefsprecher Karl-Heinz Köpcke fand’s auch nicht toll, zum zweiten Mann hinter dem heute vergessenen Klaus Stephan degradiert zu werden. Er raschelte bockig mit dem Papier und gähnte hörbar.

So richtig locker wurde es dann natürlich doch nicht. Das Selbstverständnis von ARD und ZDF als unfehlbare Institutionen der demokratischen Willensbildung blieb Schutz und Schild der öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmaschinerie. Und zwar mindestens bis zum Sommer 2006, als mit Ulrich Wickert der Letzte seines Schlages abtrat. Noch einmal inszenierte sich da einer als moralisches Leitfeuer der Nation. Mit Wickert (15 Jahre im Amt) war es wie mit Helmut Kohl (16 Jahre im Amt): Er saß im Fernsehen und gehörte halt dazu.

Die nuschelige Nachlässigkeit des Ulrich Wickert

Wo Wickert öffentlich erscheine, schrieb einst Hans Leyendecker, entstehe „Stockung im Ablauf sicherster Kausalitäten“. Was freilich auch für die Wörter in Wickerts Sätzen galt. Wickert, dieser „homme de lettres“, Kulturmensch und Autor artiger Bücher zur Stärkung der Volksseele, Mitglied der französischen Käsegilde „Confrérie de Saint-Uguzon“, hat dann am Ende schon auch genervt mit seiner nuscheligen Nachlässigkeit („Gunaahmt meine Damentern“). Er hinterließ bei Weitem nicht die gleiche Leere wie sein Vorgänger Hanns Joachim Friedrichs, obwohl der nur sechs Jahre am Pult der Zeit saß, von 1985 bis 1990. Gern erzählte Wickert, wie ein Professor ihm einst schrieb, dass er nicht habe schlafen können, weil Wickert am Ende der Sendung keine „geruhsame Nacht“ gewünscht habe. Undenkbar, dass Wickert auf Socken auf dem Tisch hätte stehen können – wie seine Nachfolgerin Caren Miosga 2014 im Gedenken an Robin Williams („O Captain! Mein Captain!“). Es war der Moment, als die „Tagesthemen“ Anschluss an die Gegenwart fanden.

„Ich bin mit Hanns Joachim Friedrichs aufgewachsen“, sagt Miosga (48). „Der war nicht wegzudenken, wie die Schrankwand im Wohnzimmer. Hajo Friedrichs und Ulrich Wickert hätten auch Chinesisch reden können, man hätte denen alles geglaubt.“ Sie weiß, dass diese Zeiten vorbei sind. Seit 2007 ist sie Erste Moderatorin neben Ingo Zamperoni (43), dem Ersten Moderator. Sie schreiben das tatsächlich mit großem „E“ beim Ersten, wie in „Erster Bürgermeister von Hamburg“. Zamperoni freilich durfte erst 2013 antreten, nachdem er zum Nachreifen in den Brutkasten Washington geschickt worden war.

Mehr Witz und Haltung im Korsett der Seriosität

Die „Tagesthemen“ dürften „keine Schlappmeiersendung“ sein, forderte Friedrichs mal. Es gibt Ausgaben, die diesen Anspruch nicht erfüllen. Mit diesem angestaubten Konjunkturbarometerdeutsch. Mit diesen Kommentatoren, die teils wirkten, als trügen sie nach Monaten im Redaktionsverlies mal wieder eine Hose. Mit diesen Bildern: dunkle Limousinen, Politiker vor Stellwänden, Mikrofontrauben. Etwas Anachronistisches umweht die Sendung noch immer. Die Pflicht bestimmt die Agenda. Das ist aller Ehren wert. Zuschauer aber wünschen sich regelmäßig weniger Verlautbarung, mehr Exklusivität, weniger Eitelkeit, mehr Strenge mit den Herrschenden – und durchaus auch mal Witz und Haltung im engen Korsett der Seriosität. Nicht umsonst wurde Anja Reschke im Mai für ihren klaren Kommentar zur Hetze gegen Ausländer gefeiert. „ARD aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke wittert hinter jedem Lockerungsversuch traditionell das süße Gift des Boulevard. „Die Sendung folgt nicht zeitgeistigen Moden, sondern vertraut auf das sichere Urteil einer erfahrenen Redaktion“, sagte er mal. Das klang nach: Was ihr interessant findet, bestimmen immer noch wir.

Der jahrelange Nimbus der Unfehlbarkeit, diese beklagenswerte Unfähigkeit zur Selbstkritik, haben mit zum Anschwellen der überdrehten Medienschelte der letzten Jahre beigetragen. Erst in jüngster Zeit gibt man sich transparenter, klärt auch absurde Irrtümer auf – den aus Unkenntnis gespeisten Dauerverdacht von rechts etwa, „öffentlich-rechtlich“ sei gleichbedeutend mit „staatlich“. „Es ist nicht Aufgabe eines Nachrichtenmagazins, Ängste zu verstärken oder zu zerstreuen, sondern Zusammenhänge klarzumachen“, sagt Gniffke. Und „heute-journal“-Mann Claus Kleber ist froh über jede Sendung, die „nicht dauernd den Tweets von Herrn Trump hinterherläuft“. Es gebe auch konstruktive Kritik, sagt Kleber, aber man müsse „die Edelsteine herausfischen aus dem Dreck“.

Das Rituelle haben beide Sendungen verloren

Der Geburtstag fällt in schwierige Zeiten. In der Debatte um Grenzen, Auftrag und Legitimation von ARD und ZDF darf man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Es ist ja wichtig, dass sich in Zeiten von Fake-News-Geschrei und Fast-Food-Journalismus so viele Redaktionen wie möglich den Werten der Aufklärung und handwerklichen Grundsätzen verpflichtet fühlen. Das mag bieder wirken. Trotzdem – oder gerade deshalb – hat das „heute-journal“ konstant 3,8 Millionen Zuschauer. Die „Tagesthemen“ kommen auf 2,5 Millionen, auch der späteren Sendezeit wegen. Und wer glaubt, Nachrichten könnten „von oben“ gesteuert werden, weiß nichts über Stolz und Ethos altgedienter Newsredakteure.

Die Zeiten aber, in denen das, was nicht in der Sendung auftauchte, quasi gar nicht stattgefunden hat, sind vorbei. Dazu ist die Nachrichtenwelt zu zerfasert, zu heterogen, auch zu widersprüchlich geworden. Das Rituelle haben beide Nachrichtentanker längst verloren. Auch sie müssen um Aufmerksamkeit kämpfen. Gut so.

Von Imre Grimm

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