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17:34 29.05.2017
Frische Wäsche: Arte hat seinen Kulturbegriff modernisiert – leidet aber weiter am elitären Ruf. Quelle: Foto: dpa
Straßburg

Das Beste an 3sat, hat Tote-Hosen-Sänger Campino mal gestänkert, sei die Wiederholung des „ZDF-Sportstudios“ in der Nacht zum Sonntag, nach der Kneipe. Man muss nicht alles mögen, was der spießig gewordene Ex-Punk und Rockschlagersänger so treibt, aber da hat er leider recht. 3sat ist inzwischen so alt wie Jesus – knapp 33 Jahre – und kämpft noch immer erfolglos gegen sein Image als verplombtes Bildungsbiotop, das mit dem schleichend verzauselnden Gerd Scobel, einer gewissen Dickfelligkeit und randständigen Dokus konsequent an der breiten Masse vorbeisendet. Kaspische Seegurkentaucher? Balinesische Schamanen? Italienische Betonbaukunst der Gegenwart? Jemand?

Ganz anders Arte. Dem Schwestersender im Geiste ist etwas gelungen, was im Kulturfernsehen undenkbar schien: Er bemüht sich erfolgreich um Niedrigschwelligkeit, ohne seinen Anspruch aus den Augen zu verlieren. 25 Jahre alt wird der deutsch-französische Kultursender heute. Die Pubertät ist längst ausgestanden, die Zeit putziger Elemente ist vorbei. (1993 sendete man am Hauptabend mal 90 Minuten lang ein grünes Bild. Warum? Weil man es konnte.) Inzwischen ist Arte unter TV-Connaisseuren eine feste Größe. Mit relevanten Magazinen, mit Serienperlen abseits des Mainstreams, mit einer stolzen Erstausstrahlungsquote von 75 Prozent, mit den Themenabenden, den Sommer-Specials („Summer of Love“) oder dem dämmrig-zauberhaften Flaneursformat „Durch die Nacht mit ...“, das in seinen besten Momenten intime Wahrheiten liefert, wie sie nur die Nacht gebiert.

Das umgekehrte McDonald’s-Prinzip

Die Arte-Mediathek ist mit 28 Millionen Videoabrufen pro Monat eine der erfolgreichsten öffentlich-rechtlichen Mediatheken überhaupt. 3sat dagegen rutscht höchstens ins Bewusstsein, wenn mal wieder ein Feiertagskonzertmarathon ansteht. Shakira. Depeche Mode. Roxette. Und dann wieder: Scobel. Vom Sprachvorteil profitiert 3sat kaum – der Marktanteil bewegt sich auf Arte-Niveau.

Sind 3sat und Arte Fernseh-Feigenblätter? ARD und ZDF verweisen kühl auf ihre Kulturableger, wenn mal wieder jemand jammert, sie würden ihren Kulturauftrag vernachlässigen. Was wollt ihr denn, heißt es dann. 3sat zeigt sogar Oper und Theater. Und Tanz! Und Ballett! Wo gibt’s denn das noch? Man könnte allerdings genauso gut fragen: Warum eigentlich? Welche 3sat-Show nimmt Pop mal so ernst wie Klassik? Und wer stürzt mal den Götzen Theater? Bei 3sat scheint man gelegentlich zu glauben, dass Kultur nur „gültig“ ist, wenn keiner zuguckt, und schwurbelt vom „Abenteuer Denken“. Arte dagegen hat seinen Kulturbegriff modernisiert. „Wir haben akzeptiert, ein bisschen ein Sender wie die anderen zu sein“, sagt Sprecherin Claude-Anne Savin. Dennoch ist es mit beiden Sendern wie mit McDonald’s, nur umgekehrt: Finden alle prima, dass es das gibt, aber kaum jemand guckt zu.

Ein Fernsehgerät! Igitt!

Das Bildungsbürgertum – eine schwierige Zielgruppe nicht bloß für Fernsehschaffende – rechtfertigt mit der gelegentlichen naserümpfenden Kenntnisnahme des Arte- und 3sat-Programms gern Besitz und Verwendung eines (igitt!) Fernsehgerätes. Aber während 3sat in trotziger Selbstaufopferung weiter diejenigen umwirbt, die gar nicht fernsehen wollen, ist man bei Arte gar nicht so überzeugt davon, dass gutes Kulturfernsehen zwingend Nischenfernsehen sein muss. Dann läuft eben auch mal – huch! – der Erotikfilm „Haus der Sünde“, in dem es überwiegend um, nun ja, körperliche Grenzerfahrungen geht, sicherlich eingebettet in einen aufklärerisch-analytischen Kontext. Aber das war der „Schulmädchenreport“ damals ja auch.

Schon seit 1984 hatte der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth die Idee eines europäischen Kulturfernsehens bewegt. Beim französischen Kulturminister Jack Lang rannte er damit offene Türen ein. Als Arte vor 25 Jahren um 17 Uhr mit Wim Wenders’ Spielfilm „Der Himmel über Berlin“ auf Sendung ging, war die Skepsis allerdings groß. Ein deutsch-französischer Sender, geboren als politisches Herzensprojekt älterer Herren mit Kriegserfahrung, mit feierlichem Pathos zum völkervereinigenden Großprojekt hochgejazzt. Nun ja.

Start als elitäre Kopfgeburt

Arte sollte nicht weniger als „europäische Kulturräume schaffen“, „Verständnis und Annäherung der Völker Europas fördern“, eine „gemeinsame, grenzüberschreitende Geschichte schaffen“ und so weiter. „Die Mission von Arte, die Annäherung zwischen den Menschen in Europa zu stärken, war nie so aktuell wie heute“, sagt der aktuelle Arte-Präsident und SWR-Intendant Peter Boudgoust. Das Staatstragende, das Schwerblütige umfloren den Sender, seit Helmut Kohl und François Mitterand am 2. Oktober 1990 – einen Tag vor der deutschen Wiedervereinigung – die Gründungsurkunde unterzeichneten. Arte sollte zum Sprungbrett für eine europäische Öffentlichkeit werden, zum multilateralen Denkraum, dem sich nach und nach andere Länder, Sprachen Kulturen anschließen würden. Das klang schon sehr nach einer elitären, politischen Kopfgeburt.

Am Ende zerschellten die optimistischen paneuropäischen Blütenträume an der ganz profanen Realität. An der Tatsache, dass Europa ein extrem heterogenes Gebilde ist, dass sich mit ein bisschen TV-Tünche kaum homogenisieren lässt. Oder ganz profan an der Tatsache, dass für Deutsche der TV-Hauptabend traditionell um 20.15 Uhr, für Franzosen hingegen um 20.55 Uhr beginnt. So sendet Arte jeweils zeitversetzt – nimmt also doch wieder Rücksicht auf nationale Eigenheiten.

Das Gute: Arte hat eine Programmfarbe gefunden, die Charme und Tiefe verbindet. Nennen wir sie berieselnde Bildung. Eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit aber bleibt eine Illusion.

Von Imre Grimm

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