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Medien Einblicke in eine abgeschottete Welt
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15:56 18.10.2016
Sin Mi, ein Mädchen aus Nordkorea, gewährt Einblicke in das vom Regime gesteuerte Leben. Quelle: MDR
Hannover

Wie dreht man eine Dokumentation in einem Land der Inszenierung? Wie soll man vom Alltag der Nordkoreaner erzählen, wenn die Regierung ausländische Journalisten auf Schritt und Tritt begleitet und ihnen ein Drehbuch für den Film vorlegt? Jeder Satz ist dort festgeschrieben. Geskriptete Realität mal auf ganz andere Weise. Vitalij Manskij, dem Macher der ARD-Dokumentation „Inside Nordkorea“, ist es trotz dieser ungewöhnlichen Rahmenbedingungen gelungen, etwas über dieses Land zu erzählen. Indem er die Inszenierung offen legt.

Da wird zum Beispiel eine Szene am üppig gedeckten Frühstückstisch gezeigt, die laut der Stimme aus dem Off mit dem Vorteil aufräumen soll, in Nordkorea sei die Nahrung knapp. Die von den nordkoreanischen Behörden ausgesuchte Vorzeigefamilie aus der Hauptstadt Pjöngjang erlebt einen scheinbar ganz normalen Morgen. Der Vater sagt zur achtjährigen Tochter Sin Mi, die im Zentrum des Films steht: „Iss mehr Kimtschi, das ist unser Nationalgericht.“ Sie entgegnet, und es klingt gar nicht mal so sehr aufgesagt: „Und Kimtschi ist gut gegen das Altern und gegen Krebs.“ Gut geschauspielert. Die Eltern lachen.

Dann kommt ein Mann ins Bild und sagt ihnen, sie sollten noch fröhlicher lachen. Alles nur Inszenierung. Mit jeder neuen Wiederholung wird die Situation absurder. Und dann hört man auch noch, wie der Mann sagt: „Fühlt euch ganz wie zu Hause.“ Offenbar wurde die Familie für den Film in eine schönere Wohnung verfrachtet. Dieser Chefpropagandist geistert wie ein Mephisto durch den Film. Er flüstert dem Vater ins Ohr, welche Verbesserungen er an seinem – laut Sprecher – offensichtlich nicht echten Arbeitsplatz ankündigen soll. Und er treibt die jungen Tänzerinnen rund um Sin Mi an, die für einen Feiertag üben: „Tanzt patriotischer!“

Die großen Führer überragen alles und Jeden. Die Stauen von Kim Il-sung und Kim Jong-il in Pjöngjang. Quelle: MDR

Bislang kennt der deutsche Fernsehzuschauer Nordkorea vor allem von protzigen Militärparaden und absurden Drohgebärden des Machthabers Kim Jong-un. Dieser Film erzählt quasi vom Unterbau, von den Menschen, die diese Inszenierung mittragen. Die melancholische und wunderschöne Geigenmusik, die heimliche Aufnahmen aus dem Hotelfenster unterlegt ist, scheint zu fragen: Was denken diese Leute, die in der Regel keinen Zugang zum Internet haben? Welche Rolle könnten sie in der Welt spielen, wenn sie eine demokratische Regierung hätten? Besteht ihr Lebensinhalt wirklich darin, wie das Drehbuch souffliert, die schönste Begonie für den „Tag des leuchtenden Sterns“ zu Ehren des verstorbenen Staatschefs Kim Jong Il zu züchten? Gleichzeitig wirken die wenigen Aufnahmen jenseits des Drehbuchs bisweilen beliebig – zwangsläufig, denn der Filmemacher hatte keine Wahl.

Der Kopf des Regimes: Kim Jong-un gibt in Nordkorea die Richtung vor. Quelle: afp

Eine Familie steht im Mittelpunkt des Films, deshalb wirkt die völlige Abwesenheit von Privatheit noch einmal so gruselig. Der authentischste Augenblick ist noch das Gähnen eines Schulkindes angesichts eines Veteranen, der vom Krieg gegen die Amerikaner erzählt und den Grundschülern stolz berichtet, wie viele Flugzeuge er abgeschossen habe und wie bereit die Nordkoreaner zum Sterben für ihr Land seien. Indoktrination beginnt früh. Bei der feierlichen Aufnahme von Sin Mi und ihrer Mitschüler als Jungpioniere denkt der Zuschauer unwillkürlich an ähnliche Zeremonien in der ehemaligen DDR.

Sin Mi und ihre Eltern legen am Denkmal des „Großen Führers“ feierlich Blumen nieder. Quelle: MDR

Ein Jahr lang hat Manskij die Familie begleitet. Während dieser Zeit ist es ihm nur ein einziges Mal gelungen, ohne Aufpasser eine Frage an Sin Mi zu stellen. Das direkte Ansprechen der Familie war sonst verboten. Als er sie fragt, was die Aufnahme als Jungpionierin ihr bedeute, fällt ihr als Erstes ein, dass sie jetzt als Erwachsene für ihre Fehler einstehen müsse. Und dass sie darüber nachdenke, was sie noch für ihr Land tun könnte. Dann fängt sie an zu weinen. Sie beruhigt sich erst wieder, als sie ihren Pionierschwur aufsagt: Rezitation hilft gegen Ohnmachtsgefühl.

Und wenn man sich als Zuschauer fragt, was wohl mit dieser Familie geschieht, wenn die Behörden diesen Film zu sehen bekommen, dann merkt man, wie wirkungsvoll diese Inszenierung ist.

„Inside Nordkorea“, Mittwoch, 22.45 Uhr, ARD

Von Nina May

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