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Das Geschäft mit den Bestsellerlisten

Streit um „Spiegel“-Logo Das Geschäft mit den Bestsellerlisten

Buch-Charts beherrschen den Lektüremarkt – Verlage freuen sich über die Aufmerksamkeit. Eine der populärsten Listen kommt vom „Spiegel“. Der will in Zukunft mit dem begehrten Aufdruck Geld verdienen. Ist das gerecht?

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Der „Spiegel“ will künftig Geld von Verlagen, die das Label „Spiegel-Bestseller“ verwenden wollen.

Quelle: dpa

Hamburg. In Berlin-Kreuzberg gibt es einen Dönerladen, der irgendwann einmal von irgendwem zu Deutschlands beliebtestem Imbiss erklärt wurde. Seitdem stehen die Menschen davor Schlange. Stundenlanges Warten für eine Brottasche mit zweierlei Kraut? Wer ungläubig an den erwartungsfrohen Kunden vorbeiläuft, fragt sich: Wem von denen schmeckt es hier wirklich so besonders? Wer kommt wegen des Tripadvisor-Rankings – und wer stellt sich gar nur in die Schlange, weil die Schlange ja ein Indikator für höchste Güte sein muss? Eine selbsterfüllende Prophezeiung. Das Pendant dazu ist auf dem Buchmarkt das Bestseller-Siegel.

In den Buchhandlungen gibt es eigene Tische für die Höchstplatzierten. Wer ein Geschenk sucht und sich bibliophil geben will, spart sich nicht selten die Lektüre oder das Gespräch mit dem Buchhändler und greift gleich zur Massenware. Eine der bekanntesten Bestsellerlisten des deutschen Buchmarktes stammt vom „Spiegel“. Auf den Büchern von Sebastian Fitzek, Richard David Precht und Co. prangt das „Spiegel-Bestseller“-Logo und treibt den Umsatz noch verlässlicher weiter in die Höhe als die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis.

250 Euro für den Aufkleber „Bestseller“

Seit Anfang des Jahres möchte der „Spiegel“ nun Geld für das Logo: 250 Euro pro Titel für die Verwendung der Logos in Vorschauen, Werbemitteln und Anzeigen, noch einmal 250 Euro für den Aufkleber auf Buchcovern. Wie das Buchhandels-Verbandsorgan „Börsenblatt“ berichtet, würden sich die zusätzlichen Vermarktungskosten durch das neue Modell für die größten deutschsprachigen Verlagsgruppen Bonnier (unter anderem Piper, Ullstein), Holtzbrinck (zum Beispiel Fischer, Rowohlt, Kiwi) und Random House (etwa Heyne, Blanvalet, Luchterhand) jeweils auf 250 000 bis eine Million Euro pro Jahr belaufen.

Die Verlage reagieren mit Unverständnis. Claudia Limmer von Random House sagt: „Es ist nicht nachvollziehbar, aus der partnerschaftlichen Zusammenarbeit aller an dem seit Jahren praktizierten und wöchentlich stattfindenden Prozess der Bestsellererhebung beteiligten Urheber ein einseitiges Geschäftsmodell für den ,Spiegel’ zu generieren.“ Alle Verlage der Gruppe werden daher bis auf Weiteres auf das Logo verzichten und Bestseller auf andere Weise ausweisen. Zu den betroffenen Titeln zählt zum Beispiel der jüngste Roman von Juli Zeh, „Leere Herzen“. Auch der Schweizer Diogenes Verlag kündigte die Abkehr vom Logo an. Bonnier-Geschäftsführer Christian Schumacher-Gebler stellte gegenüber dem „Börsenblatt“ die Frage nach Henne und Ei: Wer war zuerst da, die Bestsellerliste oder der Bestseller? Profitiere nicht eigentlich der „Spiegel“ von der Markenpräsenz im Buchhandel?

„Bestellerlisten sind kein Qualitätsprädikat“

Ein Sprecher des Magazins sagte gegenüber dem „Börsenblatt“, es gehe vor allem darum, Kontrolle über die Corporate Identity zu haben. In der Vergangenheit hätten sich einige Verlage selbst ein Logo zusammengebastelt.

Der Massengeschmack als Gütesiegel? Wenn es um Bestseller geht, vergessen viele Buchliebhaber schnell das Intellektuellen-Credo der unabhängigen Meinung. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer („Russendisko“), der mit seinen Büchern regelmäßig auf den Bestsellerlisten vertreten ist, sieht den Ranking-Hype kritisch. Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte er: „Bestellerlisten sind kein Qualitätsprädikat. Alles Mögliche findet auf solchen Listen Platz, Herausragendes und Banales nebeneinander.“ Sein Fazit: „Für Leser kein Kompass, für die Autoren keine Auszeichnung.“

Der Germanist Jörg Magenau hat anhand von ausgewählten Titeln eine sehr persönliche Kulturgeschichte zum Phänomen zusammengetragen, die am 20. Februar bei Hoffmann und Campe erscheint. In dem Band „Bestseller. Bücher, die wir liebten – und was sie über uns verraten“ schreibt er: „Ein Platz auf der Bestsellerliste ist kein Qualitätsmerkmal für das betreffende Werk, aber doch ein Beleg dafür, dass es auf irgendeine Weise jetzt gerade, heute, zu uns spricht.“ So traf Giulia Enders mit ihrem Sachbuch „Darm mit Charme“ offenbar einen Nerv (146 Wochen auf der Bestsellerliste). Auch Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ mit 75 Wochen war vor zehn Jahren solch ein Überraschungserfolg.

Die Bewertungslandschaft wird unübersichtlicher

Wegen einer Inflation an konkurrierenden Listen werden ähnlich wie in Castingshows immer mehr Toptitel produziert: Aufgrund der zunehmenden Internationalisierung des Medienmarkts ist auch hierzulande der Einfluss der Bestsellerliste der „New York Times“, die seit den Dreißigerjahren besteht und in viele Unterkategorien gegliedert ist, gewachsen. Erst im November haben sich die „Zeit“, das ZDF und Deutschlandfunk Kultur zusammengetan, um eine neue Sachbuch-Bestenliste zu kreieren. Und der Onlineversandhändler Amazon führt eine eigene Statistik, die immer gerne zitiert wird, wenn ein Roman schon vor dem Erscheinen Geschichte schreibt. Ohnehin wird die literarische Bewertungslandschaft immer unübersichtlicher: Neben Zeitungsfeuilletons wächst die Bedeutung von Buchbloggern, die Leipziger Buchmesse etwa richtet sich mit einer Konferenz speziell an diese Zielgruppe. Die Mainzer Buchwissenschaftlerin Corinna Norrick-Rühl begrüßt die Entwicklung: „Ich finde es wichtig und gut, dass nicht überall die gleichen zehn Bücher besprochen und empfohlen werden, sondern dass durch diese verschiedenen Angebote und Meinungen eine Büchervielfalt gefördert wird, Stichwort Bibliodiversity.“

Übrigens führen nicht immer nur die üblichen Verdächtigen wie Ken Follett, J. K. Rowling oder Stephen King die Rankings an: Der Jahresbestseller 2017 war laut „buchreport“ Maja Lundes öko-literarische „Geschichte der Bienen“. Die norwegische Romandebütantin verwies Dan Brown auf den zweiten Platz.

Geschichte der Bestsellerliste

Die erste Bestsellerliste in der Weltgeschichte erschien von 1891 bis 1901 im britischen Blatt „Bookman“. In Deutschland wurde 1927 in „Die Literarische Welt“ die erste Bestsellerliste veröffentlicht – aber auch 1928 gleich wieder eingestellt, weil die Liste als Zeichen einer Verflachung des geistigen Lebens in Deutschland kritisiert wurde. Seit den Sechzigerjahren gibt es die „Spiegel“-Bestseller-Liste, seit 1971 in Zusammenarbeit mit dem Branchenmagazin „buchreport“. Für die Buchwissenschaftlerin Corinna Norrick-Rühl war die späte Übersetzung des Buches „Jeder stirbt für sich allein“ (1946) von Hans Fallada besonders spannend: Die Geschichte wurde erst 2009 ins Englische übertragen und schaffte es prompt auf die Bestsellerlisten in den USA und Großbritannien.

Von Nina May

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