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Medien Darum lohnt sich “Winnetou – Der Mythos lebt“
Nachrichten Medien Darum lohnt sich “Winnetou – Der Mythos lebt“
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23:13 23.12.2016
Old Shatterhand (Wotan WIlke Möhring, l.) und Winnetou (Nik Xhelilaj)
Hannover

Es ist ein paar Jahre her, da saß Pierre Brice in Erfurt zornbebend auf Thomas Gottschalks weißem Sofa. Ein „schockierendes Machwerk“ sei dieser Film, wetterte er mit blitzenden Augen, ein „Witz unter der Gürtellinie“. Ein Sakrileg! Er vermisse den „Respekt für Karl May, der so viel für die Deutschen getan und geschrieben hat“. Ihm gegenüber, verwirrt: Michael „Bully“ Herbig. Gerade war seine Karl-May-Parodie „Der Schuh des Manitu“ in die Kinos gekommen. Und da saß nun Brice, der sich seit Jahren selbst für einen Indianer hielt, und verteidigte die Werte des edlen Wilden gegen die Barbarei der Comedy: „Das hat Karl May nicht verdient!“

Was den Franzosen umtrieb, war die Sorge um einen deutschen Mythos. Ein nationales Heiligtum. Einen Märchenstoff, der zum Leben erwacht, wann immer die acht Töne von Martin Böttchers berühmter Filmmusik erklingen. Der Henrystutzen. Hatatitla. Nscho-tschi. „Mein Bruder.“ Iltschi. Hunderttausende trauerten, wann immer Winnetou starb, ob im Film oder im Buch. Da lagen sie, elf oder zwölf Jahre alt, tieftraurig, in der tröstenden Höhle ihrer Bettdecke, als der große Krieger seine Indianerseele aushauchte, auf Seite 404 von „Winnetou III“. „Nun bricht des Todes Nacht herein ...“, lasen sie im Schein der Taschenlampe, und im Geiste knieten sie neben ihm und weinten.

Karl May prahlte, er beherrsche 1200 Sprachen

Irgendwann ist es egal, ob ein Mythos echt ist oder falsch, wenn er nur lebt. Und dieser lebt. Er lebt zwischen Pommes und Platzpatronen auf dem Kalkberg in Bad Segeberg, seit 64 Jahren Heimat der Karl-May-Spiele. Er ist das Zentralmassiv des literarischen Universums dieses genialischen, als Kind blinden, steckbrieflich gesuchten Hochstaplers und begnadeten Selbstvermarkters namens Karl Friedrich May, geboren 1842 als fünftes von 14 Kindern einer armen Weberfamilie, gestorben 1912 in Radebeul bei Dresden, der wie im Wahn – und wie Pierre Brice – mit seinem Werk verschmolz. May prahlte damit, 1200 Sprachen und Dialekte zu beherrschen und als Winnetou-Nachfahre 35.000 Apachen zu befehligen. In Wahrheit saß der frühere Zuchthäusler in seinem Stübchen und lieferte kuriose Hirngespinste für die alte deutsche Sehnsucht nach der schuldlosen, reinen Seele.

Der Mythos lebt auch in den 18 unzerstörbaren Karl-May-Filmen, die Horst Wendlandt ab 1962 in der jugoslawischen Steinödnis herunterkurbeln ließ. Seine balkanesischen Cowboy- und Indianerspiele trafen den Zeitgeist der jungen Republik, teilten die Welt sauber ein in Gut und Böse, lieferten 17 Jahre nach dem Krieg ein intaktes Wertesystem mit einem friedensstiftenden Deutschen als Helden.

Rund 13 Millionen Euro kosteten die drei Filme

Aber was hat uns diese rührend naive Fabel vom großherzigen Indianerhäuptling und seiner mit Blut besiegelten Freundschaft zum artigen deutschen Landvermesser heute noch zu erzählen? Wen lockt in Zeiten globalisierter Fantasy-, Mystery-, Vampir- und Zauberer-Erlebniswelten der Schrei der Bergdohle? Geht es um mehr als Eskapismus und Sentimentalitäten für Großväter, die dem Zündplättchen-Idyll ihrer Lederhosenjugend nachjagen und unterm „Bravo“-Starschnitt von Marie Versini alias Nscho-tschi träumten? Gibt es das überhaupt noch in der zersplitternden Kulturwelt: Lagerfeuer-Fernsehen im wahrsten Wortsinne? Generationenübergreifendes Erleben? Wer weiß das schon? Christian Becker jedenfalls nicht. Aber er hofft es. Der 44-Jährige ist Chef von Rat Pack. Für RTL hat die Tochterfirma von Constantin Film das Winnetou-Epos neu verfilmt. Rund 13 Millionen Euro kosteten die drei Filme, so viel wie zwölf „Tatorte“. Optisch nähert sich der neue „Winnetou“ dem düsteren Realismus von Westernserien wie „Deadwood“ oder „Hell on Wheels“ an. Die Story freilich verlangt Puristen das Äußerste ab:

Es ist Karl May selbst, der 1860 als deutscher Landvermesser aus Sachsen nach Amerika kommt, um als Ingenieur beim Bau der transkontinentalen Eisenbahn in New Mexico zu helfen. Auf seinem ersten Wüstentrip wird er verletzt, der junge Apachen-Häuptling Winnetou nimmt ihn gefangen, dessen Schwester Nscho-tschi pflegt ihn gesund, seine starke Faust verschafft ihm den Kriegsnamen Old Shatterhand. Dann wachsen die Zweifel, ob wirklich die Indianer die Wilden sind in dieser neuen Welt. „Wir führen hier keinen Krieg, wir bauen eine Eisenbahn“, sagt Mays Chef James Bancroft (Rainer Bock). Sein skrupelloser Vorarbeiter Rattler (diabolisch: Jürgen Vogel) antwortet: „Wo ist da der Unterschied?“

Wotan Wilke Möhring ist ein würdiger Old Shatterhand

Den Anspruch, den braven Idealismus des Originals sanft zu aktualisieren, löst der Film nur zum Teil ein. Zwar ist Nscho-tschi (würdevoll: Iazua Larios) diesmal nicht bloß das klimperäugige Opfer, sondern als Schamanin vom Dienst eine berufstätige Frau, die sogar Sex mit dem Kumpel ihres Bruders hat. Zwar sind Gut und Böse diffuser verteilt als in den Lichtspielen der Sechziger. Eine echte Heldenzertrümmerung aber ist die Trilogie nicht. Sie lässt die versöhnliche Illusion vom deutschen Humanisten mit der Donnerfaust unangetastet.

Ohne die nostalgischen Assoziationen aber, die Erinnerungen an familiäres Feiertagsfernsehen, die die alten Filme wecken, ist „Winnetou“ nur ein satter, disneyesker Bilderbogen in edler Kinooptik. Wotan Wilke Möhring ist ein würdiger, knorriger, träumerischer Old Shatterhand und Milan Peschel ein sympathischer Zausel Sam Hawkens (samt seinem Markenzeichensatz „Wenn ich mich nicht irre“). „Tatort“-Kodderschnauze Fahri Yardim gibt im zweiten Teil stark den schießwütigen mexikanischen Banditen El Mas Loco. Der albanische Schauspielstar Nik Xhelilaj zeigt vor allem im stärksten Teil, dem dritten, Charakter als athletischer Winnetou. Ein paar May-Veteranen tauchen auf: Mario Adorf als ölgieriger Bösewicht Santer, der unvergessene DDR-Indianerhäuptling Gojko Mitic als Winnetous Vater Intschu-tschuna und Marie Versini, die Nscho-tschi der Sechziger, in einer Nebenrolle. Für Uschi Glas („Das Halbblut Apanatschi“) freilich fand sich keine Rolle.

„Gedreht an Originalschauplätzen“ – in Kroatien

Immerhin: Das Ergebnis ist deutlich glaubwürdiger als der jüngste Sat.1-Indianermurks „In einem wilden Land“ voller peinlicher Feuerwasser-Lyrik, in dem frisurreiche Faschingsindianer Fantasiekauderwelsch murmeln („Kacka Anna Nopita Terijaki“) und sich so subtil anschleichen wie der T.-Rex in „Jurassic Park“. Die Mescalero-Apachen bei RTL sprechen Lakota, eine Sprache der Sioux. Das ist nicht korrekt, klingt aber sehr indianisch. Und sie werden – ein mutiger Kunstgriff – untertitelt.

RTL wirbt mit dem Satz: „Gedreht an Originalschauplätzen“, was putzig ist, denn gemeint ist nicht das Monument Valley, sondern Kroatien. „So sieht für den deutschen Karl-May-Fan Amerika aus“, sagt Becker lakonisch. Es ist eine schräge Authentizität. Die Originaltitel durfte man nicht verwenden, der Karl-May-Verlag Bamberg hatte erfolgreich geklagt.

Der neue „Winnetou“ ist vor allem im dritten Teil opulentes, episches, enorm detailreich ausgestattetes Breitwandfernsehen. Dass der Dreiteiler aber einen neuen Mythos begründet, ist unwahrscheinlich. Auch Pierre Brice sollte mittun, als älterer Schamane etwa, sagte dann aber doch per Brief freundlich ab. „Er hat als Winnetou etwas so Großes geprägt“, sagte Becker. „Ich glaube, er wollte, dass die Menschen ihn so in Erinnerung behalten.“ Wenige Wochen später, am 6. Juni 2015, starb Brice. Ein Sieben-Tonnen-Fels ziert sein Grab in München. Seine Witwe wollte ihn als Winnetou in den Stein meißeln lassen, sagte sie. Aber kein Steinmetz genügte ihren Ansprüchen. Diesen „einzigartigen Gesichtsausdruck“, diesen indianischen Stahlblick – den kriegte kein Künstler hin. Die Filme sind ihm gewidmet.

Sendetermine: „Winnetou - Der Mythos lebt“

RTL zeigt den Dreiteiler „Winnetou – Der Mythos lebt“ an drei Tagen:

1. Teil: „Eine neue Welt“, Sonntag, 25. Dezember, 20.15. Uhr

2. Teil: „Das Geheimnis vom Silbersee“, Dienstag, 27. Dezember, 2015 Uhr

3. Teil: „Der letzte Kampf“, Donnerstag, 29. Dezember, 20.15 Uhr

Ergänzend gibt es noch zwei Dokumentationen am Sonntag (25.12. um 22.05 Uhr) und am Donnerstag (29.12., um 22.45 Uhr).

Von RND/Imre Grimm

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