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Nachrichten Medien Ein Ende mit Schrecken
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00:15 16.12.2014
Foto: Ein letztes Mal Plaudern auf der Couch: Lanz (2. v. l) mit Jan Josef Liefers, Helene Fischer und Ben Stiller. Quelle: dpa
Nürnberg

Am Ende schien es für einen Moment, als würde an diesem Abend in Nürnberg mindestens das gesamte deutsche Fernsehen seinen Dienst einstellen. Oder wenigstens das ZDF. Für immer. Fehlte nur noch, dass schwarz gewandete Mainzelmännchen zu den Klängen von „Ich bin ein Gast auf Erden“ das „Wetten, dass...?“-Logo in einem vergoldeten Sarg symbolisch zu Grabe trugen. „Das wird keine Trauerfeier“, hatte Markus Lanz zu Beginn der Endlosshow versprochen, in blauen Samt gewandet. Die Wette verlor er.

Denn spätestens, als Otto Waalkes und Michael „Bully“ Herbig mit einer halbimprovisierten „My Way“-Version zur Gitarre die Sendung ins Grab sangen („Für Markus Lanz ist heute Schicht / Wird er bezahlt? Ich hoffe nicht“), da bekam die Sache dann doch etwas Wehmütiges. Am Ende klatschte das Publikum im Stehen, Konfettiregen glitzerte golden, der Graf von Unheilig sang „Es ist Zeit zu gehen, wir werden euch im Herzen tragen“, und Lanz schickte die Show mit Bestattermiene in den Ruhestand: „Eine Ära geht zu Ende. Wir sind dankbar, dass wir Teil dieser Zeit sein durften.“

So vollgestopft war die Gästeliste, so aussichtslos der Versuch des Gastgebers, jedem gerecht zu werden, dass es wirkte, als wolle das ZDF auf jeden Fall überziehen – damit wenigstens ein vielzitiertes Alleinstellungsmerkmal des siechen ZDF-Klassikers auch im Finale zur Geltung kommt. „Wenn wir schon nicht mehr Europas größte Show sind“, scheinen sie in Mainz gedacht zu haben, „wenn wir die populärste Marke des hiesigen Unterhaltungsfernsehens in den letzten Jahren schon so pompös zerlegt haben, dann soll die Beerdigung wenigstens ein bisschen dauern“. Und zwar richtig dauern. Endergebnis um 23.48 Uhr: 63 Minuten Überlänge. Wenigstens das war noch wie früher.

Spätestens im Finale wurde einmal mehr klar, warum es dann doch auch mal gut ist mit dem müden Dampfer. Das Motto des Abends rappten die Fantastischen Vier geich zum Auftakt: „Im Moment fehlt die Vision / Aber irgendwas findet sich schon.“ Und es fand sich. Ein Siebenjähriger ließ sich von Hunden Leberwurst von der Hand lecken. Ein Parcours-Kletterer war schneller als ein Rennfahrer – und wurde letzter Wettkönig der Sendung. Ein Konzentrationskünstler zählte Buchstaben. Nur ein Bagger fehlte. Stundenlang wurden Archivfotos, Senfbäder, Verkleidungen, Buntstift- und Nacktskandale sowie in einem Clip einmal mehr (und hoffentlich zum letzten Mal in diesem Leben) ein nackter Armin Rohde zur Kenntnis genommen. Das zog sich. Irgendwann fragte Lanz dann Katarina Witt, wie das damals war, als noch echte Weltstars zu „Wetten, dass...?“ kamen. Und da lag dann fast ein Hauch Fatalismus in der Luft. 

Als die Komiker Otto, Elton und Michael „Bully Herbig“ ihre Wett-Tips diskutierten, kam es zu folgendem wunderschönen Dialog mit Lanz:

„Also zweimal Nein, einmal Ja, ja?

„Nein.“

„Ja.“

„Ist auch scheißegal.“

Und viel besser konnte man diese Show kaum zusammenfassen.

Erkennbar war die Absicht des ZDF, nicht die ganz große Geige auszupacken, sondern stattdessen über weite Strecken so zu tun, als sei nichts gewesen. Auch aus Gründen der Pathosvermeidung waren Thomas Gottschalk, Frank Elstner und Wolfgang Lippert nicht eingeladen. Aber eine kleine Idee, ein paar Überraschungen, ein bisschen Liebe zum eigenen Produkt hätte man sich als Zuschauer zum Abschied dann doch gewünscht. Stattdessen alles wie immer: ein routinierter US-Star Ben Stiller, der dann überraschenderweise auch bald wieder los musste. Eine nicht minder routinierte Helene Fischer mit Hosenanzug und Fliege - was insgesamt aussah, als wolle sie Bond-Girl und Bond gleichzeitig sein. Ein „wirklich total Blinder“ (Lanz) beim Puzzeln, der sich von Lanz anraunzen lassen musste („Du sollst dich hier nicht verquatschen“). Und alle Gäste (außer Ben Stiller) mussten selbstverständlich umfänglich referieren, wie sie damals als Kind im Frotteebademantel mit Salzstangen vor dem Fernseher im Kreis der Familie undsoweiterundsofort...

Ovationen im Stehen gab's dann für Samuel Koch, der seinen schweren Unfall bei „Wetten, dass...?“ 2010 mit Humor kommentierte: „Beim letzten Mal, als ich hier war, bin ich früher gegangen – ich hatte einen steifen Hals.“ Lanz' eher hilflosen Versuche, den querschnittsgelähmten Schauspieler zu seinem Gesundheitszustand zu befragen und dabei seine persönliche Bekanntschaft zu Koch zu betonen („Wir umarmen uns immer, wenn wir uns begegnen“), begegnete Koch eher zurückhaltend („Wie's mir geht? Das hast du mich doch gerade schon mal gefragt.“) Nein, sagte er, einen Sinn könne er in seinem Unfall nicht erkennen. Ganz still war's da in Nürnberg.

Am Ende bleiben Fragen über Fragen: In welcher Sendung trägt Katarina Witt künftig die Kleider ihrer Großmutter auf? Wen übersetzen die ZDF-Simultandolmetscher in Zukunft – und in welche Sprache? Wann kauft sich Helene Fischer endlich einen richtigen Texter („In den Adern Adrenalin / Im Kopf tausend Symphonien /Spiel' fair / Und sonst gibt's keine Regel“)? Und warum wurde selbst der große Olli Dittrich als Außenwettenreporter zu einem ironiefreien, hyperventilierenden Superlativlieferanten?

Es ist alles gesagt. Die Messe ist gelesen. „Wetten, dass...?“ ist tot, nach 215 Sendungen. Es wurde 33 Jahre alt. Genauso alt wie Jesus. Der dürfte so ungefähr der einzige Heilsbringer gewesen sein, der den todkranken Patienten noch hätte retten können. Und nun decken wir den Mantel des Schweigens über ein Kapitel Fernsehgeschichte, hören für alle Zeiten damit auf, Fernsehshows zum gesellschaftlich bedeutenden Weiheakt des Entertainment zu erhöhen. Und warten auf die nächste wirklich gute Showidee. Sie muss dann ja nicht bis 2048 halten.

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