Menü
Schaumburger Nachrichten | Ihre Zeitung aus Schaumburg
Anmelden
Medien Wie real ist „House of Cards“ (ohne Kevin Spacey)?
Nachrichten Medien Wie real ist „House of Cards“ (ohne Kevin Spacey)?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:46 31.10.2018
Plötzlich allein: Im Mittelpunkt der sechsten und letzten Staffel von „House of Cards“ steht Claire Underwood (Robin Wright) als US-Präsidentin. Quelle: Netflix
Niko Switek ist ein Experte für Politik in TV-Serien: Er hat ein Fachbuch mitgeschrieben, er forscht über die Folgen der Politdarstellung im fiktionalen Fernsehen. Zeigen Serien wie „House of Cards“ oder „Borgen“ die Politik, wie sie real funktioniert? Oder überzeichnen sie? Und was hat das für Folgen in der ganz realen Gesellschaft? Fragen zum Staffelstart von „House of Cards“:


Am Freitag beginnt die neue Staffel von „House of Cards“. Sie leben ja gerade in den USA. Welche Rolle spielt die Serie dort?

Es ist hier so etwas wie das Aushängeschild der Politserien. Mit ihrer ungewöhnlichen Art zu erzählen – etwa indem die vierte Wand durchbrochen und der Zuschauer in die Handlung mit einbezogen wird – hat sie viele Anhänger gefunden hat. Zudem richtet die Serie vor allem am Anfang mit der Hauptperson Frank Underwood als Mehrheitsführer ja den Blick in den Kongress, also das Parlament, und stellt weniger den Präsidenten in den Mittelpunkt. Das unterscheidet sie von vielen anderen Serien. Und mit jeder Staffel hat „House of Cards“ mehr Zuschauer gewonnen. Im vergangenen Jahr haben dann die Ereignisse um Kevin Spacey für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Aber trotzdem ist „House of Cards“ weiterhin eine der großen Politserien, anhand der man viel zeigen kann und die man sich auch als Politikwissenschaftler gut anschauen kann.

Was ist denn für Sie als Politikwissenschaftler so interessant, dass Sie ein ganzes Buch über Politik und Fernsehserien herausgegeben haben?

Zum einen liegt es nahe: Man selbst beschäftigt sich als Politikwissenschaftler mit Politik, und die Serie tut es auch. Da ist das Grundinteresse schon mal da. Man fragt sich: Wie arbeiten andere das Thema zu Unterhaltungszwecken auf? Uns ist zudem aufgefallen, dass Produktionen wie „House of Cards“ immer mehr an Tiefe und Qualität gewonnen haben. Wir haben den Eindruck, dass sich die Serienmacher immer intensiver von Politikberatern und Wahlkämpfern beraten lassen. Sie versuchen ganz offenkundig, näher an der Realität zu sein und gewisse Prozesse auch korrekter abzubilden, als das früher in Serien der Fall war. Die Serienmacher versuchen ganz offenkundig, näher an der Realität zu sein und gewissen Prozesse auch korrekter abzubilden.

Das ist Niko Switek

Der Politikwissenschaftler Niko Switek lehrt an der University of Washington in Seattle. Er ist Herausgeber und Mitautor des Buchs „Politik in Fernsehserien. Analysen und Fallstudien zu House of Cards, Borgen und Co.“ (Transcript, 402 Seiten, 39,99 Euro). Die finale Staffel von „House of Cards“ startet am Freitag. Im Mittelpunkt steht Claire Underwood (Robin Wright) als US-Präsidentin. Kevin Spacey ist nach den Missbrauchsvorwürfen nicht mehr als Frank Underwood dabei. Die Serie läuft bei Sky.

„Da werden aktuelle moralische Fragen verhandelt“

Man kann also dank Fernsehserien wie „House of Cards“, „Borgen“ oder „Marseille“ einen Blick ins politische Hinterzimmer werfen?

Das ist natürlich eine Möglichkeit, für die man die neuen Serien nutzen kann. Aber es ist auch immer ein bisschen Vorsicht geboten, weil die Serien zu Unterhaltungszwecken produziert sind: Es werden fiktive Charaktere eingeführt, fiktive Geschichten erzählt, und manchmal passiert auch ein Mord, den es in der Regel auf der Ebene nicht gibt. Wir haben zudem in unserem Buch festgestellt, dass Serien oft aufgreifen, was eine Gesellschaft gerade so umtreibt. Da werden durchaus aktuelle moralische, kulturelle, zeitgeschichtliche Fragen verhandelt. Ein gutes Beispiel dafür ist „24“, die zwar nur im weiteren Sinne ein Politserie ist, weil es ja in erster Linie um eine Terrorbekämpfungseinheit geht. Aber es spielt auch der US-Präsident eine wichtige Rolle. In dieser Serie sieht man, wie schwer sich ein verunsichertes, hysterisches Amerika nach dem 11. September tut. Ein Land, das sich Fragen stellt wie: Wie können wir unser Land schützen? Ist Folter erlaubt, um an Informationen zu kommen? Da werden durchaus aktuelle moralische Fragen verhandelt, das sieht man in der Serie ganz gut widergespiegelt.

Sie haben eben beschrieben, dass Politik in Fernsehserien nicht nur realistisch dargestellt werden kann. Sie muss aus Gründen der Unterhaltung und der Spannung auch zuspitzen und mit fiktionalen Elementen arbeiten. Sehen Sie eine Gefahr, dass der Zuschauer fiktionale und reale Elemente durcheinanderbringen könnte und somit ein Politikbild vermittelt wird, das der Realität nicht entspricht?

Absolut, ja. Weil die Serien sehr eindrücklich wirken. Im besten Fall kann man die Serien zur politischen Bildung nutzen und etwa einzelne Clips auch in der universitären Lehre verwenden, um bestimmte politische Sachverhalte zu vermitteln. Es kann aber natürlich auch nach hinten losgehen: Etwa wenn in den Serien ein falsches, zynisches oder abwertendes Bild von Politik transportiert wird. In unserem Buch hat sich eine Gruppe von Autoren mit einer chinesischen Serie beschäftigt. Eine fiktive Serie, in der es um Korruptionsbekämpfung geht, und die zur Unterhaltung gedacht war. Die Serie war aber auch Teil einer Kampagne der Regierung gegen Korruption. Da wird dann das eindringliche und überzeugende Format einer popkulturellen Serie genutzt, um Teil eines Staatsprogramms sein. Vor diesem Hintergrund ist es dann natürlich auch interessant zu fragen: Was überwiegt bei Serien wie „House of Cards“? Entwickeln die Menschen, die sich die Serie anschauen, ein verstärktes Interesse für Politik? Oder überwiegt der Eindruck, dass Politiker Leute sind, die nur ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen und es so etwas wie das Gemeinwohl oder demokratische Orientierung eigentlich gar nicht gibt?

„Die Logiken und Zwänge von Demokratie“

Sind Serien wie „House of Cards“ denn letztlich nur reine Fiktion, oder können sie auch politische Bildung vermitteln?

Das können sie auch. Einzelne Teile, einzelne Clips, habe ich auch immer wieder in meiner Lehre verwendet. Bei „House of Cards“ etwa fand ich die Prozesse der Mehrheitsfindung, die ja ganz anders sind als bei uns in Deutschland, wo wir die starke Fraktionsdisziplin haben, sehr gut dargestellt. In den USA sind die Abgeordneten viel freier in ihren politischen Entscheidungen und müssen sehr stark mit Zugeständnissen für ihren Wahlkreis überzeugt werden. Das wird in der ersten Staffel sehr gut abgebildet. Dadurch, dass Studierende die Charaktere der Serie kennen, verstehen sie auch besser die Logik und den Mechanismus von Politik. Das geht aber nur für bestimmte Elemente, weil andere wiederum so übertrieben und hanebüchen sind und nichts mit der Realität und den echten politischen Prozessen zu tun haben.

Was kann man noch aus der Serie „House of Cards“ lernen?

Etwa, dass Politik nicht nur an einzelnen Personen hängt. Das wird bei „House of Cards“ auch gut gezeigt, etwa dadurch, dass Frank Underwood seinen Büroleiter hat, der nahezu alles über ihn weiß. Dass er ein Netzwerk an Personen hat, das ihn unterstützt - Redenschreiber, Berater, Spin Doktoren. Die Person Frank Underwood steht nie für sich alleine. Das wird in den späteren Folgen dann weniger, aber am Anfang ist das gut zu sehen. In der ersten Staffel werden zudem sehr gut Ausprägungen einer Demokratie deutlich, weil Frank Underwood, während er ein wichtiges Gesetz verhandelt, in seinen Wahlkreis zurück muss, weil ihm dort ein Konkurrent den Sitz im Kongress streitig macht. Das zeigt gut das Prinzip „All politics is local“. Ein amerikanischer Politiker muss immer wieder in seinen Wahlkreis und ist abhängig von seinen Wählern, die ihm ja auch wieder ihre Stimme geben sollen. Dieses Lavieren zwischen der Unterstützung der Wähler und der großen Politik in Washington ist etwas, das in „House of Cards“ sehr gut vermittelt wird. Man sieht dort sehr gut die Logiken und Zwänge von Demokratie.

„Die Serien spiegeln die Stimmung der Zeit“

Können sich politische Realität und Fernsehserien gegenseitig beeinflussen?

Wir schauen viele Serien und Filme, in denen es um Politik geht. Und in dem Bereich wird auch viel geforscht. In den USA werden sogar Late-Night-Shows untersucht, und die Witze, die man dort über Politik macht. Und auch über die Heute-Show im ZDF gibt es eine solche Untersuchung. Und natürlich ist die Populärkultur etwas, was uns umgibt, was wir konsumieren und was auf unsere Einstellungen und Präferenzen einwirkt. Es ist für uns Wissenschaftler halt immer nur sehr schwierig zu isolieren, was die politische Einstellung der Zuschauer dann wirklich beeinflusst. Aber unbestritten ist: Es gibt diesen Einfluss. Und man sieht es auch andersherum, dass diese Serien auch eine Stimmung der Zeit spiegeln.

Können Sie ein Beispiel für den Einfluss von Popkultur auf die Realität nennen?

Ja, vielleicht mal außerhalb der Politserien: Im Science-Ficton-Bereich waren früher die Bilder, die in Serien und Filmen produziert wurden, schon weiter als die eigentliche Technik. Und als die Nasa dann Raumschiffe und Raumanzüge gebaut und entworfen haben, orientierten sie sich an diesen Bildern aus den Serien und Filmen. Die Nasa musste akzeptieren, dass die Menschen schon bestimmte Vorstellungen im Kopf haben, wie ein solcher Raumanzug auszusehen hat. Da war dann die Fiktion zuerst da, und die Realität hat sich an ihr orientiert.

Wenn Sie mal die im Buch dargestellten Serien anschauen, welches Politikbild wird dort vermittelt? Steht Politik eher in einem schlechten Bild da?

Es ist schon oft so, dass Politik kritisch beobachtet wird. Es sind oft Erzählungen, in denen es um Machtgewinn geht, und um Menschen, die auch um den Preis von Freundschaften oder sogar mehr die Leiter nach oben kommen wollen. Wie eben Frank Underwood. Es gibt aber auch Satiren, die sich lustig machen über die Politik. Das ist ja wie beim politischen Kabarett auch ein sehr altes Motiv: dass man versucht, sich über die Herrschenden lustig zu machen. Das Resultat kann auch bei diesen Satiren sehr unterschiedlich sein: Eine sehr gut gemachte kluge Satire mit Tiefe, die Politik dekonstruiert, kann natürlich wiederum ein gutes Mittel sein, Politik zu vermitteln. Aber es kann auch sein, dass diese Satiren Politik einfach nur verächtlich macht, und der Zuschauer über sie lacht. Das ist dann eher abträglich, weil es eine gewisse Ablehnung der Bürger gegenüber Politik befördert.

„Die Menschen sind emotional stärker von Politik betroffen“

Es gibt mittlerweile zahlreiche sehr erfolgreiche Politserien. Wie erklären Sie sich den Boom?

Bei einer stärkeren Polarisierung in der Gesellschaft sind die Menschen emotional stärker von Politik betroffen und machen sich mehr Gedanken über sie. Vielleicht sind sie deshalb auch interessierter, dies als dramaturgischen Stoff noch einmal erzählt zu bekommen, weil es eben nicht nur um langweiliges Politikverwalten geht, sondern auch Konflikte ausgetragen werden. Der Streit in der Bundesregierung der vergangenen Monate hatte ja schon einiges an dramaturgischem Potenzial zu bieten. Das führt sicherlich mit dazu, dass Serien stärker nachgefragt sind.

Warum gibt es in Deutschland eigentlich keine äquivalenten Serien zu „House of Cards“ oder „Borgen“?

Das war ein Rätsel, das wir Autoren in dem Buch auch nicht ganz klären konnten. Wir haben uns die Serie „Kanzleramt“ noch einmal genauer angeschaut. Da war nach unserer Sicht das Problem, dass zu sehr 1:1 die amerikanische Serie „West Wing“ auf Deutschland übertragen werden sollte. Aber das funktioniert aufgrund der unterschiedlichen politischen Systeme nicht. Es gibt aber auch gute Beispiele wie etwa die ARD-Miniserie „Die Stadt und die Macht“. Oder „Eichwald, MdB“, eine sehr kluge ZDF-Satire über einen Hinterbänkler im Bundestag, in der es darum geht, was die weniger sichtbaren Mitglieder des Bundestages machen oder wie ein Bundestagsbüro aufgebaut ist. Das geht schon in die richtige Richtung, aber da ist Raum für mehr. Und es wundert ein bisschen, dass ARD und ZDF in diesem Bereich nicht erfolgreicher agieren. Eine Ausnahme sind Stoffe etwa über die Deutsche Einheit wie „Weißensee“. Da gibt es einiges, was qualitativ hochwertig ist, eben weil es auch eine Besonderheit der deutschen Geschichte ist.

„Die Regierungsbildung wäre ein interessantes Serienthema“

Worum könnte sich eine deutsche Politserie denn drehen?

Ich könnte mir schon vorstellen, dass man einen Parteitag, auf dem es um die Zuspitzung einer Kandidatur geht, oder den Wahlkampf zu einer Serie verarbeitet. Das sind doch spannende Themen, wer da mit welchen Taktiken arbeitet, und wer dann die Nase vorn hat. Ein gutes Beispiel wäre doch auch die vergangene Regierungsbildung in Deutschland mit ihren nächtelangen Sitzungen und dauernden Veränderungen.

Noch einmal zurück zu „House of Cards“. Glauben Sie, dass die Serie ohne Kevin Spacey beziehungsweise Frank Underwood noch interessant ist?

Es hatte schon viel mit ihm als Charakter zu tun. Wir haben uns ja sehr intensiv mit den Inhalten der Serien befasst. Aber es braucht natürlich auch Schauspieler, die das vertreten. So wie es ja auch Politiker gibt, die für bestimmte Programme stehen. Da muss man dann schon einen klugen Dreh hinbekommen, um das auch ohne die Figur Frank Underwood genauso interessant weiterzuerzählen. Aber erfahrungsgemäß haben die Amerikaner immer sehr kreative Ideen für neue Inhalte und spannende Wendungen. Ich bin gespannt, was uns in der neuen Staffel erwartet.

Von Kristian Teetz

Der WDR-Film „Aufbruch ins Ungewisse“ entwirft das fiktive Szenario eines von rechtsextremen Diktaturen dominierten Europas, aus dem Andersdenkende nach Afrika flüchten müssen. Ein Zuschauer sah darin unterschwellige Hetze gegen die AfD. Der Rundfunkrat überprüfte nun die Beschwerde.

01.11.2018

Die Hollywood-Legende Barbra Streisand (76) hat laut im Auto gesungen – nach eigenen Worten zum ersten Mal. Für die Show „Carpool Karaoke“ mit James Corden hat sie sich Streisand breitschlagen lassen und zeigt, wie gut ihre Stimme auch heute noch ist. Erst vor Kurzem hat sie einen Song veröffentlicht, in dem sie US-Präsident Trump scharf kritisiert.

31.10.2018

Wenn sich die Sonne nicht blicken lässt, gibt es auch keinen Grund vor die Tür zu gehen. Also her mit den Serien! Hier sind unsere 15 Serien-Empfehlungen von Netflix, Amazon Prime Video und Sky für den November 2018.

01.11.2018