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Medien Das TV-Protokoll der US-Wahlnacht
Nachrichten Medien Das TV-Protokoll der US-Wahlnacht
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06:16 10.11.2012
Von Imre Grimm
Frisch wiedergewählt: Obama und sein Vize Biden. Quelle: dpa
Hannover

22.48 Uhr: Die ARD will heute Nacht mal irre locker sein. Dafür hat man im Berliner E-Werk extra eine IKEA-Filiale in Blau-Rot nachgebaut. Party statt Pathos. „Wir wollen Leben in der Bude haben, sonst könnten wir auch in’n Keller gehen!“, ruft Infotainment-Experte Matthias Opdenhövel selbstkritisch. Er hat jetzt schon kleine Augen. Aber er kennt sich aus mit Mammutsendungen: Er hat „Schlag den Raab“ moderiert. Die Gäste sind jung und schön, aber die Stimmung ist verhalten. Und dann wird auch noch Henry Kissinger zugeschaltet. Nur Sandra Maischberger ist begeistert. Alte Männer erklären Politik. Das ist ihre Welt.
23.07 Uhr: ZDF. Markus Lanz sieht müde aus. Zuviel sackgehüpft? Im Ersten findet Wolf von Lojewski, die Kandidaten unterschieden sich wie „Twiddeleydum und Twiddelydee“. Maischberger ist irritiert. Twiddelywer? Lojewski ist auch gegen Hedgefonds. Spontaner Bekenntnisapplaus. „Dit is Bahlin“, bahlinert Maischberger. Bei CNN verwächst Zahlenfuchs John King mit seiner „Magic Wall“. Dafür hat ARD-Statistiker Jörg Schönenborn das größte iPad der Welt. Claus Kleber meldet sich aus dem Washingtoner Stadtteil Georgetown. Er geht jetzt auf Kneipentour. Die Frisur sitzt.

00.02 Uhr: Mitternacht! ARD-Regisseur „Markus“ hat Geburtstag. Tina Hassel gratuliert per Twitter. „Wir sind jetzt in einer Phase, wo es beginnt, interessant zu werden“, behauptet Schönenborn tapfer. Stattdessen spielt die Rockabilly-Kapelle The Baseballs Rihannas Superhit „Umbrella“ nach. Ist das hier Frühschoppen oder ‘ne Wahlsendung? Dunja Hayali fragt fürs ZDF einen Taxifahrer am Times Square: „Where’s the party?“ Er muss dann auch wieder los.

0.30 Uhr: CNN sieht aus wie Shopping-TV. Statt „Schon 652 Stück verkauft“ steht links unten „Exit Polls in 21:40“. Opdenhövel lobt die „sexy Singstimme von Obama“. Maischberger, Andreas Cichowicz, Schönenborn und Opdenhövel trinken kichernd Orangensaft. Maischberger sagt zum ersten Mal an diesem Abend „Weltpolizist“. Servus TV hat auch eine eigene Wahlsendung. Ist das Stephanie zu Guttenberg, die die Karteikarten vorliest? Nein, es ist Katrin Prähauser.

0.45 Uhr: „Sascha Lobo, du kümmerst dich also um dieses Internet?“, fragt ZDF-Internetexpertin Sonja Schünemann bei der ZDF-Wahlparty im Berliner Telegrafenamt. Lobo antwortet, dass er soziale Medien „spannend“ findet. Bei Twitter fragen sich die Ersten, wann Krümelmonster, Frauke Ludowig und Cindy aus Marzahn kommen. Stattdessen kommt Bruce Darnell zu ntv. Eine Brass-Band aus Mainz spielt einen Tusch, wenn’s Zahlen gibt. Polit-Karneval. Claus Kleber meldet sich aus Georgetown. Er wirkt angeschlagen.

1.10 Uhr: Peter Klöppel steigt mit RTL ein. Er trägt einen blau-roten Schlips. Pfiffig. Bei MSNBC und CNN twittern sie. Im ZDF erklärt Bettina Schausten, dass dieses Twitter ja „immer wichtiger geworden ist in letzter Zeit“. Fehlt nur noch ein Schild: „JETZT! HIER! NEU! INTERNET!“ Frische Zahlen aus Ohio, der „Mutter aller Swing States“ (Opdenhövel). Das ZDF erklärt anhand eines großen Zeichentrick-Steaks das US-Wahlsystem. Willkommen im Ki.Ka.

1.20 Uhr: Die beiden ZDF-Twitter-Expertinnen lesen Tweets aus dem Internet vor. Wo ist Markus Söder, wenn man ihn mal braucht? Jörg Schönenborn sucht seine Zahlen zusammen („Da ist ein bissel was verloren gegangen“). Claus Kleber schickt ein Foto von sich im Auto. Er fährt nicht selbst. Kneipentour läuft.
1.50 Uhr: Der Berliner US-Botschafter Philip D. Murphy spricht in der ARD Deutsch und bei RTL Englisch. Da muss etwas mit dem Fluxkompensator nicht stimmen. Im ZDF zeichnet ein Karikaturist Michelle Obama. Er betont wörtlich ihr „Pferdegebiss“. Niemand greift ein. Jetzt ist offenbar eh alles wurscht. Nichts Neues von Claus Kleber.

2.29 Uhr: Der emotionale Tiefpunkt. „Brauchen wir Mädchen so’n emotionalen Frauenwahlkampf?“, fragt ZDF-Twittermädchen Jeannine Michaelsen. Als Experte steht ihr Fritz Egner zur Seite. Fritz. Egner. Der Mann hat früher „Dingsda“ moderiert. Er sagt: „Obama ist ein Popstar.“ Kein Raunen geht durchs Publikum.

3.10 Uhr: Claus Kleber ist in seiner Lieblingskneipe angekommen. „Hier mischen sich alle Rassen.“ Er wirkt müde. Er hat aber auch noch nichts zu trinken. Ohne Gundula Gause erkennt man ihn fast nicht. In der ARD testet Cichowicz, immerhin NDR-Chefredakteur, in einer Live-Verköstigung die Kekse von Ann Romney und Michelle Obama („bisschen mächtig“). Wer sich für die US-Wahl interessiert, muss zu CNN schalten. Anchorman Wolf Blitzer sieht aus, als habe er seit 2008 durchmoderiert. Claus Kleber hat seinen Schlips gelockert. Jetzt geht er auf’s Ganze.

3.50 Uhr: In Florida hat Romney aktuell 636 Stimmen Vorsprung vor Obama. In der ARD läuft dazu ein Archivfilm über Jimi Hendrix, Elvis und Basketball. Sagenhaft, was diese Amerikaner so drauf haben. Opdenhövel interviewt Fußballprofi Arne Friedrich, der jetzt in Chicago spielt. Und? Wie ist das so? „Alles sehr aufregend hier“, sagt Friedrich. Im ZDF war länger nichts von Claus Kleber zu hören.

4.12 Uhr: Die zugeschalteten Außenreporter sind noch immer uneins, ob der Sieger nun „Bäräck Obämma“, „Brack Obbamma“ oder „Bronco Bamma“ heißt.

4.20 Uhr: Verkehrte Welt: RTL erklärt die US-Außenpolitik, in der ARD spielen The Baseballs den Song „Hello“. Der Versuch, nicht so spießig und spröde herüberzukommen wie 2008, schlägt fehl. Die Wahlpartys von ARD und ZDF wirken wie ein merkwürdiger Mix aus Frühschoppen, Presseclub und Late Night Show. Sieben Stunden live – mehr als bei einer Bundestagswahl. Aber unterm Strich bleiben Kekse, Kichern und Orangensaft. Wenn wünschen hülfe: weniger Tanz ums Goldene Kalb namens Internet, weniger Touchscreen-Getue, mehr Bilder, Bilder, Bilder, gern auch ohne Text, weniger Dieter Kronzucker, Don Jordan, Jürgen Todenhöfer, Guido Westerwelle, Gayle Tufts, die weit weg von Washington zum tausendsten Mal vom „Weltpolizisten“ schwadronieren, mehr Echtzeitreportagen, mehr Fakten, mehr Politjunkiefutter.

5.16 Uhr: Das ZDF zögert. Zu lange. Der Welt ist längst klar, dass Obama gewonnen hat, da schließt sich auch das ZDF an. Die Sonne geht auf. Obama twittert ein Foto von sich und Michelle, das innerhalb von Sekunden millionenfach um die Welt schießt. Neuer Web-2.0-Rekord. Hat jemand Claus Kleber gesehen?