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Panorama Einfach weiter nach dem Scheitern?
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20:13 01.06.2018
Vorbild Stehaufmännchen: Viele Berater wollen den Menschen – besonders den Deutschen – mehr Mut zum Scheitern verordnen. Das ist leichter gesagt als getan. Quelle: Science Source
Hannover

Wahrscheinlich stimmt es einfach nicht, was man über das Verlieren sagt, wahrscheinlich war es schon immer eine Lüge. Man redet sich das ja nach einer Niederlage selbst gerne ein: dass sie zu etwas gut sei, dass man an ihr wachse, all solche Dinge, an die man selbst nur zu gern glauben würde. Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Jeder, der bei der Arbeit schon mal mit einem wichtigen Projekt gescheitert ist, der von einer großen Liebe verlassen wurde oder der das Spiel seines Lebens verloren hat, weiß es besser. Mag sein, dass einen diese Erfahrungen nicht umbringen. Aber härter machen sie auch nicht. Sondern erst mal sehr viel weicher.

“Man wächst nicht an Niederlagen“, hat Jan Philipp Reemtsma einmal in seinem Buch über den Boxer Muhammad Ali geschrieben. “Man geht an Niederlagen zugrunde, und wo man nicht zugrunde geht, wird man deformiert.“ Und wer daran irgendwelche Zweifel hat, kann vielleicht in ein paar Wochen oder Monaten, wenn der wieder reden mag, mal bei Loris Karius nachfragen.

Zwei Fehler im Finale

Karius, dies zur kurzen Auffrischung, ist ein 24-jähriger Fußballer, der vergangenen Sonnabend mit seinem Verein, dem FC Liverpool, im Finale der Champions League stand. Karius spielt im Tor. Kurz nach der Halbzeitpause will er den Ball rasch abwerfen, trifft aber die Fußspitze von Karim Benzema, dem gegnerischen Stürmer, von dort kullert der Ball ins Tor.

Es war ein kurioses Tor, ein schwerer Fehler, aber das war anderen Torwarten in großen Spielen auch schon passiert. Oliver Kahn zum Beispiel 2002 im Finale der WM oder dem Bremer Tim Wiese 2006, als er sich, ebenfalls in der Champions League, so spektakulär mit dem Ball fallen ließ, dass er diesen aus den Händen verlor und der Gegner ihn nur noch ins leere Tor zu schieben brauchte. Auch das war ein geradezu grotesker Fehler.

Karius aber beließ es nicht dabei. Als eine halbe Stunde später ein eigentlich harmloser Ball in aller Ruhe genau auf ihn zufliegt, lässt er ihn durch die längst erhobenen, zum Fangen bereiten Hände gleiten. 1:3. Das Spiel war entschieden.

Extremversion des öffentlichen Scheiterns

Torwarte sind per se tragische Figuren. Sie sind entweder große Helden oder noch größere Deppen. Weil es niemanden gibt, der ihre Fehler ausbügelt. Zur Niederlage kommt noch der Selbstzweifel, das Wissen, dass die Schuld immer auf das eigene Konto geht. Man kann als Torwart ein sehr einsamer Mensch sein.

Loris Karius durchleidet seitdem so eine Art Extremversion des öffentlichen Scheiterns. Gleich zwei epochale Fehler in einem so wichtigen Spiel sind einzigartig. Und anders als noch bei Kahn oder Wiese hat inzwischen auch jeder zu Hause die Möglichkeit, an der öffentlichen Hinrichtung eines Scheiternden mitzuwirken. So ist der Fall Karius auch so etwas wie ein Lehrstück darüber, wie wir es denn nun halten mit den Fehlern und dem Scheitern.

Es hat in letzter Zeit viele Versuche gegeben, dem Scheitern etwas von seinem Schrecken zu nehmen, im Sport und auch sonst. Per Mertes­acker hat vor einigen Wochen sein bemerkenswertes Interview gegeben, in dem er von der irrsinnigen Erwartungshaltung im Fußball erzählte, auf die sein Körper mit Brechreiz und Durchfall reagierte. Mertesacker wollte sich etwas von der Seele reden, vor allem aber wollte er den Druck reduzieren, dem Spieler ausgesetzt sind und unter dem sie leiden.

Mittzwanziger präsentieren ihre schönste Niederlage

Genau dasselbe wollen ja auch all die Berater, Coaches und Manager, die den Deutschen mehr Mut zum Scheitern verordnen wollen, zum Ausprobieren und Fehlermachen.

Im Silicon Valley zum Beispiel, sagen sie, gehört mindestens ein in den Sand gesetztes Start-up zum guten Ton jedes ordentlichen Jungunternehmers, in Deutschland dagegen sei Scheitern ein Makel, den man kaum wieder loswird. Anschließend schreiben sie dann Bücher, die “Scheitern als Chance“ heißen, und veranstalten “Fuck-up-nights“, bei denen Mittzwanziger von ihrer schönsten Niederlage erzählen.

Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen. Weil “Scheitern als Chance“ natürlich reichlich schlicht klingt, und weil in diesen “Fuck-up-nights“ gerne mal Menschen erzählen, die es am Ende mit ihrer online vertriebenen veganen Biobrause doch noch auf die Siegerstraße geschafft haben. Es gibt das schöne Scheitern und das hässliche Scheitern. Die Geschichten vom hässlichen Scheitern wollen wenige erzählen, und vielleicht wollen sie noch weniger hören. Es ist auch nicht so, dass einmal gescheiterte Unternehmer anschließend erfolgreicher wären, Studien belegen das nicht.

Die Niederlage ist der Normalfall

Aber natürlich haben die Verfasser all der Ratgeber recht mit ihrer Mission, das Verlieren salonfähig zu machen. Nicht so sehr, weil es den Gründergeist stärkt und Deutschland erfolgreicher macht, das mag ein Grund sein, aber es ist nicht der wichtigste.

Es gibt noch ein paar andere gute Gründe. So etwas wie Menschlichkeit, zum Beispiel. Wenn die Niederlage der Normalfall ist, wenn sie gefühlt noch häufiger vorkommt als ein Sieg, dann wäre es doch eine gute Idee, den Gescheiterten zu respektieren, oder? Sagt sich so leicht.

Als der Torwart Loris Karius nach dem Abpfiff auf dem Spielfeld steht, kommt erst mal keiner seiner Mannschaftskollegen zu ihm. Lange lassen sie ihn allein. Eine pflichtschuldige Umarmung seines Trainers, Trost im Minimalprogramm. Einige Tage später gibt es Gerüchte, Liverpool suche nach einem neuen Torwart. Wäre Karius nicht Torwart eines englischen Fußballklubs, sondern Mitarbeiter eines deutschen Großkonzerns: Seine Erfahrungen wären wohl die gleichen gewesen.

Ganz allein, ganz öffentlich am Boden: Liverpools Torwart Loris Karius nach dem Abpfiff des Champions League-Finales. Quelle: dpa

Die Liverpool-Fans im Stadion singen schließlich ihre Hymne “You’ll Never Walk Alone“ für ihn, aber es gibt andere, Tausende, die ihn im Netz verhöhnen, beleidigen, schließlich auch bedrohen. Einer hackt die Wikipedia-Seite und fügt in dem Artikel über ihn ein Todesdatum ein, das Datum des Spiels. Die Polizei ermittelt wegen Morddrohungen.

Es ist ganz sicher so, dass die Mehrheit der Fans den Verlierer bedauert. Man bewundert den Sieger, aber man fühlt mit dem Verlierer, so ist es ja. Aber das gilt nicht für alle, nicht für die Schreiber von Hassmails, Hasstweets mit den mächtigen Instrumenten des Netzes. Es gibt gute Gründe, warum Menschen zögern, sich öffentlich zu ihren Schwächen zu bekennen.

Es ist auch kein Zufall, dass Per Mertesacker erst am Ende seiner Karriere über den Druck sprach, den Brechreiz. Und es ist auch kein Wunder, wenn Unternehmer nicht Schlange stehen, um bei “Fuck-up-nights“ mitzumachen oder VW-Mitarbeiter ihre Fehler lieber weiter für sich behalten.

Die Furcht vor der Häme

Sie alle fürchten die Häme, den Makel des Scheiterns, den Zorn der Chefs oder von Lothar Matthäus, der nach einem Spiel im trockenen Studio über alles und jeden richtet. Die Niederlage als Chance? Jedem Scheitern wohnt ein Zauber inne? Das klingt romantisch. Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Der Weg aus Niederlagen, sagen Psychologen, führt nur darüber anzuerkennen, dass sie wehtun, dass man brüllen möchte vor Wut oder Schmerz, aber dass sie eben auch nur eine Episode sind, nicht das ganze Leben, dass sie vorübergehen.

“Stärker zurückkommen“, das ist so eine Fußballerphrase, Karius hat sie auch benutzt, gerade mal einen Tag nach dem Spiel. “Wir werden stärker zurückkommen“, hat er da getwittert oder twittern lassen, wer weiß das.

Die innere Folter aushalten

Vielleicht ist es aber ja auch schon eine ganze Menge, wenn man überhaupt zurückkommt, und das vielleicht nicht mal geschwächt. Der große russische Torwart Lew Jaschin hat mal gesagt, die Tore, die man kassiert hat, würden einen verfolgen, mehr als jeder gehaltene Ball, die “Süddeutsche“ hat daran erinnert. “Wer diese innere Folter nicht aushält“, sagte Jaschin, “hat keine Zukunft.“ Aushalten – das war für ihn schon viel.

Es scheint, als sei ihm das ganz gut gelungen, er war der Übertorwart der Sechzigerjahre. Es ist zumindest sehr gut möglich, dass Torwarte Menschen sind, von denen der Rest der Welt über das Verlieren noch eine ganze Menge lernen kann.

Von Thorsten Fuchs

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