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Nachrichten Medien Ein letztes Mal „Wetten, dass...“
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00:15 14.12.2014
Von Imre Grimm
Der Erfinder, der bunte Star, die Zwischenlösung und der Hüter der Asche: die „Wetten, dass ...?“-Moderatoren (v. l.) Frank Elstner, Thomas Gottschalk, Wolfgang Lippert und Markus Lanz. Quelle: Svea Pietschmann

Da saß der Letzte seiner Art vor ein paar Tagen locker auf einem Tisch, bestaunt wie ein seltsames Reptil von 250 Medienstudenten. Er trug einen Wildlederanzug und grobe Wanderschuhe und warb in munterem Parlando für Mut und Querdenkertum. „Hört nie aus Angst vor einer Niederlage damit auf, etwas zu versuchen“, sagte Thomas Gottschalk. „Und wenn ihr eine gute Idee für eine massenkompatible Samstagabendshow habt – da werden sich die Programmdirektoren sicher freuen.“

Gottschalk, der „göttliche Bub“ (Martin Walser), konnte das, wenigstens eine Zeit lang. Markus Lanz konnte das nicht. Aber natürlich ist Lanz nicht der alleinige Totengräber des Klassikers, auch wenn er Gottschalks Quote in seinen 14 Sendungen halbierte. Es war eine unmögliche Mission, nicht bloß gegen den Geist von Gottschalk anzutreten, sondern noch dazu gegen die Aufsplitterung des Publikums, die grobschlächtigen Tabubrüche der privaten Konkurrenz und das explodierende digitale Medienangebot.

Nein, „Wetten, dass ...?“ starb nicht an Lanz. Sondern an der Unfähigkeit, sich zu erneuern. Am verzweifelten Versuch, für alle da zu sein. Denn während sich der ARD-„Tatort“ – einst ein bierernstes, staubtrockenes Hochamt der TV-Kriminalistik – mit Humor und mutigen Formatbrüchen neu erfand und als letztes echtes Fernsehlagerfeuer heute alle Schichten und Generationen erreicht, setzte „Wetten, dass ...?“ allein auf Nostalgie. Und verlor.

Die Samstagabendshow. Ein Mythos des (deutschen) Entertainments. Die großen TV-Conférenciers der Siebziger bis Neunziger waren Weltumarmer: von Hans Rosenthal („Dalli Dalli“) bis Joachim Fuchsberger („Auf Los geht’s los“), von Hans-Joachim Kulenkampff („Einer wird gewinnen“) bis Rudi Carrell („Am laufenden Band“), von Jürgen von der Lippe („Geld oder Liebe“) bis – im Osten – Wolfgang Lippert. Prediger der Leichtigkeit wollten sie sein, Apologeten der Ablenkung. Harald Schmidt scheiterte dann später bei „Verstehen Sie Spaß?“, weil er genau das verweigerte. Jahrzehntelang funktionierte die Samstagabendshow als Kitt, der die Milieus zusammenhielt, der das schleichende Auseinanderdriften der Geschmäcker übertünchte – und damit Marktanteile von bis zu 80 Prozent holte.

Im Zenit des Erfolgs, in den achtziger Jahren, war „Wetten, dass ...?“ der Ofen, an dem der vom kalten Tempo der achtziger Jahre ermattete Bundesbürger – und nicht wenige Zuschauer in der DDR – ihre müden Knochen wärmen konnten. Die Show verlieh den Werten und Wünschen ihrer Zeit vollendeten Ausdruck: Die Deutschen sehnten sich nach Internationalität und Glitzer – aber bitte mit klaren Spielregeln. Was Frank Elstner ihnen dann 1981 bot, war Mietglamour aus Hollywood und ein komplexes Regelwerk. Herrlich. Beamtenfernsehen trifft bürgerliche Weltläufigkeitssehnsucht. Und alle gucken zu. Es ist in diesen Tagen viel von Fernsehabenden im Bademantel die Rede, die Strubbelhaare nach Shampoo duftend, Fischstäbchen im Bauch. Von Baggerwetten und Bleistiften, von Michael Jackson im offenen Hemd, von einem zeternden Götz George, von absurd beklebten Brillen und Wochenendpathos in Mehrzweckhallen zwischen Lübeck und Leipzig. Von dieser nostalgischen Schwermut der „Generation Golf“, die sich für ihre Kinder das gleiche Sicherheitsgefühl wünschte wie für sich selbst zwischen Playmobil-Piratenschiff, Zauberwürfel und Carrera-Bahn, zehrte die Show noch, als sie schon todkrank war. Die landesweite Trauer um „Wetten, dass ...?“ ist eher ein Beleg für die Sehnsucht nach Beständigkeit als für die Qualität der Show selbst.

Ihr Alleinstellungsmerkmal war ihre Unschuld. Und die verlor sie am 4. Dezember 2010 um 20.40 Uhr, als Samuel Koch in Düsseldorf mit speziellen Sprungstiefeln über ein fahrendes Auto zu springen versuchte und sich schwer verletzte. Morgen Abend ist der querschnittsgelähmte Koch zu Gast bei Lanz. Zuerst habe er die Einladung abgelehnt, sagte Koch, „weil mir die Sendung immer noch einen dicken Kloß im Bauch verursacht“. Aber nun „verabschieden wir uns voneinander“.

„Wetten, dass...“ in Zahlen und Fakten

  • Das erste Bühnenbild für „Wetten, dass ...?“ entwarf Frank Elstner 1981 beim Skifahren in St. Moritz gemeinsam mit einer großen Künstlerin. Es wurde nie verwirklicht, hängt als Entwurf aber bis heute in seinem Büro. Der Name der Künstlerin: Niki de Saint Phalle.
  • Bei der Premiere am 14. Februar 1981 war Frank Elstner 38 Jahre alt. Thomas Gottschalk war bei seiner Premiere 37, Wolfgang Lippert 40 und Markus Lanz 43 Jahre alt. Zu Gast waren in der ersten Sendung Curd Jürgens, Barbara Valentin, Hermann Prey und Engelbert.
  • Häufigste Wettpatin war mit zehn Einsätzen Iris Berben (Bild).
  • Häufigster Gastmusiker war mit 17 Auftritten Peter Maffay (Bild), gefolgt von Udo Jürgens (15), Herbert Grönemeyer (14) und Joe Cocker beziehungsweise Robbie Williams (jeweils 9).
  • Zusammengerechnet haben 3,16 Milliarden Zuschauer alle 214 Ausgaben der Show gesehen. 151 Shows gab es mit Thomas Gottschalk, 39 mit Frank Elstner, neun mit Wolfgang Lippert und (inklusive dem Finale) 15 mit Markus Lanz. Legendär sind die Überziehungen der Sendezeit: Insgesamt wurden bis einschließlich 5. April 2014 genau 4325 Minuten überzogen.
  • Am häufigsten zu Gast war die Show in Basel und Saarbrücken (jeweils zwölfmal), gefolgt von Berlin (10), Düsseldorf und Offenburg (jeweils 9), Hannover und Bremen (jeweils 8) sowie Duisburg und Erfurt (jeweils 7).
  • Bagger kamen in 38 Wetten zum Einsatz, nur Autos waren häufiger an der Reihe (69-mal).
  • Nicht angenommene Wettvorschläge waren unter anderem diese: „Wetten, dass ich sechs von 20 Zigarettenmarken nur durch Knutschen mit der betreffenden Raucherin erkennen kann?“ (Thomas U. aus M., 1989), „Wetten, dass ich fünf von sechs ertrunkenen Fliegen, die 30 Minuten unter Wasser waren, wieder zum Leben erwecken kann?“ (Dieter B. aus W., 2004), „Wetten, dass wir den Gehalt an Frostschutzmittel im Kühlerwasser durch Schmecken bestimmen können?“ (Thomas Z. und Wolfgang D. aus L.,) und „Wetten, dass Herr S. mit dem Augenhöhlenknochen eine Bierflasche öffnen kann?“ (Detlef F. aus N., 1999).

Das ZDF habe „Sorge, dass ich bei meinem Ritt in den Sonnenuntergang den Gaul gleich mit um die Ecke bringen könnte“, sagte Gottschalk damals keck. Aber natürlich hatte auch Gottschalk längst zu kämpfen. Mit den Quoten, mit sich, mit den Grenzen der Unterhaltung. Man kann nicht mehr einfach Miley Cyrus einladen, um damit Ruth Maria Kubitschek auszugleichen. Gewöhnt an die passgenaue Instantbefriedigung seiner medialen Bedürfnisse harrt der Entertainmentkonsument 2014 nicht mehr aus, bis etwas Interessantes kommt. Sondern sucht es sich selbst. Sofort. Immer. Überall. „Das Schwinden der alten Bindemasse enspricht der gesellschaftlichen Entwicklung mit rasanter Individualisierung“, sagt Uwe Kammann, Direktor des Grimme-Instituts. Die Konsensmaschine Fernsehunterhaltung ist kaputt.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen versucht bis heute, im Gewitter von Milliarden YouTube-Clips die große Versöhnungssehnsucht der Deutschen zu befriedigen. Mögen sich anderswo aufgerüschte Teenager in Bikinis beschimpfen lassen oder Kettenraucher anschreien – solange Iris Berben irgendwo erzählt, dass sie keine Angst vorm Älterwerden hat, ist die Welt noch in Ordnung. Ist sie aber nicht. Die Erlebniswelten im 21. Jahrhundert sind sauber getrennt in „jung“ und „alt“, in „schlau“ und „nicht so schlau“, in „ironisch“ und „ironiefrei“. Und der Sonnabend ist inzwischen der schwächste Fernsehtag der Woche. Die ARD ist mit ihren Tier- und Kinderquizshows auf den Donnerstag umgezogen. Einzig Florian Silbereisen hält für die immobilere Zielgruppe sonnabends die Stellung.

Gerade hat das ZDF eine neue Spielshow mit Johannes B. Kerner angekündigt, in der Brettspielklassiker die Hauptrolle spielen. Das ist Neobiedermeier in Reinkultur – und klingt verzweifelt. Im Spaßsender Pro7 loten Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf die Geschmacksgrenzen aus. Der Versuch der beiden ewigen TV-Hoffnungsträger, mit einem Mutprobenableger ihrer Pro7-Sause „Circus HalliGalli“ eine neue Samstagabendshow zu etablieren („Mein bester Feind“), ging gerade schief: Nur 1,4 Millionen Menschen sahen zu. „Wer ist jetzt moralisch verdorbener?“, fragte Heufer-Umlauf während der Show, als sich ein Kandidat unter Gruppendruck tätowieren ließ. „Wir, die wir das hier machen? Oder Sie, die sich das angucken?“ Postmodernes Fernsehen nimmt sich nicht ernst.

Und bei ARD und ZDF? Retrofernsehen also? Zurück in die Zukunft? Die ARD schickt gerade einen Klassiker nach dem anderen in eine neue Runde: „Dalli Dalli“, „Geld oder Liebe“ und – schon vor Längerem – „Am laufenden Band“. Darin sang Silbereisen in Kunstschneekulisse die schöne Zeile: „Ein Land ist tief gesunken, das sich nur nach dem Schnee von gestern sehnt.“

Im beschönigenden Weichzeichner der Wehmut mag „Wetten, dass ...?“ zum Inbegriff des Illusionsmediums Fernsehen werden, zur inbrünstig verehrten Versöhnungsfeier der Generationen. Und tatsächlich bleibt Identitätsstiftung ja ein gefragter Wert in diesen Zeiten. So gut aber, wie die Show im Rückblick aussehen wird, war sie nie.

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