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Medien „Unterwerfung“ – einer der besten Filme des Jahres läuft heute im TV
Nachrichten Medien „Unterwerfung“ – einer der besten Filme des Jahres läuft heute im TV
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19:37 06.06.2018
Mephisto-Szene: François (Edgar Selge, rechts) hängt an den Lippen von Robert Rediger (Matthias Brandt), dem neuen Präsidenten der Pariser Universität. Dieser möchte, dass François seine Lehrtätigkeit an der neuen islamischen Universität aufnimmt. Quelle: ARD
Berlin

Es gibt auf deutschen Bühnen eine Menge Dramatisierungen von Filmen und Büchern. Es kommt allerdings nicht oft vor, dass eine Theaterinszenierung zur Vorlage für einen Fernsehfilm wird. Die ARD hat das Experiment gewagt – mit grandiosem Ergebnis: Regisseur und Drehbuchautor Titus Selge wechselt in seiner Verfilmung von Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ zwischen herkömmlichen Filmszenen und Karin Beiers erfolgreicher Adaption am Hamburger Schauspielhaus. Diese Dramaturgie passt zum Stoff, weil es auch bei Houellebecq um Perspektiven und mediale Deutungen geht.

Der französische Skandalromancier beschreibt in seinem Bestsellerroman aus dem Jahr 2015, wie der muslimische Politiker Abbes im Jahr 2022 zum Präsidenten wird. Kaum an der Macht, kündet er den Laizismus auf, führt Patriarchat und Polygamie ein. Der Autor überspitzt hier einerseits die in Europa grassierende Furcht vor Islamisierung, thematisiert gleichzeitig aber auch das Erstarken der Rechten. Denn gemäßigte Kräfte sprechen sich in der Fiktion nur deshalb für Abbes aus, damit in der Stichwahl nicht Marine Le Pen von dem rechten Front National gewinnt.

Video von der Theaterinszenierung

Bekannt wurde der Roman auch deshalb, weil einen Tag nach dem Erscheinen der blutige Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ verübt wurde, das Houellebecq sein Titelbild gewidmet hatte.

In Theaterstück wie Film spielt Edgar Selge, Onkel des Regisseurs, die Hauptrolle des Literaturprofessors und Erzählers François. Zeitweise mimt er auch sich selbst als Schauspieler, der aufgrund der Brisanz des Stückes einen Terroranschlag befürchten muss. Einstweilen wird ihm auf dem Weg ins Theater jedoch nur das Portemonnaie entwendet – mutmaßlich von einer Gruppe junger Männer mit ausländischem Akzent. Das ist eine herrlich ironische Anspielung auf die Hysterie, Angststimmung und Islamophobie, die auch im Zentrum des Skandalromans von Houellebecq steht.

Der ARD-Film „Unterwerfung“: Eine Mischung aus Theaterstück und normalem Film

Beiers karge Bühne, die von einem Loch in Kreuzform geprägt wird, steht für die Leerstelle des Glaubens, der bei Islamismus und Angst vor Muslimen gleichermaßen kaum eine Rolle spielt. Dieses konzentrierte Symbol wird im Film kontrastiert mit geradezu kitschigen Paris-Szenen mit Rotwein und Straßencafé. Wenn Selge in den Theaterszenen als Solospieler auf der Bühne steht, kann der Zuschauer ihm quasi in den Kopf schauen, während er in den Filmszenen von außen auf ihn blickt. So wirkt es bisweilen, als kommentiere François sein eigenes Tun – mit oft komischer Wirkung.

Fragwürdiges Frauenbild

Houellebecq hat sich seinen Ruf als Enfant terrible der französischen Literatur mit seinen exzessiven Sexszenen erschrieben. Mit „Unterwerfung“ handelte er sich viel Kritik wegen des fragwürdigen Frauenbildes ein. So fragt François sich, ob das mit dem Wahlrecht für Frauen so eine gute Sache war. Er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seine Geliebten aus seinem Studentinnenkreis am Ende des Semesters abzuservieren.

Eine der besten Szenen des Films ist es, wenn Selge mit dem neuen Präsidenten der Universität (Matthias Brandt) über die Belohnung spricht, wenn er zum Islam konvertieren würde. Die Anzahl der Ehefrauen würde sich dann mehr oder weniger automatisch aus dem Gehalt ergeben, sagt Brandt trocken, und François findet die neue Gesellschaftsordnung plötzlich ganz attraktiv. Eine absurde, bitterböse Mephisto-Szene.

Andere TV-Experimente

Darf ein Bundeswehrpilot ein entführtes Flugzeug mit 164 Menschen an Bord abschießen, um 70 000 in einem Fußballstadion zu retten? Diese Entscheidung ließ die ARD das Publikum selbst fällen: Die Zuschauer durften sich zwischen zwei Enden der Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Werk „Terror“ entscheiden. Allerdings gab es auch Kritik, dass diese Frage unmoralisch sei.

Die „Tatort“-Folgen mit Ulrich Tukur changieren wie „Unterwerfung“ zwischen Theater und Film. Mit ihrer herausstechenden Dramaturgie und betörenden Poesie haben diese Krimiepisoden viele Fans. Allerdings gibt es auch eine Diskussion darüber, wie experimentell die Sonntagskrimis sein dürfen. may

Beier, Houellebecq und Selge mokieren sich über westliche Ängste und zeigen gleichzeitig, wie schnell Errungenschaften – etwa die Gleichstellung der Frau – anheimgegeben werden können. Edgar Selge brilliert auf Bühne und Bildschirm gleichermaßen. Eine Karikatur des mittelgroßen Mannes, der sich unterwerfen lässt. Im Anschluss an die Ausstrahlung diskutiert Sandra Maischberger mit ihren Gästen über das Thema.

Von Nina May/RND

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