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Warum Marge Simpson die Coolste ist

Die „Simpsons“ werden 30 Warum Marge Simpson die Coolste ist

Die berühmteste Cartoonfamilie der USA feiert Geburtstag – darauf einen Donut mit Zuckerguss und bunten Streuseln. Dazu: Barts schönste Tafelsprüche. Eine Verbeugung vor der gelben Bande und ihrer stillen Heldin Marge.

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Das berühmteste US-Quintett seit den Jackson Five: Marge, Lisa, Maggie, Homer und Bart Simpson.
 

Quelle: Fox

Springfield.  Man könnte ja meinen, Marjorie „Marge“ Simpson, geb. Bouvier, wohnhaft in 742 Evergreen Terrace in Springfield, hätte mit ihren 34 Jahren das Ärgste hinter sich: Sie war spielsüchtig. Sie hat als Polizistin ihren eigenen Ehemann verhaftet. Sie hat BHs verbrannt, sich in Ringo Starr verknallt und auch schon mal vor Homers Kumpels gestrippt, als sie damals statt der Fettabsaugung versehentlich zwei XXL-Brustimplantate bekam. Marge ist die Queen Mum all jener Mädchen, die viel cooler sind als ihr Ruf – von wegen nur Apfelkuchen und Kirchenkreis!

Doch all das genügte ihr nicht: Vor ein paar Jahren räkelte sie sich in blau-gelber Pracht auch noch auf dem Cover des US-„Playboys“. Nackt, wie Matt Groening sie schuf. Armer Bart: Man kann sich vorstellen, wie der fiese Nelson unter der Schulbank im „Playboy“ blättert und ihn dann anhähmt: „Haa-haa!“

Vom Pausenfüller zur Popikone

Für Marge und ihre Bande war’s ein langer Weg von schüchternen Pausenfüllern zu Popikonen: 30 Jahre und 28 Emmys nach ihrem Debüt sind die „Simpsons“ die am längsten laufende Animationsserie der TV-Geschichte – und das berühmteste US-Quintett seit den Jackson Five. Sie sind zugleich Spiegel, Kristallisationspunkt und Motor der westlichen Popkultur. „Die ,Simpsons’ haben die Bibel und Shakespeare als wichtigste Quellen für Sprichwörter und Redewendungen abgelöst“, sagt US-Linguist Mark Liberman. Bart stand auf der „Times“-Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten des Jahrhunderts. Die Entschlüsselung des Springfield-Universums ist eine eigene Kulturtechnik (Homer würde sagen: „Halt die Klappe, Gehirn, oder ich piekse dich mit ’nem Q-Tip!“). Ay, caramba!

Natürlich: Der Witz war früher schärfer. Nach 618 Folgen in 28 Staffeln geht es nicht ohne Ideenrecycling. Es wird enger zwischen „South Park“, „Family Guy“ und „American Dad“. Auch die „Simpsons“ leiden – wie alle Satiriker – darunter, dass der Wahnsinn die Wirklichkeit eingeholt hat. Im Jahr 2000 tauchte in der Folge „Barts Blick in die Zukunft“ Donald Trump noch als Quatschpräsident auf – inzwischen sitzt er im Weißen Haus. „Being right sucks“ („Recht gehabt zu haben, ist Mist“) schrieb Bart in der Folge nach der US-Wahl im Vorspann an die Schultafel. Und sicher war Homer früher mehr Dad mit Herz und weniger egoistischer Depp.

Biestig, faul, rebellisch, egoistisch

Aber noch immer ist die Show in ihren besten Momenten eine glänzende Abrechnung mit den Idealen des „American Way of Life“. Amerika im Zerrspiegel: korrupte Politiker, scheinheilige Prediger, doppelbödige Moral, marode Schulen, der Vater ein phlegmatischer TV-Junkie, der Sohn ein Satansbraten, der Supermarktbetreiber ein illegaler Einwanderer, der Arbeitgeber ein neoliberaler Sadist. Es sind die Frauen, die den Laden zusammenhalten: Ex-Hippie Marge und die politisch engagierte Lisa – aber sie stehen am Rand. „Nehmt nicht mich!“, ruft Homer, als Aliens ihn entführen wollen. „Ich habe Frau und Kinder! Nehmt die!“

Als die „Simpsons“ auftauchten, war Bill Cosby noch Amerikas größter Fernsehstar, geachtet und geliebt. Sie fluchten, sie lästerten, sie waren biestig, faul, rebellisch und egoistisch – und damit viel näher an der menschlichen Wahrheit als die süßen, grimmschen Zuckerprinzessinnen und tanzenden Zwerge aus dem Disney-Kosmos.

„Deutschland und Norwegen haben keinen Humor“

Serienerfinder Groening war ein arbeitsloser Comiczeichner und Gelegenheitschauffeur, als er Mitte der achtziger Jahre den Auftrag bekam, einen Pausenfüller für die damals erfolgreiche „Tracey Ullman Show“ zu entwickeln. Auf eine Humorkarriere hatte bis dato wenig hingedeutet. „Meine Mutter stammt aus Norwegen, die Familie meines Vaters aus Deutschland – das sind eigentlich die beiden humorlosesten Länder, die es gibt.“ Seine wackelig gezeichneten, glupschäugigen gelben Helden mit Überbiss und vier Fingern pro Hand (nur Gott hat fünf), spontan hingeworfen in 15 Minuten, lösten bei den Fox-Managern Skepsis aus. Doch das Publikum entschied anders: Aus der Notlösung wurde ein Klassiker.

Die Produktion einer einzigen Episode dauert sechs Monate. Allein die Sprecher verdienen pro Folge jeweils rund 450 000 Euro. In Deutschland hat sich Anke Engelke als neue Stimme von Marge aus dem Schatten der verstorbenen Elisabeth Volkmann gelöst. Christoph Jablonka als Nachfolger des 2015 gestorbenen Homer-Sprechers Norbert Gastell sucht dagegen noch nach dem guten Ton

Ihr Geheimnis ist: Sie lieben sich

Ganz sicher gehört Homer in die Galerie der größten sympathischen Verlierer der Cartoongeschichte – neben Donald Duck, Averell Dalton, Goofy und Charlie Brown. Homers Geheimnis, sagte Groening mal, sei, „dass er sich kopfüber in jeden impulsiven Gedanken stürzt, der ihm kommt“. Darin ähnelt er dem aktuellen US-Präsidenten. Auch der hält sich fern von Klugheit, Maß und Lehrsamkeit, würde dann aber vielleicht doch nicht mit einem glühenden Brennelement in der Hand aus einem Atomkraftwerk wanken. Obwohl: Weiß man’s? Trumps glühende Brennelemente heißen Tweets.

Das ist das kleine Geheimnis, das die gelbe (exakter Farbton: RGB-Wert 255/217/15) Bande zusammenhält: Sie lieben einander, auch wenn George Bush senior 1992 mal sagte, die Amerikaner sollten bitte „weniger sein wie die Simpsons und mehr wie die Waltons“, weil er absolut gar nichts verstanden hatte. Die „Simpsons“ sind die am besten funktionierende dysfunktionale Familie der Welt.

Der größte Witz aber ist, dass sie bei Fox laufen, ausgerechnet bei Fox, Rupert Murdochs giftig-galligem, rechtskonservativen US-Network, das sich durch eine nahezu einhundertprozentige Unfähigkeit zur Selbstironie auszeichnet. Trotzdem darf das „Simpsons“-Team auf Fox Entertainment schmerzfrei über den Schwestersender Fox News ablästern – und tut das mit Genuss, zum Beispiel mit einem fiktiven Nachrichtenticker: „Verursachen Demokraten Krebs? +++ Studie: 92 Prozent aller Demokraten sind schwul +++“

Drei Milliarden Dollar Einnahmen für Fox

Erfolg macht eben unangreifbar. Die ultimative Unterwerfungsgeste des Medienzaren Murdoch vor den gelben Anarchisten kam dann, als er zum Super Bowl als Cartoon-Gast auftrat: „Ich bin Rupert Murdoch, Tyrann und Milliardär.“ Das schaffen nur die „Simpsons“. Denn sie haben gute Argumente: Mehr als drei Milliarden Dollar soll die Springfield-Connection im Laufe der Jahre in die Fox-Kasse gespült haben.

„Wir geben uns immer wieder eine Wahnsinnsmühe mit den Dialogen und diesen superfeinen Anspielungen auf Filme und Bücher“, hat Groening mal gesagt. „Aber dann kriegt den größten Lacher doch Homer, wenn er nach seinem Bierchen rülpst.“ Darauf ein Duff-Bier. Und einen Donut mit Zuckerguss und bunten Streuseln.

Barts schönste Tafelsprüche

„I am not a dentist“

Aus: „Stark Raving Dad“ (Season 3, Episode 1)

„Goldfish don’t bounce“

Aus: „Duffless“ (Season 4, Episode 16)

„I do not have diplomatic immunity“

Aus: „Marge in Chains“ (Season 4, Episode 21)

„My butt does not deserve a website“

Aus: „Simpson Tide“ (Season 9, Episode 19)

„When I slept in class, it was not to help Leo DiCaprio“ (Inception)

Aus: „Elementary School Musical“ (Season 22, Episode 1)

„Nobody reads these anymore“

Aus: „The Parent Rap“ (Season 13, Episode 2)

„Science class should not end in tragedy“

Aus: „Skinner’s Sense of Snow“ (Season 12, Episode 8)

„I did not invent irish dancing“

Aus: „Bart Star“ (Season 9, Episode 6)

„I will not waste chalk“

Aus: „Bart The Genius“ (Season 1, Episode 2)

„I will not belch the national anthem“

Aus: „Principal Charming“ (Season 2, Episode 14)

„Snowmen don’t have carrot penises“

Aus: „Bart’s New Friend“ (Season 26, Episode 11)

Von Imre Grimm

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