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Nachrichten Medien Ein zartes Liebeslied berührt Europa
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17:32 14.05.2017
Leise Töne: Mit einem zarten Liebeslied verzauberte der Portugiese Salvador Sobral das ESC-Publikum.  Quelle: dpa
Kiew

 Es ist, als habe sich der zerstrittene Kontinent nach einem solchen Moment der Ruhe gesehnt. Nach 180 Sekunden Andacht und schlichter Schönheit nach all dem Geschrei der letzten Monate. Mit seinem leisen, verrätselten Liebeslied „Amor Pelos Dois“ (Liebe für zwei) hat Salvador Sobral aus Portugal beim Eurovision Song Contest in Kiew Europa direkt ins Herz getroffen. „Wir leben in einer Welt von Fast-Food-Musik“, sagte der 27-Jährige am Sonnabend vor 120 Millionen TV-Zuschauern. „Musik ist aber kein Feuerwerk, Musik ist Gefühl, sie bedeutet etwas.“ Sein Sieg ist ein Triumph der Zartheit über die musikalische Brachialität.

Zwischen all den glutvollen Diven, hochgeschnallten Brüsten, Pferdeköpfen, Wasserplatschern, halbnackten Partyjungs und Eurobeat-Stampfsongs steht da ein scheuer, fusselhaariger Portugiese mit Zopf und zauberhafter Kinderstimme, ein musikalischer Märchenerzähler, der mit seinem melancholischen, berührenden Auftritt wie ein verletzliches Wesen von einem anderen Stern wirkte. Seit 1964 trat Portugal beim ESC an, nie kam es in die Top Fünf. 758 Punkte bekam Sobral am Sonnabend. Er blieb trotzdem die Ruhe selbst. „Heute gewinnst du, morgen kennt dich niemand mehr“, sagte er nachts um zwei mit leiser, hoher Stimme. „Ich habe noch nie einen Song geschrieben, damit er im Radio gespielt wird.“ Es ist sein Credo: Erfolg ist flüchtig, der Zauber der Kunst bleibt ewig. Leise ist das neue Laut.

Wer ist Salvador Sobral? Der gebürtige Lissabonner, am 28. Dezember 1989 in eine alte portugiesische Adelsfamilie geboren, brach sein Psychologiestudium ab, um Musiker zu werden. Die Familie verbrachte einige Jahre in den USA, nach der Rückkehr studierte er Jazz an der renommierten Akademie „Taller de Musics“ in Barcelona. Seine großen Inspirationen: die 1988 verstorbene Jazzlegende Chet Baker und der brasilianische Bossa-Nova. Sein Siegersong stammt aus der Feder seiner zwei Jahre älteren Schwester Luisa, ebenfalls Jazzmusikerin. „Ich konnte jedes Wort des Liedes in seinen Augen lesen“, sagt die 29-Jährige nach der Show. Zum Finale, nach seinem Sieg, teilte sie die Bühne mit ihm, in ersten Proben vertrat sie ihn auch mal. Er hat eine Herzkrankheit, er spricht nicht gern darüber. 2016 erschien sein erstes Album „Excuse Me“. „Meine Hoffnung ist, dass die Menschen wieder zuzuhören lernen“, sagt er. „Aber sie hören nur Radio, wo dir die Lieder 16-mal am Tag vor die Füße geworfen werden, bis du sie magst.“ Ein portugiesischer Nationalheld aber möchte er nicht sein: „Das ist schon Cristiano Ronaldo.“ Quelle: dpa

Levina: „Ich habe mein Bestes gegeben“

100 Meter entfernt steht die Deutsche Levina hinter den Kulissen und lächelt tapfer. Eine historische Pleite, schon wieder. Fünfundzwanzigster Platz. Vorletzter, ein Punkt vor Spanien. Insgesamt sechs Punkte gab es, drei von den Jurys (danke, Irland), drei vom Publikum (danke, Schweiz). „Natürlich bin ich sehr traurig“, sagt sie. „Ich habe mein Bestes gegeben, aber damit haben wir nicht gerechnet.“ Sie hat geweint hinter der Bühne, die Tränen sind getrocknet, aber eine Erklärung hat niemand aus der deutschen Delegation. Dabei liegt die nahe: Zu egal, zu wenig unvergesslich war Levinas kreuzbraver Popsong „Perfect Life“.

Nach zwei letzten Plätzen und der Pleite von Kiew müsste auch dem NDR-Team mal ein Licht aufgehen: Der ESC entfernt sich von solidem Mainstream-Pop. Das Publikum goutiert Originalität und Glaubwürdigkeit mehr als alles andere. Wer hier siegen will, muss etwas riskieren, muss Herzblut investieren, seine Persönlichkeit einbringen. Wie Conchita Wurst. Wie Jamala mit „1944“. Wie die 17-jährige Belgierin Blanche („City Lights“), die mit ihrer tiefen, warmen Lana-Del-Rey-meets-Lorde-Stimme Vierte wurde. Und wie Salvador Sobral, der Sieger, dessen Name „Erlöser“ bedeutet.

„Eine herbe Enttäuschung“

Mit Perfektion, Solidität und deutscher Gründlichkeit ist hier kein Blumentopf zu gewinnen. „Für uns ist das eine herbe Enttäuschung“, sagte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber. „Das Lied hat sich nicht nach Europa transportiert. Das Ergebnis müssen wir akzeptieren, aber ich finde es auch ungerecht für das, was Levina geleistet hat.“

Herbe Enttäuschung: Mit dem schlechten Abschneiden der deutschen ESC-Hoffnung Levina hatte wohl kaum einer gerechnet. Quelle: dpa

Ungerecht? Der ESC ist kein Gerichtshof. Das europäische Publikum unterliegt keinerlei Gerechtigkeitsverpflichtungen. Es wählt einfach, was es mag. Es mochte Geist statt Glamour. Das deutsche Publikum habe sich im Vorentscheid mit Zweidrittelmehrheit für dieses Lied entschieden, sagt Schreiber. Das stimmt – allerdings hatte es auch nur die Wahl zwischen zwei mittelguten Songs. Wenn diese beiden Durchschnittswerke das Ergebnis einer internationalen Suche waren, dann stimmt etwas mit dem Suchverfahren nicht. Oder mit dem Mut der Verantwortlichen, ins Risiko zu gehen. Oder mit ihrem Mangel an Gefühl für diese spezielle Show.

Rückzugsforderungen laufen ins Leere

Portugal machte es vor: Der nationale Sender rief mit dem festen Vorsatz, etwas zu verändern, die besten Komponisten des Landes auf, ein Lied zu schreiben, das beim ESC herausragen würde. Das Ergebnis war „Amor Pelos Dois“ aus der Feder von Sobrals Schwester Luisa, einer etablierten Songwriterin.

Und jetzt? Die reflexhaften Forderungen nach Rückzug Deutschland und einem Ende des finanziellen Engagements gehen ins Leere. Der ESC ist billiger als jede Quizshow am Donnerstagabend. Der ESC kostet die ARD weniger als 500.000 Euro pro Jahr. Soviel kosten 30 Minuten eines „Tatorts“. Und Stefan Raab, der deutsche „Erlöser“? Lässt sich sicher gern feixend als potenzieller Retter feiern, ist aber im Ruhestand.

7,76 Millionen Zuschauer in Deutschland sahen den ESC, das sind 1,57 Millionen weniger als 2016. Bei Lenas zweitem Auftritt 2011 hatten noch mehr als 14 Millionen eingeschaltet.

Die Konsequenz dürfen nicht halbnackte Rapper sein

„Das Besondere, das Spezielle“ will Schreiber im kommenden Jahr suchen. Ist das nicht selbstverständlich? Die Konsequenz freilich darf nicht sein, jetzt mit Dudelsack, Alphorn, Ethnotrommeln, halbnackten Rappern, Waschweibern und Eiskunstläufern anzutreten. Es würde schon helfen, die Biederkeit abzustreifen und auch dem deutschen Publikum im Vorentscheid mal etwas zuzumuten. Es ist durchaus in der Lage, blitzartig ein Phänomen zu erkennen, wenn es eines sieht. Es hat Lena gewählt.

Der gerade Mal 17-jährige Quelle: AP

Auf Platz zwei landete der erst 17-jährige Bulgarier Kristian Kostov mit seiner Elektronummer „Beautiful Mess“ (615 Punkte). Die drei moldawischen Rat-Pack-Tänzer vom SunStroke Project holten sich mit dem Partysong „Hey, Mamma“ Platz drei (374 Punkte). Der Italiener Francesco Gabbani dagegen, über Wochen haushoher Favorit des Wettbewerbs, musste sich am Ende mit Platz sechs begnügen, noch hinter Schweden. Dem Kontinent war nicht nach Party. Norwegens Daft-Punk-Elektropopnummer mit Seppelhut (Platz 10) holte die Topwertung der deutschen Jury. Erfreulich gut kam der ungarische Roma Joci Pápai („Origo“) an. Sein Song war ein bunter Folklore-Zirkus-Rap-Mix inklusive Blechkannentrommelei und schmerzvoller Bauchtänzerei (Platz 8).

Blieb hinter den Erwartungen zurück: Quelle: AP

Hochpolitisches Popereignis – am Ende siegt der Künstler

Der ESC 2017 war hochpolitisches Popereignis, bei dem der Geist Putins immer über den Wassern schwebte. Die Abwesenheit Russlands ist ein Desaster für die Europäische Rundfunkunion EBU. Im Juni, wenn das Glitzerkonfetti zusammengefegt ist, wollen die Verantwortlichen über Sanktionen entscheiden. Denkbar, dass sowohl Russland (für die Nichtübertragung des ESC im Fernsehen) und die Ukraine (für die Hartherzigkeit beim Einreiseverbot für die Russin Julia Samoilowa) der Zorn der EBU trifft.

Aus dem plüschigen Schlagerfestival von einst ist längst eine Leistungsshow für zeitgenössischen Pop mit politischem Grundrauschen geworden – von einzelnen putzigen Skurrilitäten abgesehen: seifig grinsenden Muskelprotzen (Israel), überdrehten Hardrockern (Ukraine), jodelnden Rumäninnen und diversen Tülldiven mit dünnem Nerven-, dafür aber umso pompöserem Bühnenkostüm.

Der ESC hat seine eigenen Gesetze. Und eines davon lautet offenbar: Die Bereitschaft eines Interpreten, sich vollständig zum Horst zu machen, ist nicht zu unterschätzen. Am Ende aber siegt der Künstler. „Wer mag es nicht, Liebe zu spüren?“, fragt Sobral in der Nacht von Kiew. „Ich wollte gar nicht gewinnen. Ich wollte ein schönes Lied singen.“ Das hat er getan.

Von RND/Imre Grimm

Nach der Doppelpleite für Deutschland in den Vorjahren hat das Publikumsinteresse am Eurovision Song Contest gelitten. 7,76 Millionen Zuschauer verfolgten am Samstag bis weit nach Mitternacht die Show (Marktanteil: 31,5 Prozent). Zum Vergleich: Bei Lenas Sieg 2010 waren es etwa 13,9 Millionen.

14.05.2017
Medien Eurovision Song Contest - Portugals Liebeslied berührt Europa

Ein 27-jähriger Melancholiker entzückt einen ganzen Kontinent: Salvador Sobral aus Portugal hat mit seinem zarten Liebeslied „Amor Pelos dois“ den Eurovision Song Contest 2017 in Kiew gewonnen. Und Deutschland? Erlebte eine historische Pleite. Kleiner Trost: Levina wurde mit „Perfect Life“ diesmal nicht Letzte.

14.05.2017

26 Länder kämpften beim Eurovision Song Contest in Kiew um den Sieg. Portugal hat das Rennen um Europas Musik-Thron gemacht. Die deutsche ESC-Hoffnung Levina landete auf dem vorletzten Platz. Alle Ereignisse des ESC-Finales können Sie in unserem Liveticker noch einmal nachlesen.

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